Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1882)
- Date
- 1882-06-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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658 Feuilleton. Pie Juden von Aalta. (Fortsetzung.) Der Samstag verging ruhig; erst am Abend kam es vor einigen Schänken zu heftigen Scenen. Einheimische Proletarier verlangten Einlaß, die jüdischen Schänkwirthe weigerten denselben. Da sie hiebei von ihren Glaubensgenossen kräftig unterstützt wurden, so wären wohl die unwillkommenen Gäste rasch abgezogen, wenn nicht der Polizeimeister die Oeffnung der Schänken angeordnet hätte. Er motivirte diesen Befehl einer Deputation gegenüber, welche die Gemeinde sofort an ihn sendete, einerseits mit den Vorschriften der Gewerbe-Ordnung (wer eine öffentliche Eoncession erhalten, dürfte den Ausschank nicht willkürlich einstellen), andererseits mit der Vorsorge für die Inden: die plötzliche Entziehung der gewohnten Erfrischung sei wohl geeignet, den Bauer zum Aeußersten zu reizen; der arme Christ wolle zn Ostern auch seine Freude haben. Auf den Einwand, daß der nüchterne Bauer keinesfalls so zu fürchten sei, wie der betrunkene, erwiderte Timarschewski: „Ihr habt erklärt, daß ihr keine Furcht habt. Bleibt dabei, ich bleibe bei meinem Befehle!"' Trotzdem wußten die Juden die Ausführung desselben wenigstens für diesen Abend zu verhindern; theils bestachen sie die Polizeileute, so daß diese die Proletarier fortschickten, theils trieben sie selbst die Haufen auseinander. Nur zwei Schänken mußten geöffnet werden, doch gelang es den Juden auch hier, jeden Exceß im Keime zu ersticken. Auf dem Heimwege begannen die Betrunkenen die Fenster einzuschlagen und einzelne Juden zu prügeln, wurden jedoch von den Anderen vertrieben. Am nächsten Morgen, dem des Ostersonntags, lastete unheimliches Schweigen über der sonst so geräuschvollen Stadt. Die Straßen lagen wie ausgestorben, die Läden waren verrammelt, die Hausthüren geschlossen, die Fenster der oberen Stockwerke ausgehoben , um die Scheiben vor Zertrümmerung zu bewahren; aus keinem Schornsteine wirbelte Rauch auf; die wenigen Bewohner, ^ie sich Zuweilen blicken ließen, waren;ene Juden, die als Wache von Gasse zu Gasse gingen und den Verkehr unter den innerhalb der Häuser Versammelten vermittelten. So öde war es namentlich auf der „Türkischen Seite", dem fast ausschließlich von der ärmeren Judenschaft bewohnten Stadtviertel, welches am linken Ufer des Baltaflüßchens liegt und durch die Nikalaibrücke mit dem eigentlichen Centrum, der „Polnischen Seite", verbunden ist. Doch war es auch hier still genug, denn die christlichen Bürger hielten sich gleichfalls in ihren Häusern, welche sie bereits am Abende vorher durch Ausstellung von Kreuzen, Heiligenbildern und Kirchenfahnen kenntlich gemacht. Als die Glocken der Kathedrale (auf der „Polnischen Seite") zur Messe riefen, schien der Augenblick der Gefahr gekommen; nun würden wohl', dacht" man, die angesammelten Haufen in die Stadt dringen. Aber nur die Arbeitsleute und Proletarier der Vorstadt kamen zur Kathedrale gezogen, auch diese in sichtlich gedrückter Stimmung; kein Fremder war unter ihnen, der erwartete Zuzug war ausgebliebeu. Es war dies das Verdienst der Popen der umliegenden Dörfer?, welche, echte Priester des Herrn, ihre Pfarrkinder zum Frieden überredet. Ebenso warm und eifrig-erfüllte'-der Protohierei von Balta die Pflicht der Menschlichkeit; er sprach in seiner Predigt den Einheimischen scharf ins Gewissen. Wirklich zogen sie friedlich heim; wie viel hiezu das Wort des Priesters beigetragen, wie die Furcht vor der enormen Ueberzahl der Inden, muß freilich dahingestellt bleiben. Nachmittags und Abends kam es in und vor den Schänken wieder zu ähnlichen Scenen, wie am Vortage, doch gestalteten sie sich weit schlimmer. Das Gejoble währte die Nacht hiendurch, es gab Straßen, wo keine Scheibe ganz blieb; wer sich vereinzelt blicken ließ, wurde halbtodt geprügelt. Auch wurde ein verrufenes Haus auf der „Türkischen Seite" ganz ausgeplündert, die Bewohnerinnen, gleichviel welchen Glaubens, unmenschlich mißhandelt; eine derselben verschied gegen Morgen unter den Händen ihrer Peiniger. Die' Polizei schritt nicht ein. Noch bedrohlicher gestaltete sich die Sachlage am Ostermontag. Vor der Kathedrale fanden sich diesmal neben dem heimischen Proletariat auch etwa 4 OG Fremde ein, tl)eit§ Kazappen, itjeifö Bauern aus den Dörfern. Nur Wenige traten bei Beginn des Gottesdienstes in die Kirche, die Meisten blieben vor derselben, johlten, drohten und begannen einen Schnapskeller zu plündern. Nun traten die Juden der umliegenden Straßen bewaffnet vor ihre Häuser, erhielten auch binnen wenigen Minuten, der Verabredung gemäß, starken Zuzug aus den unbedrohten Quartieren. Die Bauern ließen sofort von der Plünderung ab, verhielten sich eine Weile ruhiger und rafften dann Steine auf. Bis dahin waren nur einige Polizisten auf dem Platze gewesen, nun erschien der Pristow Bilawenski und befahl: „Zydy, po domach!“ (Juden, in die Häuser!), was der Pöbel eifrig nachschrie. Die Juden gehorchten nicht, der Pristow zog schimpfend ab, den Polizeimeister zu holen. „Warten wir ab, bis er kommt!" riefen die Bauern. „Er hält es mit uns!" Auch begannen sie nun die Juden mit Steinen zu bewerfen, da aber einige von diesen Revolver hervorzogen und drohten, Jeden zu erschießen, der noch einen Stein