Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1882)
- Date
- 1882-06-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXm. Jahrgang. Erste Beilage zu Nr. 86 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Bericht. Die Walldorfe r, Erzählung von I. Hirsch. Berlin, bei Wilhelm Jßleib (Gustav Schuhr) 1882. Von ganzem Herzen wünschen wir dem vorliegenden Buche einen recht großen Leserkreis. Ein Geist der reinsten Humanität und Menschenliebe weht uns aus demselben entgegen. Der Verfasser erzählt uns die Geschichte einiger Familien, welche in dem Städtchen Walldorf leben. Es sind gute, edle, fromme Menschen, Juden und Christen, Beamte, Kaufleute, Handwerker, die sich einander beistehcn in Freud' und Leid, in Glück und Unglück, und gemeinsam alle unberechtigten Vorurtheile bekämpfen, wo immer btefe ihnen entgegentreten. Eine der vorzüglichsten Gestalten der Erzählung ist der wenigbemittelte Kaufmann Marcus Sternthal. Seinem bankerotten Freund Falk wird er zum Rettungsengel, den armen Christen von Walldorf verschafft er Arbeit, und es gelingt ihm, den Wohlstand des Städtchens zu heben. Seine Verdienste werden auch von seinen Mitbürgern anerkannt, und er wird zum Bürgermeisterei-Adjunkten erwählt. Es ist das erste Mal, daß einem Juden ein solches Ehrenamt in Walldorf übertragen wird. Sternthal fürchtet das herrschende Vorurtheil und will das Ehrenamt ablehnen. Nur dem Drängen seiner Freunde nachgebend, entschließt er sich, das Ehrenamt zu übernehmen. Was er vorausgesehen, trifft ein. Das Vorurtheil, Neid und Haß gebärend, verfolgt ihn mit den niederträchtigsten Verleumdungen. Aber wie die Sonne, aus dem sie umhüllenden Gewölle hervortretend, Licht und Wärme spendet, leuchtet Sternthals Redlichkeit und Uneigennützigkeit. Die Verleumdungen müssen verstummen, und der Verfolgte steigt in der Achtung seiner Mitbürger höher und höher. Wahrhaft köstlich sind die Scenen des kleinstädtlchen öffentlichen Lebens geschildert, wie der dicke Metzgermeister seine Candidatenrede hält und sich für das Ehrenamt empfiehlt, da er durch seine delicaten Würstchen den Ruhm der Heimath in die weite Ferne sendet, wie der Bäckermeister für seine Wahl plaidirt, da er lange in Wien gelebt und die Feinbäckerei aus dem „f. s." erlernt habe! — Auch in das Familienleben der höheren Stände führt uns der Verfasser ein. Das ist ein reichsgräfliches Ehepaar, edel, fromm und gut, aber voller Vorurtheile in Bezug aus Stand und Religion. Der Name Jude erregt dem Paare Entsetzen; es ist nie in die Sphäre hinabgestiegen, in welcher Juden verkehren. Einer armen Waise aus Walldorf, welche von den dortigen Juden viel Gutes genossen , ist es Vorbehalten, das Vorurtheil des reichsgräflichen Paares gegen die Judm siegreich zu bekämpfen. Das junge Mädchen, welches bei der Gräfin als Gesellschafterin dient, gewinnt die Liebe des Neffen des Hauses, des Freiherrn von Rothfels. Aber der Vater des jungen Edelmannes will von einer solchen Verbindung nichts wissen, und wiederum ist es Sternthal, welcher den Widerstand des alten Freiherrn zu brechen versteht und so das Glück der Liebenden begründet. Wib fügen noch hinzu, daß die Juden, die uns in diesem Buche begegnen, streng nach dem jüdischen Religionsgesetz leben und durch ihr Beispiel dazu beitragen, daß ihre christlichen Freunde auch ihrer eigenen Religion mit Liebe anhangen. Die Sprache ist meistens schön, einige Unregelmäßigkeiten im Stil abgerechnet; manchmal wird die Darstellung wahrhaft poetisch. Es ist wohlthuend, in unserer hadervollen Zeit einem so freundlichen und friedlichen Idyll zu begegnen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Mainz, 20. Juni. Wir erhalten soeben das nachstehende Telegramm: Jaffa, 19. Juni. Mehrere russische Emigranten befinden sich in den Straßen von Jaffa ohne Obdach uno ohne Nahrungsmittel; fordern Sie, ich bitte Sie dringendst, im Namen Gottes Hilfe edler Glaubensgenossen. Amzalak. Herr Chajim Amzalak, englischer Consul, ist Präsident des Hilfs-Comitö's zu Jaffa. Wir haben sofort von den bei uns vorräthigen Unterstützungs- Geldern 500 Frs. telegraphisch angewiesen. Mainz, 21. Juni. Wir haben heute für die Armen, Nothleidenden rc. im heiligen Land 1790 M.