Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1882)
- Date
- 1882-06-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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644 auch diese wenigen Exemplare nicht verkaufsweise, sondern einzelnen Individuen als „Ehren-Exemplare" zugemittelt worden seien. Die Confiscirung dieser Flugschriften seitens der Verwaltungs-Behörde wurde angeordnet; auch ist bereits die Untersuchung im Zuge, um dieDruckei ausfindig zu macken, aus welcher die letzterwähnte Broschüre hervorgegangen. Pefth, 21. Juni. Die Frage, ob die aufgefundeneLeiche identisch mit der verschwundenen Esther Solymossy sei, hat natürlich die Aufmerksamkeit aller Kreise in Beschlag genonunen. Nach der „Bohemia" sind aus Nyiregyhaza gestern folgende Telegramme eingelaufen: Oberstaatsanwalt-Substitut Szekeley und Untersuchungsrichter Vary, welche sich behufs Agnoscirung der Leiche gestern an Ort und Stelle begeben haben, sind bis zur Stunde noch nicht zurückgekehrt. Nach Privatberichten haben Esthers Mutter, deren Taufpathe und einige andere Eszlarer die Leiche agnoscirt; dieselbe ist äußerlich unverletzt. Auch das Gebiß ist vollständig vorhanden. Die Kleidung stimmt mit der Beschreibung überein. Die Leichenschau wurde heute in Eszlar fortgesetzt. Die Bitte des Vertheidigers Dr. Heumann (Israelit), der Beschau anwohnen zu dürfen, wurde abgeschlagen. Auch vom Gerichtsarzt, der ein Jude ist, wurde Umgang genommen und statt seiner Dr. Treitler, der eigentlich Zahnarzt ist, von der Kommission beigezogen. Auch andere Personen — nicht blos Juden, sondern auch Christen — sind vom Beschauort entfernt worden. — Die Mutter, Schwester, Tante und zwei Nachbarinnen erkannten in der Leiche die Esther Solymossy. Die Uebrigen wurden ohne Verhör entlassen. Die Leiche wird auf Wunsch der Wittwe Solymossy nach Eszlar zur Sektion und Beerdigung überführt. Der Justizminister wurde gestern Nachts von dem neusten Vorfall amtlich verständigt. Danach wäre also die Leiche als Esther Solymossy agnoscirt. Im Widerspruche mit dieser Meldung stehen die nachfolgenden der „Wiener Allg. Ztg." aus Budapest telegraphisch übermittelten Nachrichten: In der Tisza - Eszlarer Affaire bringt das Abendblatt des „PestiNaplo" an auffallender Stelle ein Telegramm, das wörtlich folgendermaßen lautet: „Der am 18. d. M. aufgefischte Leichnam ist, wie konstatirt wurde, nicht der Esther Solymoffy's, demzufolgen neuerdings Verwickelungen statthaben. Diese Nachricht wirkt hier sensationell und ist keineswegs unwahrscheinlich, weil die Angaben über die Auffindung Esther Solymoffy's an zahlreichen innern Widersprüchen leiden. Bis zur Stunde steht der offizielle Bericht an das Ministerium übrigens noch aus." — Wie „Ellenör" meldet, ist das Resultat der gerichtlichen Todtenschau nicht bekannt, daher läßt sich von einer „Agnoscirung" nicht sprechen: dazu kommt noch, daß der „Pester Lloyd", welcher gestern die Affaire als beendet ansah, heute aus vertrauenswürdiger Quelle folgendes Telegramm publicirt: „Tokoj. Die nächst Dada aufgefundene Leiche haben die Mutter nnd die Tante der Esther Solymossy nicht agnoscirt, andere Personen glauben jedoch, in der Leiche das gesuchte Mädchen zu erkennen." Morgen wird die Leiche in Eszlar öffentlich zur Schau gestellt werden. Es wäre voreilig, heute zu entscheiden, ob der Leichnam wirklich der der Esther Solymossy ist oder nicht, betrübend aber im höchsten Grade ist, und dies macht eine peinliche Wirkung in der hiesigen Bevölkerung, daß mit seltener Frivolität Tag für Tag in hiesigen Zeitungen neue Meldungen aufgetischt werden, welche als „authentisch" publizirt und nachher als pure, leider manchmal frivole Erfindung sich Herausstellen. — Die morgigen Journale der äußersten Linken, welche allerdings keine judenfreundliche Haltung beobachten, werden in der Tisza- Eszlarer Affaire' das folgende sensationelle Telegramm veröffentlichen, dessen Bestätigung abgewartet werden muß. Tisza-Eszlar, 20. Juni, Nachmittags. Die Mutter und die Schwester und Zwanzig Eszlarer Zeugen konstatirten, daß die bei Dada aufgefundene Leiche nicht die der Esther Solymossy ist. Dieselbe soll nach ärztlichem Gutachten nur seit acht, höchstens zehn Tagen im Wasser sein. Die Leiche hat kleine Füße und Hände mit gut gepflegten Nägeln, am Leibe sind Spuren vom Miedertragen wahrzunehmen: ein neues Verbrechen ist nicht ausgeschlossen." Gestern haranguirte im Tisza-Eszlarer Gemeindehause eine Notabilität, die Juden hätten eine fremde Leiche ausgegraben, ihr Esthers Kleider angezogen und sie in's Wasser geworfen. Die Menge war deßhalb aufgeregt und traktirte die Juden, die sich in den Synagogenhof, wo die Leiche heute ausgestellt wurde, ansammelten, mit Fauftschlägen. Auch Gerichtsarzt Dr. Flegmann und Vertheidiger Hermann durften der Untersuchung nicht beiwohnen. Das Resultat der Obduktion ist noch unbekannt. Die „Presse" läßt sich dagegen unterm 20. ds. melden: Gestern um 6 Uhr Abends traf die Leiche in Nyiregyhaza ein, wo heute Vormittags die Secirung stattfindet. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit des Falles richtete der Vertheidiger der wegen des Verschwindens der Esther Solymony verhafteten Personen an den Gerichtshof folgendes Ersuchen: 1. Die Oberstaatsanwaltschaft in Budapest sei zu ersuchen, daß sie sich bei der Secirung vertreten lasse; 2. soll der Minister des Innern durch den Justizminister angangen werden, einige Mitglieder des Landes-Sanitätsraths zur Obduktion zu entsenden. Wenn diesen Bitten Folge geleistet wird, muß die