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Der Israelit · 1882-06-21 · Heft 25 (21.6.1882) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 25 (21.6.1882)
Date
1882-06-21
Page
– (sequence 19)
Language
German
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631 Garantie für die Sicherheit der Stadt unter jeder Bedingung übernehmen könnten. Die Antwort lautet: „Unbedingt, den Fall einer Provokation seitens der Juden ausgenommen." Dies sei ja undenkbar, meinte der Gouverneur und glaubte den Abgesandten völlig beruhigt entlassen zu können. Minder sicher fühlten sich die Juden; sie fürchteten nicht grundlos, daß sich die Auslegung des Begriffes „Provocation" eventuell höchst subjectiv gestalten könnte. Aber auch das würdige fünsblätterige Kleeblatt war durch den directen Schritt beim Gouverneur eingeschüchtert, und als die Juden die Verhandlung neuerdings anknüpften, kam eine Einigung zu Stande: dem Einen wurden sechstausend Rubel bar ansbezahlt, dem stark verschuldeten Zweiten einige seiner Wechsel zurückgestellt, die übrigen Beamten nach Maßgabe ihres Einflusses abgefunden. Der Gesammtbetrag der Bestechung stellte sich auf zwanzigtauseud Rubel. Nun waren natürlich auch die Behörden .von der Gefahr überzeugt; es wurde Militär requirirt, den Juden die Organisation einer bewaffneten Sicherheitswache gestattet. Dieselbe bestand aus je zwanzig jüdischen Männern für jede Straße, denen ein Soldat oder Policist beigegeben wurde. Die Kosten der Einquartierung und Beköstigung des Militärs trug die Gemeinde; sie beliefen sich auf dreitausendfünfhundert Rubel. Als Curiosum sei verzeichnet, daß einer der Herren außerdem für die Monate Mai und Juni eine Entschädigung von zehn Rubeln täglich forderte, und zwar fünf Rubel für Wagen, fünf Rubel für „Entging der Nachtruhe": auch diese sechshundert Rubel wurden ihm bezahlt. Diese Maßregeln bewährten sich. Während sich rings um Balta die Gräuel häuften, blieb die Ruhe dieser Stadt, welche doch durch den Reichthum ihrer Waarenlager zunächst die Raublust reizen mußte, völlig ungestört. Zwar kamen an einigen Sonntagen Kazappen zur Stadt, zogen jedoch rasch wieder ab. In der zweiten Hälfte des Mai wurde Balta sogar der Rettungshafen für die Flüchtlinge aus dem Chersoner Gouvernement. Natürlich festigte dieser Erfolg das Selbstbewußtsein der Gemeinde, und dieses steigerte sich noch durch die Nachrichten, welche im Herbste, nach dem Abzüge der Kazappen, aus den Nachbardörfern kamen. So erzählten z. B. die Dorfältesten aus Pasaselo und Kasaskoje: „Die Kazappen kamen zu uns und luden uns ein, mit ihnen bei euch zu „arbeiten". Wir wollten es auch gern, denn erstens scheint es ja wirklich des Czars Wille zu sein, und zweitens — warum sollten gerade wir arm bleiben, während sich die anderen 'Bauern im Lande bereichern?! Nur fürchteten wir uns vor den Soldaten, weil sie von euch gefüttert wurden. Darüber lachten die Kazappen; als wir jedoch erzählten, daß auch ihr bewaffnet wäret, wurden sie nachdenklich und schickten Kundschafter in die Stadt. Diese meldeten, es sei nichts zu machen; die Soldaten zwar seien ungefährlich, ob es ihrer tausend oder zehntausend wären, aber ihr selbst würdet euch verteidigen. Da sagten die Kazappen: „Also ein andermal!" und zogen nach Ananjew." Kein Wunder, daß die Gemeinde beschloß, nun unter keiner Bedingung mehr weitere Opfer für Bestechung und Einquartirung zu bringen, sondern der eigenen Kraft zu vertrauen. Und bei diesem Entschlüsse blieb sie auch, obgleich sich die Stimmung der Bauern seit dem Januar immer bedrohlicher gestaltete. Vergeblich warteten die Beamten auf die Bitte der Gemeinde; da diese ausblieb, ergriffen sie selbst die Initiative, sich den gewohnten Tribut zu sichern. Schon am 20. Februar'lud einer der vier erwähnten Regierungsvertreter einige reiche Juden vor, theilte ihnen die Drohungen der Bauern mit und schloß mit dem Vorschläge: „Ich denke, wir ordnen die Sache in jeder Beziehung so, wie im vorigen Jahre!" Die Männer erwiderten: die Gemeinde glaube angesichts der gesteigerten Gefahr von rechtswegen auf den Schutz der Behörden hoffen zu dürfen; sei dieser jedoch nur durch gleiche oder ähnliche Summen wie im Vorjahre zu erkaufen, so müsse sie darauf verzichten und werde sich selbst schützen. Hierüber gerieth der Beamte in heftigsten Zorn und ^entließ sie mit den Worten: „Die Folgen über euer Haupt!" Nun machten einige ängstliche Männer privatim einige Collecte im Betrage von 800 Rubeln und überreichten sie demselben. Er nahm die Summe ohne Sträuben, ließ jedoch durchblicken, er betrachte sie nur eben als Anzahlung. Diese Hoffnung sollte ihn trügen; die Gemeinde blieb fest, obwohl die Vorboten des Sturmes immer zahlreicher wurden. Die Schänkwirthe und Pächter flüchteten zur Stadt, einzelne Dorfgeher, die sich noch aufs flache Land trauten, kamen beraubt zurück. Die Bauern sagten es Jedem, der es hören wollte: „Zu Ostern „arbeiten" wir in Balta!" Auch an Warnungen der Gutgesinnten unter ihnen fehlte es nicht. Am 25. März fanden sich Morgens au vielen Häusern geschriebene Proclamationen, welche für den Ostersonntag eine „gänzliche Ausrottung" ankündigten. Unter allen Drohungen schreckten diese Zettel die Juden am wenigsten; da die Bauern nicht schreiben, noch lesen konnten, so konnten dieselben weder von ihnen herrühren, noch für sie bestimmt sein. Wer aber ein Interesse daran haben konnte, die Furcht der Juden zu erhöhen und ihnen das Vertrauen auf die Selbsthilfe zu benehmen, schien den Bedrohten ein ziemlich durchsichtiges Räthsel. Wie dem auch sein mag, Thatsache ist, daß der erwähnte

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