Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1882-06-28 · Heft 26 (28.6.1882) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 26 (28.6.1882)
Date
1882-06-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447898-2447923--18833-2474888
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

647 Gewänder der Tänzer waren nicht, wie gewöhnlich, über die Schultern geworfen, sondern um die Hüften befestigt, den Oberkörper vollkommen unbedeckt lassend, der wie auch das Gesicht, in der groteskesten Weise mit rothem Oker bemalt war und von Fett glänzte. Einige trugen Büschel von Federn oder Blumen in den Haaren, während Andere ihrem Kopfputz den Schwanz eines wilden Hundes hinzugefügt hatten. Bei Einigen war ein Känguruhknochen durch ein Loch im Nasenknorpel gesteckt. Alle trugen Speere und Wamenas (Wurfstücke aus hartem Holz, welche die Hand des Wilden nie verlassen) und wie sie so um das Feuer herumstanden, das einen Hellen Schein auf ihren fettglänzenden Körper warf, war die Wirkung eine wahrhaft pittoreske und wilde. Die, welche an dem Tanze Theil nehmen wollten, gruppirten sich auf der einen Seite des Feuers, auf der andern saßen die alten Männer, die Frauen und Kinder. Die Festlichkeit begann damit, daß die Tänzer eine Art klagenden Gesang anstimmten, in den die alten Männer und Frauen bisweilen einfielen. Der ganze Text des Gesanges bestand in den Worten: «Junger a bia, mati, mati! welche sie immer und immer wiederholten; dabei fingen sie mit einem lauten, schrillen Tone an und ließen die Stimmen allmählich sinken, bis sie zuletzt so schwach und sanft wurden, daß man sie kaum von dem Luftzuge unterscheiden konnte, der in den Gebüschen raschelie. Während des Gesanges blieben die Tänzer in einer gebeugten Stellung und gaben den Tact mit den Füßen an, die sie in kurzen Bewegungen vom Boden erhoben, zugleich die beiden langen Enden ihrer Bärte mit den Händen raufend: Plötzlich veränderten sie ihre Musik zu einem lauten: da bei, da bei, ha bei, während sie die Speere und Wamenas aneinander schlugen und mit den Füßen in voller Kraft gegen den Boden stampften. Dann richteten sie sich mit einem plötzlichen Ruck wieder auf und stießen ein lautes erschreckendes Carra wai aus. Wieder nahmen sie ihre erste Bewegung an, aber in doppelt so schnellem Tact; bald bewegte sich die ganze Reihe rasch seitwärts und wieder Schulter an Schulter, bald tanzten sie im Kreis umher, und Alles zu derselben Musik und mit demselben Aufstampfen der Füße. Des Spieles müde, begannen sie den „Känguruh-Tanz." Dieser ist dem oben beschriebenen sehr ähnlich, nur mit dem Unterschiede, daß mitten in dem Lärm einer der Männer springend und hüpfend wie ein Känguruh zwischen die Tänzer und das Feuer kam; plötzlich stockte der Tanz, und einer der Tänzer trat wie zur Verfolgung des Wildes hervor. Die Beiden stellten den ganzen Vorgang beim Erjagen und Niederstechen des Känguruh dar, und als dies endlich vollzogen war, vereinigten sich wieder Alle zu dem Tanze. Mitten in dem Lärm, dem Fußstampfen und dem Schlagen mit Speeren und Wamenas, dem Schreien und Heulen erlosch das Feuer, Dunkelheit bedeckte die Scene und die Abendunterhaltung hatte ihr Ende erreicht. Ein Jahr war verflossen, seitdem Jsak in Australien angekommen war. Schon hatte er auf der Bank in Melbourne eine kleine Summe niedergelegt, die er erworben und erspart hatte; allein, seine Ersparnisse reichten noch lange nicht dazu aus, daß er sich in einer größeren Stadt ein Geschäft hätte gründen oder gar nach Europa hätte zurückkehren können. Und doch hatte er die Lebensweise, zu der er gezwungen war, herzlich satt. Namentlich, wenn er den Sabbat oder die Festtage in der Einsamkeit, ohne warme Kost, ohne mit anderen Glaubensgenossen gemeinsamen Gottesdienst, verbringen mußte, so erfaßte ihn eine unsägliche Traurigkeit, und sein Herz wurde von einem unnennbaren Sehnen nach der fernen Hennath erfüllt. Auch waren seine Wanderungen nicht immer gefahrlos. Zwar gegen die Unbill der Witterung war er gestählt und die wilden Thiere in Australien sind meistens ungefährlich; desto gefährlicher sind dort die wilden Menschen. Die Sträflinge werden bei der Arbeit, beim Essen, ja selbst beim Schlafen bewacht, und trotz dieser Wachsamkeit ihrer Aufseher geschieht es nicht selten, daß Einzelne entfliehen oder den Versuch dazu machen. Der Galgen ist das gewöhnliche Ende der Deserteure. Manche, die glücklich entkommen, verschmachten im Busch. Einigen aber gelingt es, dem Gesetz Trotz zu bieten und ein Räuberleben zu beginnen, das mehrere Jahre lang sein Wesen treibt Jsak hatte bis jetzt das Glück gehabt, keinem entflohenen Sträfling zu begegnen; allein man erzählte sich schauderhafte Dinge. In einem Wirthshause auf der Straße von Sidney nach Melbourne, in welchem er übernachtete, klagte die Wirthin bitterlich über die Unsicherheit der Gegend; erst vor acht Tagen war das nächste Haus ausgeplündert worden, und sie erwartete jeden Tag eine ähnliche Heimsuchung. Die Post wurde hier säst regelmäßig angehalten; arme Ochsentreiber mußten den werthvollsten Theil ihrer Ladung, für die sie haftbar sind, den Räubern überlassen, und Farmen, Wirthshäuser, ja sogar ganze kleinere Ortschaften wurden gebrandschatzt. Wagte doch eine Bande, ein Städtchen am Hellen Tage zu überfallen und sich, nachdem die Privathäuser geplündert waren, stundenlang in den Wirthshäusern gütlich zu thun. Sogar eine Geld-Eskorte wurde von etwa zwanzig Banditen überfallen, die dabei 14000 Unzen Gold erbeuteten. Solche Vorkommnisse waren nicht dazu angethan, das Leben des armen Hausirers angenehm zu machen. Zwar blieb ihm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.