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Der Israelit · 1882-06-28 · Heft 26 (28.6.1882) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 26 (28.6.1882)
Date
1882-06-28
Page
– (sequence 20)
Language
German
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660 sprang er, vor Zorn und Schmerz rasend, durchs Fenster auf die Gasse, warf sich auf einen der Bauern und rang ihn nieder. Im nächsten Augenblicke mit Keulenhieben überdeckt, wäre er zweifellos eine Minute später ein todter Mann gewesen, wenn nicht seine Mitbediensteten, mit Aexten und Stöcken bewaffnet, flugs zu Hilfe geeilt wären. Ebenso stürzten die Juden aus den Nachbarhäusern hervor und beide Parteien schlugen nun mit furchtbarer Erbitterung los, bis die Bauern, von der Ueberzahl gedrängt, gegen die Kirche zu flüchteten. In diesem Momente langte, von den Bauern mit Urrahrufen begrüßt, eine größere Abtheilung Polizeiwache ün, mit ihnen der Viertelmeister Stiborski. Selbst der Leiter der gerichtlichen Untersuchung, Procurator Arystow, der gewiß nicht die Tendenz verfolgte, Un- *' terlassungssünden der Behörden aufzudecken, hat später nicht umhin können, auszusprechen, daß damals noch eine einzige Mahnung an die Bauern, sich zu unterwerfen, allem ferneren Urtheil vorgebeugt hätte. Aber auch nun lautete der erste und einzige Befehl: „Juden, in die Häuser!" — allerdings trifft den untergeordneten Beamten keinerlei Verschulden, er führte nur eben die gemessene Instruction seines Vorgesetzten aus. Die Juden wichen nicht. „Wir wissen nun, was dann folgt!" riefen sie wild. „Jetzt ist auch Blut geflossen! Wir lassen uns nicht zersprengen, um dann einzeln hingeschlachtet zu werden!" .Nun warfen sich die Polizisten auf sie und drängten sie so weit zurück, daß zwischen den beiden Haufen ein Zwischenraum von etwa zwanzig Schritten entstand. Dies benützten die Bauern und occnpirten jenen Theil des Kathedralplatzes, der zwischen der Kirche und dem städtischen Feuerwehr-Gebäude liegt, weil dort große Stein- und Schotterhaufen lagen, die ihnen das gewünschte Wurfmaterial boten. Durch zahlreichen Zuzug unterstützt — ihre Zahl war während der kurzen Frist auf etwa 150 angewachsen — überschütten sie nun unter dem Hohnrufe: „So gebrauchet doch eure Revolver!" die Juden mit einem Steinhagel; auch die dienstfreien Pompiers schlossen sich ihnen an; die Polizei sah ruhig zu. Unter den Juden, deren Zahl inzwischen gleichfalls beträchtlich gestiegen, riß nun wilde Verwirrung ein; die Einen drängten zurück, den Steinwürfen zu entgehen, die Anderen vorwärts, sich auf die Bauern zu stürzen. Der betäubende Lärm zog immer mehr Leute herbei. Von den Spitzen der Localbehörden war noch immer Niemand zu sehen, hingegen eilten einige andere Beamte, so der Accise-Secretär Laschinski, der Vice- Bürgermeister Fallinski und der Jnspector Kryschanowski herbei, drängten zu den Bauern durch und herrschten sie an, sofort beimzugehen. Da die Herren in Uniform waren, wichen in der That die fremden Bauern zurück, aber die Baltaer Proletarier riefen: „Lasset euch nicht einschüchtern! Die sind ja nicht von der Polizei! Wenn es uns lder Herr Polizeimeister sagt, dann wollen wir gehorchen!" Die Herren mußten sich zurückziehen. „Es ist himmelschreiend!" schreibt einer von ihnen in einem Privatbriefe (an den Lehrer Maschbir), der mir Vorgelegen. „Ein Wort vom Polizeimeister, ein einziges Wort und das unermeßliche Unglück hätte sich nie ereignet!" Timarschewski hatte inzwischen allerdings Wichtigeres zu thun; er hatte aus die Meldung des Viertelmeisters, daß die Juden nicht gehorchen, den Jsprawnik aufgesucht, mit diesem vereint den Local-Commandanten Karapuchin zur Intervention aufgefordert und wartete nun in seinem Bureau ab, bis das Militär aus seiner Kaserne (auf der „Türkischen Seite") eintreffen würde. Indessen war der Kampf auf dem Kathedralplatze iu ein neues Stadium getreten. Da die Bauern immer weiter vordrangen und die Judenhäuser nächst dem Feuerwehr-Gebäude zu plündern begannen, so rafften sich die Juden, von denen etwa zehn bereits verwundet waren, auf, stürmten vor, zersprengten den Haufen und drängten durch Steinwürfe und Stockhiebe die Einen in den Hofraum der Feuerwehr, Andere in den Vorhof der Kirche zurück. Hiebei wurden auch zwei Kirchenfenster durch Steinwürse zerschmettert, ein Umstand, der den Juden später sehr verhängnisvoll werden sollte. So standen die Dinge, als Timarschewski und Karapuchin mit den Soldaten eintrafen. Die Juden wichen zurück, die Bauern brachen wieder hervor; die Einen warfen sich auf die Juden, die Anderen gingen mit dem Rufe: „Brüder, nun kann weiter gearbeitet werden!" an die gänzliche Plünderung jener Häuser, aus denen sie früher durch den Vorstoß der Juden vertrieben worden. Gleichwohl befahl der Polizeimeister: „Juden, zurück!", derPulkownik wiederholte es, das Militär löste sich in Schwärme auf und begann mit den Gewehrkolben auf die Juden eiuzuhamn. Diese begannen nun zu flüchten. Nicht durch jüdische, sonderu durch christliche Augenzeugen ist es erhärtet, daß ein Beamter und ein Offizier hiebei den Soldaten unablässig zuriefen : „Schafft die Juden weg! Die Bauern laßt ungeschoren, das sind friedliche Leute!" Und dieselben Zeugen haben es gehört und gesehen, wie diese „friedlichen Leute" unter beständigem Urrahrufen auf den Polizeimeister die jüdischen Häuser plünderten, Werthsachen in die mitgebrachten Säcke steckten, den Hausrath zertrümmerten, ohne daß sie auch nur durch ein Wort, eine Handbewegung der behördlichen Functiouäre daran gehindert worden wären! . . . _ (N. Fr. Pr.)

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