Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1882)
- Date
- 1882-06-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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623 veranlaßt, die Beschaffung eines interimistischen Betlocals — in reifliche Erwägung zu ziehen. Die Frage übrigens; ob Renovation der alten Synagogen oder Bau einer nenen, bleibt hierbei unberührt und wird wohl erst durch das Eingreifen der Aufsichtsbehörden definitiv entschieden werden. Für die verfolgten russischen Juden sind bis jetzt bei dem diesigen Comittz 30,623 M. 27 Pfg. eingegangen. Von diesem Betrage sind, wie bereits mitgetheilt, am 17. v. Mts. 22,000 M. und am 30. v. Mts. wiederum 6O0O M. an das Berliner Eomitö zu Händen der Herren Delbrück, Leo & Eo. eingesandt worden. Aus der Provinz gehen noch immer zahlreiche Beiträge als Ertrag von Sammlungen selbst aus kleinen Städten ein; zum Theil werden die gesammelten Gelder auch entweder direct nach Berlin" an das dortige Central-Comits, an Dr. Rülf nach Memel oder an die Redaction des „Israelit" nach Mainz gesandt. Der gegenwärtige Streit der beiden in unserer Provinz wohnenden Nationalitäten wegen Germanisirung, resp. Polonisirung, hat, wie der „Poseuer Zeitung" geschrieben wird, ein heiteres Geschichten in Erinnerung gebracht, das sich vor circa 20 Jahren vor einer Gerichtstags-Commission zugetragen hat. In einer Streitsache wurde nämlich von einer Partei unter anderen auch das Zeugniß eines Szymon Hyrß aus einem Dorfe in dem betreffenden Gerichtstagsbezirk provozirt. Ob dieser Name ursprünglich deutsch war, mag dahin gestellt bleiben, genug, der dem Gerichte jedenfalls noch unbekannte Träger dieses Namens war es nicht. Sei es nun, daß die Partei den Namen germanisirt zu Protokoll gab, oder ob dies der Protokollführer that — aus dem Szymon Hyrß wurde ein Simon Hirsch. Da nun aber in dieser Lesart sowohl der Borals auch der Zuname provozirt jüdisch klang, so wurden gemäß der früheren Gerichtsverfassung gleichzeitig mit der Vorladung des Zeugen auch die beiden jüdischen Schwurzeugen, welche bei der Gerichtstags-Commission fungirten, mit vorgeladen, behufs Abnahme des Zeugeneides more judaico. Die betreffende Sache wird nun aufgerufen und die beiden jüdischen Beamten begaben "sich ins Terminszimmer, um ihre Vorbereitung zur Abnahme des mit besonderen Formeln verbundenen Judeneides zu treffen. Diese bestanden aber außer in der vorgeschriebenen Vermahnung hauptsächlich darin, daß der eine etwas Wasser zum Händewaschen in Bereitschaft hielt, während der andere die Gebetriemen dem Schwörenden vor Augen hielt. Endlich wird nun der Zeuge Simon Hirsch vorgerufen und herein tritt — ein baumlanger polnischer Bauer in der hier üblichen polnischen Bauerntracht, großen Schaftenftiefeln, breiten Hosen und langem Rock, welcher wohl keine Ahnung hatte, zu welchen Umständlichkeiten sein harmloser Name Ver anlassung gegeben. Frankreich. Paris. Der Erzbischof von Paris, Kardinal Guilbert, richtet folgendes Schreiben an das Comitß zur Unterstützung der in Rußland verfolgten Juden: „Herr Präsident! Bevor ich Ihren Aufruf erhielt, hatte ich durch die öffentlichen Blätter Kenntniß erlangt von den grausamen Heimsuchungen, welche zahlreiche, die nördlichen Gegenden bewohnenden Israeliten zu erdulden haben. Ist es nothwendig. Ihnen zu sagen, daß ich das Gefühl des lebhaften Kummers und der Mißbilligung theile. welche diese barbarischen und die Rechte der Menschheit verletzenden Gewaltakte allenthalben Hervorrufen? Ich antworte bereitwillig auf den an mich gerichteten Appell zu Gunsten Ihrer leidenden Brüder. Ich füge meinem Briefe meine Gabe bei, wünschend, daß dieselbe beträchtlicher hätte ausfallen können, wenn nicht andere Bedürfnisse mir gegenüber träten. Indem ich Ihren Glaubensgenossen zu Hilfe komme, befolge ich nur die Traditionen unsrer Kirche; die Päpste haben stets die Israeliten beschützt, wenn sie verfolgt waren. Hoffen wir. daß die Behörden aller Länder Maßnahmen treffen werden, um zukünftig Attentaten vorzubeugen, die nicht minder durch das göttliche Gesetz, als die Sitten unsrer Zeit verworfen werden. Genehmigen Sie ze." Der Erzbischof fügte seinem Briefe 1000 Fr. bei. Feuilleton. Löb Wunih. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem e r ft en D r i t t e l des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) Opotschna durchmaß in höchster Ungeduld und Aufregung das Zimmer; erst als er im Vorzimmer Wodnian's Schritte hörte, setzte er sich rasch zum Tische und schien sich so in seine Geschäftsbücher zu versenken, daß Wodnian — als er, nachdem sein Anklopfen unerwidert blieb — eintrat, seine Ankunft ungehört und unbemerkt glauben mußte. „Boruch habo!"*) rief ihm Opotschna lachend entgegen, reichte ihm die Hand, und schob ihm einen 1) Gesegnet, der da kommt.