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Der Israelit · 1882-06-21 · Heft 25 (21.6.1882) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 25 (21.6.1882)
Date
1882-06-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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630 Ich lernte in Brody während meines dortigen Aufenthaltes im Mai zusammen 59 männliche Flüchtlinge aus Balta kennen. Es waren Knaben und Jünglinge, Männer und Greise der verschiedensten Stände, Bildungsgrade und Berufsarten; kein einziger unter ihnen trug den Kaftan und die Hängelöckchen, sondern entweder das russische Bauerngewand oder die französische Tracht, so daß sie auf den ersten Blick von den Flüchtlingen aus Volhynien oder den eingeborenen Brodyern zu unterscheiden waren. Von diesen 59 waren 14, sämmtlich Knaben und Jünglinge, des deutsch-jüdischen Jargons, welcher vor kaum 20 Jahren noch die ausschließliche Umgangssprache der russischen Juden gewesen, nicht mehr mächtig; sie sprachen auch unter einander immer nur Russisch und verstanden vom Jargon nichts oder wenige Brocken; weitere 32, Männer von 24 bis 50 Jahren, wußten sich in beiden Sprachen gleich geläufig auszudrücken, nur daß bei Manchem noch im Russischen hörbar der Dialekt durchschlug, was in der ersten Gruppe bei Keinem der Fall war. Die restlichen 13, sämmtliche Männer über die Fünfzig, verstanden wohl das Russische, konnten sich jedoch nur mühsam darin ausdrücken; nur diese letztere Gruppe bediente sich des Jargons als Umgangssprache, während ich die Männer der zweiten Gruppe ebenso oft russisch als jüdisch mit einander sprechen hörte. Ihrem Bildungsgrade nach fand sich unter diesen 59 ein einziger Analphabete, er konnte auch nicht Hebräisch lesen und hatte blos seinen Namen in jüdischer Currenschrift mechanisch schreiben gelernt; von den Anderen beherrschten 34 das Russische völlig und konnten es auch schreiben, weitere 9 konnten es blos lesen; sämmtliche 58 hatten das Lesen der hebräischen Quardratschrift erlernt, hingegen verstanden von den 14 der jungen Generation nur 2 die hebräische Currenschrift zu schreiben. Ihrem Berufe nach waren unter 59 1 Lehrer der russisch-israelitischen Volksschule, 2 Universitäts-Studenten, 5 Gymnasiasten, 1 Apotheker, 2 Förster, 2 Hilfsbeamte (Diurnisten), 2 Bahnbeamte, 3 Bahnconducteure, 2 Schmiede, 3 Schlosser,;9 Ackerbauer, 8 Fabrikarbeiter , 3 Kaufleute, 3 Buchhalter, 6 Commis, 1 Buchbinder, 1 Sattler, 1 Schuster, endlich 3 Schneider. Verheirathet waren von den Männern unter 30 Jahren blos drei; der Jüngste, der schon im 21. Lebensjahre gefreit, ein Commis, war kurz vor der Katastrophe aus Volhynien zugezogen, worauf mich die Anderen geflissentlich aufmerksam machten: „Bei uns in Balta hat man so frühe Heirathen nicht gerne gesehen! . . Diese Ziffern mögen den Leser des Westens überraschen, dem Kundigen sagen sie nichts Neues, er weiß ohnehin, daß die Juden der südrussischen Gouvernements auf ungleich höherer Culturstuse stehen, als ihre Glaubensgenossen in Congreßpolen und Galizien. Einen andern Protest wollen wir der Anklage Jgnatiew's gegen die „Fremdlinge, die nur von dem Marke unseres Volkes zehren, ohne sich ihm je nähern zu können", nicht entgegenstellen; die stummen Ziffern sprechen beredt genug: sie beweisen, daß Brutalität hier freventlich einen Entnationalisirungs- und Civilsirungs-Prozeß unterbrachen, wie ihn selten ein Volk so energisch an sich selbst geübt. . . Wahrlich, die Juden der südlichen Gouvernements insgesammt, und namentlich auch die Leute von Balta haben ein besseres Geschick verdient, als ihnen geworden. Durfte je eine Stadt einer immer schöneren Entwicklung, eine Bewohnerschaft einem immer gedeihlicheren Lose entgegenhoffen, so war dies hier der Fall! Es ist anders gekommen. Heute ist Balta eine Trümmerstätte und seine Bewohner beraubt, heimathslos und flüchtig. Nur in Einer Beziehung sind die Juden von Balta an ihrem Schicksale schuldig; sie haben die Gewissenlosigkeit ihrer Localbehörden unterschätzt und sich benommen, als wären sie Bürger eines Rechtsstaates. Als im vorigen Jahre der „Pogrom" von Elisabethgrad (27. bis 29. April 1881) die gesammte Judenschaft Südrußlands in große Beängstigung versetzte und die Kunde von den bevorstehenden „blutigen Ostern" das Land durchlief, da blieben gerade die Leute von Balta verhältnißmäßig am ruhigsten. Ans ihre Zahl und die Rüstigkeit der jüdischen Bauern und Arbeiter vertrauend, wollte die jüngere Generation nichts von jenem Mittel wissen, zu dem die meisten anderen Gemeinden griffen, der Bestechung der Beamten. Aber die Vorsteher der Gemeinde, ältere, besonnene Männer, kehrten sich an diesen Widerspruch nicht und traten mit den Vertretern des „Natschelstwo", der Regierung, in Verbindung. Dieselbe war in Balta durch vier Persönlichkeiten repräsentirt. Herr Wolf Posnanski, einer der angesehensten jüdischen Kaufleute Baltas, übernahm die schwierige Mission, mit den Herren zu verhandeln. Dieselben zeigten sich sämmtlich imPrincip nicht abgeneigt, an eine Gefahr für die Juden zu glauben und die entsprechenden Maßregeln zu treffen, forderten jedoch für diesen Glauben einen Kaufpreis, den Herr Posnanski nach seiner Vollmacht nicht gewähren konnte. Er trug die Sache der Gemeinde vor, welche die Forderung verwarf und beschloß, sich durch einen anderen angesehenen Kaufmann, Herr Wachs, mit ihren Ansuchen direct an den General- Gouverneur Poooliens, Miloradowitsch in Kamienice- Podolski, zu wenden. Der Gouverneur, ein schwacher, beschränkter, aber ehrenhafter und unbestechlicher Mann, empfing Herrn Wachs, in dessen Hause er bei seinen Besuchen in Balta abzusteigen pflegte, sehrzuvorkommend und handelte völlig correct; er fragte telegraphisch bei den Localbehörden an, ob sie die

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