Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1882)
- Date
- 1882-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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643 lizeibehörde, die doch sonst sich nichts entgehen läßt, sich unvermögend erklärt hat, solcher Verhetzung zu steuern. Ob eine nach Berlin zu entsendende Deputation hessischer Israeliten dort geneigtes Ohr finden wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls zeigen die erwähnten Vorgänge, daß man gut thut, nicht nur der Judenverfolgung im Herzen Rußlands, sondern auch der im Herzen Deutschlands Beachtung zu schenken. (F. I.) Breslau, 16. Juni. Der neue Fürstbischof hat heute dem Rabbiner der hiesigen orthodoxen Gemeinde, Tiktin, seine Antrittsvisite gemacht; letzterer hat auch mit dem früheren Fürstbischof Dr. Förster in gesellschaftlichem Verkehr gestanden. Metz. In einer an uns gerichteten Correspondenz wird über einen Theil unserer Glaubensgenossen in Metz ein Tadel darüber ausgesprochen, daß man daselbst am verflossenen Peßachfeste für die 24 in der Garnison liegenden jüdischen Soldaten nicht Sorge getragen habe, daß dieselben während des Festes Koscherkost erhielten; man habe sie mit der lakonischen Bemerkung zurückgewiesen, daß sie zuvor Armuthsscheine von ihrer Heimathsbehörde beibringen müßten. Wenn dem so ist, was wir noch dahin gestellt sein lassen wollen, wäre dies jedenfalls kein edler Zug der maßgebenden Persönlichkeiten. Oester. - Ungar. Monarchie. Pefth, 15. Juni. Ministerpräsident Tisza hat in seiner Eigenschaft als Minister des Innern eine Circular-Verordnung an die Jurisdictionen erlassen. welche den Schutz der Juden in Ungarn zum Zwecke hat. Die Verordnung führt aus, wie wir der „W. Allg. Ztg." entnehmen, daß die unrichtigen Mittheilungen über angeblich geplante Masseneinwanderungen russischer Juden und die böswilligen Gerüchte betreffs der Tüsza-Eszlarer Affaire möglicherweise dazu benützt werden könnten, die Ordnung und Ruhe zu stören, eventuell von Racenhaß influirte Ausschreitungen gegen die israel. Bevölkerung zu veranlassen. Der Minister hegt wohl den Glauben, daß die hetzerischen Elemente keine Unterstützung im Volke finden werden, sieht sich aber nichtsdestoweniger veranlaßt, sowohl in patriotischer als in amtlicher Pflicht die Jurisdictionen auf die Möglichkeit von Ausschreitungen gegen die Juden aufmerksam zu machen, weil er es nicht für statthaft hält, daß auf dem Territorium Ungarns, wo die Prinzipien der Freiheit, Gleichheit nnd Brüderlichkeit allgemeine Zufriedenheit Hervorrufen, in Folge böswilliger Absichten Einzelner andere Verhältnisse eintreten sollten. Der Minister fordert daher die Jurisdictionen auf, bemüht zu sein, jede wie immer geartete Ausschreitung zu verhindern, speciell die Städte und Comitate zu beauftragen, jedes dahin gerichtete Bestreben in schärfster Weise zu ahnden und vorkommendenfalls sofort an das Strafgericht Anzeige zu machen. Der Minister hofft, daß der gesetzliche Schutz der Person, des Vermögens und der Ruhe der Mitbürger ohne Unterschied der Religion und Nationalität auftecht erhalten bleiben und neuerdings der Beweis erbracht werden wird, daß in Ungarn Ruhe und Friede vollständig gesichert sind. Zur Tisza-Eszlarer Affaire wird der .,W. Allg. Ztg." geschrieben: Die Tisza- Eszlarer Affaire hat bis zur Stunde noch keinen Abschluß gefunden. Täglich bringen wohl die hiesigen Journale neue Meldungen. Bald hat man die gesuchte Esther hier, bald dort entdeckt, und doch hat von all' diesen Nachrichten keine einzige eine officielle Bestätigung erhalten. Wir erfahren von verläßlicher Seite, daß bisher in der That an die maßgebende Stelle keine Anzeige von der Auffindung des Mädchens gekommen sei und daß alle colportirten Gerüchte auf ganz unberechtigte, zum Theile erfundene Journalmeldungen zurückzuführen wären. Der nach Nyieregyhaza zur Untersuchung des Falles entsendete Budapester Staatsanwalts-Substitut Dr. Szkely, dessen Ankunft für Anfang dieser Woche festgestellt war, verbleibt bis zum Beginn der nächsten Woche in Nyiregyhaza, da die bisherigen Recherchen die Nothwendigkeit weiterer, strengerer Untersuchungen ergaben, deren Ende abgewartet werden soll. Pesth, 20. Juni. Der Obergespan des Szabolcser Comitats, Gräfi, hat am 17. d. an den Minister des Innern einen Bericht erstattet, wonach im Szadolcser Comitat derzeit sechs verschiedene Flugschriften verbreitet werden, welche geeignet sind, die ohnehin sehr erregten Gemüther noch mehr aufzustacheln. Von den sechs Flugschriften sind zwei in Pesth, eine in Wien (in deutscher Sprache), eine in Erlau, eine in Nyiregyhaza und eine an einem unbekannten Ort gedruckt. Die in Pest, Erlau und Nyiregyhaza erschienenen Pamphlete sind weniger gefährlich, während die in Wien erschienene Flugschrift, besonders aber das in der unbekannten Druckerei hergestellte Pamphlet aufreizende Lehren gegen die Juden verkündet. Die Wiener Flugschrift wird in erster Reihe der Aufmerksamkeit der transleithanischen christlichen Arbeiterklasse empfohlen. Die 128 Seiten umfassende, ans der unbekannten Druckerei herstammende Broschüre betitelt sich: „Die Juden- Angelegenheit als Existenzfrage"; der Autor derselben tritt unter dem Pseudonym „Antisemit" auf. Der Bericht erwähnt schließlich, daß die Broschüre nur in wenigen Exemplaren an das Comitat gelangt nnd