Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1882)
- Date
- 1882-06-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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645 Seclrung verschoben werden. Der Vertheidiger erachtete diese Maßregeln für nothwendig, weil in der Stadt Gerüchte verbreitet seien, daß die Juden einen fremden Leichnam in die Kleider der Esther Solymossy gesteckt hätten, um das Odium von sich abzuwälzen, und weil der Verdacht aufgetaucht sei, daß in dem aufgefundenen Leichnam keine Blutreste vorhanden waren, und daß demselben, wenn er mit jenem der Esther Solymossy identisch ist, Blut „abgezapft" worden sei. In dem Berichte wird ferner die Thatsache erwähnt, daß die Feldarbeiter zu Hunderten ihre Geschäfte verließen und daß viele Fremde anwesend seien, jedoch keine Störung der Ruhe zu befürchten sei. Eine andere Depesche gibt der ärztlichen Ansicht Ausdruck, daß der Leichnam schon als solcher ins Wasser gelangt sei; es wird daher vermuthet, daß ein geschlechtliches Attentat verübt wurde, nach welchem das Mädchen erdrosselt und ins Wasser geworfen sei. Pefth, 21. Juni. Die im Laufe der heutigen Nacht eingelangten Telegramme stellen es außer Zweifel, daß der bei Dada aufgefundene Leichnam nicht jener der Ester Solymossy ist. Der ärztliche Befund ergab Folgendes: An der Leiche ist keine Spur einer Verletzung wahrnehmbar. Das Kopfhaar ist stellenweise rasirt. Die breite Brust zeigt Spuren des Tragens eines Mieders, die Füße sind klein und die Nägel verrathen eine sorgfältige Pflege. Am rechten Arm wurde ein Tuch gefunden, wie ein solches die Esther Solymossy am Tage ihres Verschwindens getragen hat, und in dem Tuche sind Reste einer noch nicht durchnäßten Farbe gewesen, die Aerzte äußern die Ansicht, daß der gefundene Leichnam jener einer Person sei, seit deren Tod acht bis zehn Tage verflossen seien; er gehört einem etwa 20-jährigen, vollkommen entwickelten Mädchen. Daß der Tod durch Gewalt herbeigeführt worden sei, konnte nicht constatirt werden; die Brusthöhle zeigt Spuren eines Lungenleidens. Unter diesen Umständen steht es außer Zweifel, daß hier ein fremder Leichnam vorhanden sei, der absichtlich in ähnliche Kleider gehüllt wurde, wie sie Esther Solymossy getragen hatte. Man nimmt an, daß der auf die Auffindung der Leiche ausgeschriebene Preis von 5000 fl. die noch unbekannten Thäter veranlaßte, die grobe Mystification auszuführen, indem sie zu diesem Zwecke aus einem Spitale oder sonst woher einen Leichnahm raubten und in die Theiß warfen. Auf die Provenienz aus einem Spitale .deutet das rasirte Kopfhaar hin. Die Untersuchung wurde sofort eingeleitet und wird im weitesten Umfange geführt. Alle Berichte constatiren, daß der Zwischenfall die Erregung der Gemüther in jenen Gegenden aufs höchste 'steigerte. Pefth, 23. Juni. Ueber die Situation in Ungarn schreibt das Regierungsblatt Ellenör: Wir sind in der Lage, die Freude der Hetzer und die Sorge der Bedrohten zu vernichten; wir erfahren von verläßlicher Seite, daß ernste Anzeichen von Wirren gegen die Juden weder vorhanden gewesen noch vorhanden sind. Die Behörden werden nicht blos zur Bereitschaft angewiesen, sondern auch zur strengsten Controle jeder verdächtigen Bewegung verhalten. Von keiner Seite sind Berichte nach Pesth gelangt, daß irgendwo Attentate gegen Juden geplant oder daß die Gemüther dermaßen erregt seien, um Losbrüche der Leidenschaften befürchten zu müssen. Die vorhandenen Anzeichen sind nur Werke einzelner Agitatoren oder in den meisten Fällen kindischer Unreife, welche keinen Rückhalt finden in den Neigungen der Massen. Von der Besonnenheit des ungarischen Volkes ist auch nichts Anderes zu erwarten, als daß es auf Worte von Agitatoren, die gesellschaftliche Anarchie Hervorrufen »wollen, nicht hören und daß es die Verlockungen zum Racen- oder confessionellen Fanatismus zurückweisen werde. Aus einer Judenhctze könnten nur die Feinde Ungarns Nutzen ziehen. So weit die Hetze in der Presse betrieben wird, ist die Regierung machtlos, denn das große Interesse der Preßfreiheit verbietet hier energisches Einschreiten. Deßhalb müsse die Gesellschaft diesem Theile der Presse gegenüber Stellung nehmen. Das höchste Interesse aber müsse sich einer raschen Beendigung der langwierigen Untersuchung zuwenden. In ähnlichem Sinne sprechen sich die unabhängigen Blätter aus. Rußland. Petersburg, 21. Juni. Es heißt, in den nächsten Tagen, vielleicht morgen schon, wolle Graf Tolstoj ein Circular erlassen, welche auf das Entschiedenste jede Judenverfolgung rc. verbietet. Eine Stelle des Eirculars soll besagen, jeder Beamte, gleichviel ob hoch oder niedrig, welcher bei eventuellen Vorkommnissen nicht sofort energisch dagegen einschreite, würde unweigerlich abgesetzt, außerdem aber noch strengstens bestraft. (Dieser Erlaß ist seitdem erschienen.) Petersburg, 25. Juni. Auf Antrag des Generalgouverneurs von Odessa sind durch Synodalverfügung vom 16. d. M. 32 orthodoxen Priestern und Kirchendienern in den südrussischen Exarchieen, welche sich um die Beilegung der Judenexcesse im Mai 1881 besonders verdient gemacht, Belohnungen verliehen worden.