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Der Israelit · 1882-06-28 · Heft 26 (28.6.1882) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 26 (28.6.1882)
Date
1882-06-28
Page
– (sequence 19)
Language
German
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659 schleudere, so wichen die Bauern gegen die Kirche zurück. Diesen Moment benützten einige gebildete Christen, (so insbesondere der Kaufmann Gewinski, der Kreis-Schulinspector Kryschanowski und der geistliche Gehilfe des Protohierei), um sie zum Eintrittin die Kirche zu bewegen. Viele folgten, Andere hielten sich kampfbereit im Vorhof, auf dem Platze' blieben nur Wenige zurück. In diesem Augenblicke (gegen 11 Uhr) traf Tirmaschewski vor der Kathedrale ein und schrie den Juden zu, auseinander zu gehen. Als Kryschanowiski bemerkte, daß ja nur die entschlossene Haltung derselben bisher Gewaltthat und Plünderung verhütet, herrschte er ihn an „Das kümmert Sie nichts! Hier befehle ich!" Gleichwohl gehorchten die Juden erst, als er drohte, bei fernerem Zögern Militär gegen sie aufzubieten, und zogen sich endlich, von den Polizeidienern gedrängt, ganz in die Häuser zurück, während die Bauern ein betäubendes „Urrah!" anstimmten. Timarschewski bestieg hierauf seinen Phaeton und fuhr davon. Nun brachen die Bauern flugs aus der Kirche hervor, stürzten sich auf die nun unbeschützten jüdischen Häuser des Platzes und begannen die Fenster und Thüren zu zerschmettern. Weiter kamen sie nicht, denn wohl sahen die Polizisten ruhig zu, aber die Juden kehrten zurück und warfen sich ihnen entgegen. Die Bauern stoben, kaum daß sie die Revolver sahen, sofort mit dem Rufe: „Flieht, Brüder, die Juden werden schießen!" auseinander. Erst in der Lesnaja Ulica sammelten sie sich wieder, wurden jedoch auch hier zersprengt, nachdem sie in neun Häusern die Thüren zerschmettert und eines zu plündern begonnen. Aehnlich geschah es ini „Türkischen Viertel". Um Mittag verzogen sich die Hausen wieder in die Vorstadt. Diese Vorzeichen ließen für den Abend das Schlimmste befürchten. Einige christliche Einwohner, darunter der Protohierei, legten dies dem Polizeimeister nahe. Er erwiderte, die Hauptsache sei Beruhigung der Gemüther, was er denn auch sofort versuchen wolle. Leider beruhigte er aber nur die Juden, und auch diese in ganz aparter Art. Um 2 Uhr trat er, von zahlreicher Wachmannschaft begleitet eine Rundfahrt durch die Stadt an, verbot den Juden, aufs strengste, die Straßen zu betreten, und forderte ihnen die Revolver ab. Ihre flehentlichen Bitten, davon abzustehen, da sie ja sonst hilflos dem Verderben preisgegeben seien, blieben vergeblich. Wer nicht freiwillig gehorchte, wurde sofort gefesselt und ins Gefängniß abgeführt, so der Arbeiter Avrum Becker in der Boulevardnaja Ulica. Um 4 Uhr war die Entwaffnung durchgeführt, der Polizeimeister kehrte heim. Die Folgen dieser Beruhigungs-Action sollten sich schon in nächster Stunde offenbaren. Um 472 Uhr kam ein Haufe Bauern, mit Sensen und Keulen bewaffnet, mit Stemmeisen und großen Säcken versehen, auf die „Türkische Seite", occupirte dort mehrere auf wiederholten strengsten Befehl der Polizei offen gebliebene Schänken und begann zu zechen. Durch diese Ausrüstung beängsttgt, avisirten die Juden ihre Glaubensgenossen aus der „Polnischen Seite". Als jedoch die Boten daselbst eintrafen, hatte der Kampf dort bereits begonnen. Die unmittelbare Veranlassung hiezu war, wie auch officiell constatirt wurde, ein Kind. Dies ist aber auch die einzige wahre Angabe, welche sich in dem amtlichen Berichte vom 29. April findet. „Ernstliche Unruhen," heißt es daselbst, „sind überhaupt nur in Balta vorgekommen, wo die Schuld jedoch ausschließlich auf die Juden fällt, welche anläßlich der Schmähung eines Juden durch ein Kind christlicher Eltern dem Kampfe eine weitere Ausdehnung gegeben haben." Aus den Untersuchungs-Acten kann die Rgierung diese Angabe nicht geschöpft haben, denn die Commission hat, um die peinliche Wahrheit nicht constatiren zu müssen, den Vorfall überhaupt ignorirt. Der Sachverhalt aber ist tatsächlich folgender: Gegen 5 Uhr fand sich auf dem Kathedralplatze eine Haufe von etwa vierzig Bauern und Arbeitern ein, ganz ebenso ausgerüstet wie Jene auf der „Türkischen Seite", also sichtlich zur Plünderung entschlossen, verhielt sich jedoch unthätig; .die Leute harrten offenbar auf Verstärkung. Da aber statt dieser die Nachricht kam, daß Viele sich auf der „Türkischen Seite" versammelt, so traten sie eben den Marsch dahin an, als ihnen auf dem sonst völlig menschenleeren Platze vor einem der jüdischen Häuser, dessen Fenster Vormittags zertrümmert worden, einem Gasthofe, zwei Kinder in's Auge fielen, welche dicht an der Mauer mit Glasscherben spielten. Es waren dies die Kinder der Bediensteten des Gasthofes, der dreijährige Knabe des Kellners Schlome Weiner und das fünfjährige Mädchen der christlichen „Sabbathmagd" (eine Mägd, welche insbesondere alle Hausarbeit am Samstag zu verrichten hat), welche von ihren Eltern in dem Keller geborgen worden, aus dem sie, ohne daß diese es ahnten, durch's Fenster auf die Straße gekrochen. „Ist das nicht jüdische Brut?" fragte einer der Männer, worauf das kleine Mädchen, ohne Schlimmes zu ahnen, erwiderte: „Ich nicht, aber dieser da!" Hierauf versetzte der Mann dem Knaben einen so furchtbaren Fußtritt, daß derselbe einige Schritte weit flog, mit der Stirn an die Steinbank neben dem Hausthor anschlug und blutüberströmt zusammensank. Das Kind hat eine Gehirnerschütterung erlitten und ist einige Tage später gestorben. Durch das Gelächter der Bauern und den Aufschrei des Mädchens aufmerksam gemacht, stürzten die Bewohner des Hauses an's Fenster, und als der Kellner seinen Knaben wie todt daliegen sah,

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