Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1882)
- Date
- 1882-06-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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648 der Trost, daß die australischen Räuber selten Jemanden ermordeten. Wer sich widerstandslos ausplündern läßt, wird in der Regel mit heiler Haut entlassen. — Auch von den Mssionären hatte Jsak viel zu leiden. Namentlich an Sonntagen war er ihrer Bekehrungswuth preisgegeben. Diese Missionäre durchziehen das Land, um die Eingeborenen oder die eingewanderten Chinesen zu bekehren., Traf ein solcher mit Jsak zusammen, so belästigte er ihn auf die schrecklichste Weise. Einen Juden zu bekehren, erscheint einem Missionär tausendfach verdienstvoller als die Bekehrung eines Maleien oder eines Chinesen. Anfangs ließ sich Jsak darauf ein, mit den Leuten zu disputiren und ihre Zumuthungen mit Gründen der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes zurückzuweisen. Aber was nützten Vernunft und Verstand der Bekehrungswuth gegenüber! Die Leute kamen immer auf ihre Phrasen zurück und geriethen in Wuth, wenn Jsak denselben die Anerkennung versagte. Später lernte Jsak, daß es das Beste sei, die Leute reden zu lassen und ihnen so wenig als möglich zu antworten. Einst befand sich Jsak wieder auf der Wanderung, als ein Gewitter heranzog. Die Gewitter sind in Australien sehr heftig und oft auch mit großen Gefahren verknüpft. Ausgetrocknete Flußbette füllen sich plötzlich mit großen, wilden Wassermassen, deren brausende Fluth Alles hinwegreißt und vernichtet, was ihr in den Weg kommt. Bei Zeiten dachte Jsak darauf, Schutz vor dem Unwetter zu finden. In der That erreichte er bald ein Blockhaus, in welchem ein Schäfer wohnte, der für einen benachbarten Gutsbesitzer die Schafe hütete. Derartige Gutsbesitzer, Schäferlords genannt, besitzen oft ganze Quadratmeilen von Weideland und sind Eigenthümer von Hunderten von Pferden, Tausenden von -Rindern und Zehntausenden von. Schafen. In weiter Entfernung vom Herrenhause, das oft von Blumengärten und schönen Anlagen umgeben ist, befinden sich die Blockhäuser für die Schäfer, häufig rohe Gesellen, die nicht selten mit den Räubern als Hehler und Lieferanten von Pulver und Blei in Verbindung stehen. Auch in der Hütte, an deren Thüre Jsak pochte, schien ein solcher Geselle zu wohnen; denn er weigerte sich zu öffnen. Wahrscheinlich erwartete er den Besuch entflohener Sträflinge. Jsak befand sich in der größten Verlegenheit. Der ganze Horizont war von schwarzen Wolken umzogen; schon begann der Donner zu rollen. Unmöglich durfte sich Jsak dem Unwetter aussetzen. Mochten in der Hütte noch so viele Gefahren drohen, jedenfalls war es draußen noch schlimmer. Aber wie konnte er sich Eingang verschaffen, da der Schäfer die Thüre zu öffnen sich weigerte? Glücklicherweise besaß Jsak etwas, was in Australien kein Reisender mit sich zu führen unterläßt. Man muß dort nämlich feinen Durst nicht selten aus stehenden Pfützen oder sonstigen zweifelhaften Localitäten stillen, wobei das Wasser nothwendigerweise mit Hilfe eines andern genießbaren Stoffes genießbarer gemacht werden muß. Jsak hatte also eine große, gefüllte Rumflasche bei sich. Er nahm sie aus seinem Packen und hielt sie vor das Fenster der Hütte. Diesem Zauber konnte John Wilkens, der Bewohner derselben, nicht widerstehen. Er öffnete die Thüre und rief: „Tretet ein. Fremder, und kommt unter mein schützendes Obdach! Aber, was Ihr auch hören und sehen möget: schweigt, wenn Euch Euer Leben lieb ist. Solltet Ihr den Verräther spielen wollen, so sind Eure Tage gezählt, und ich gebe kein Glas Branntewein für Euer Leben." Jsak trat in die Hütte, deren Thüre der Schäfer wieder sorgfältig schloß. Unterdeß war es ganz dunkel geworden,' nicht, weil die Tageszeit so weit vorgerückt war, sondern weil schwarze Wolken den Horizont bedeckten. Die Hütte war durch ein Feuer erleuchtet, auf welchem ein Topf mit Wasser sich befand. Der Schäfer wollte sich augenscheinlich seinen Thee bereiten. „Eure Rumflasche, Fremder," sagte er, „kömmt mir gerade gelegen, um meinen Thee zu würzen. Ich habe nicht ein armseliges Tröpfchen mehr." Jsak entledigte sich seiner Bürde und trat ans Feuer, um seine naßgewordenen Kleider zu trocknen. „Das Wasser kocht," sprach er nach einiger Zeit. „Wollt Ihr nicht den Thee aufgießen?" . „Nein," antwortete der Schäfer, "„ich erwarte Besuch. Es kömmt heitte Abend ein Mann, mit dem ich Dinge zu verhandeln habe, die einen nüchternen Kopf bedingen. Sind die Geschäfte abgemacht, so wollen wir das heiße Wasser mit Euren Branntewein mischen und ein fröhliches Gelage halten. Ich kann mir nichts Schöneres denken als beim Rollen des Donners, beim Zucken der Blitze, beim Niederströmen des Regens, und beim Heulen des Sturmes mit einem kräftigen Grogg die Grillen zu vertreiben und lustige Lieder zu singen. Wenn mein Kamerad nur erst da wäre! Ich freue mich nicht wenig auf das fröhliche Fest, das wir, Dank Eurer großen Rumflasche, hier feiern wollen!" (Fortsetzung folgt.) Hierzu vier Beilagen. Verantwortliche Redaction: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit" große Bleiche 45. I. Gottsleben's Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).