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Der Israelit · 1882-06-21 · Heft 25 (21.6.1882) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 25 (21.6.1882)
Date
1882-06-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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622 Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Würzburg. In welcher Weise und welchem Grade die Menfeindliche Presse die Affaire „Esther Solymosse in Tißa-Eslar" auszubeuten bestrebt ist, davon gibt der Leitartikel des hiesigen in seinem Judenhaß längst bekannten „Fränkischen Volksblatt" vom 7. d. ein eclatantes Pröbchen. Es ist wahrhaft haarsträubend-, mit welcher Bestimmtheit hier von einer Sache gesprochen wird, die doch offenbar den Stempel der Tendenzlüge, des Haffes, aber auch des Unsinnes an sich trägt, ltnb nicht allein, daß dieser Fall, der schon theilweise ernstlich angezweiselt und jedenfalls vom Gericht nicht festgestellt ist, für wahr ansgegeben wird, sondern werden damit alle ähnlichen Verdächtigungen von Christenmord, welche der Fanatismus gegen Juden erhoben, und deren Grundlosigkeit längst erwiesen, für möglich hingestellt. Man sollte glauben, daß damit sicher die Grenze der Preßfreiheit überschritten sei und einem solchen Gebühren von Gesetz wegen Einhalt geschehen müsse. Sehr willkommen erscheint daher die Aufklärung über diesen Fall, welche Sie, hochverehrter Herr Redacteur, an der Spitze der Nr. 23 des „Israelit" gaben und wäre die weiteste Verbreitung dieses Artikels wünschenswerth. Das hiesige Hilfs-Cvmit^ für die russ. Nothleidenden entwickelt eine sehr lobenswerthe Thätigkeit. Außer den nicht unbeträchtlichen Geldsammlungen in Stadt und Umgegend veranstaltete dasselbe auch in Folge eines Rothrufes von Brody eine Sammlung von Kleidung und Wäsche, welche ein sehr günstiges Resultat hatte. Heidelberg, 8. Juni. Donnerstag den 1. Juni fand dahier von dem akademischen Krankenhause aus die Bestattung der bei der großen Eisenbahn-Katastrophe in der Nähe der hiesigen Stadt verunglückten Israeliten statt. Es waren dies zwei hoffnungsreiche junge Leute ans Hofsenheim in Baden, Jacob und Carl Rosenfeld, die Söhne Zweier Brüder, die in dem genannten Dorfe einen lebhaften .Handel betreiben. Die beiden Jünglinge waren in Mannheim in Condition und hatten an dem für sie so verhängnißvollen Tage eine freundschaftliche Zusammenkunft mit einem Anverwandten aus Carlsruhe, zu welchem Zwecke sie sich nach Heidelberg begaben. 'Rach mehreren recht vergnügten Stunden trennten sie sich erst in später Abendzeit; der Zug brauste von dannen und nach wenig Augenblicken waren sie ein Opfer des Todes. Herr Rabbiner Dr. Sondheim von hier gab am Grabe der Dahingeschiedenen dem Schmerze den gerechten Ausdruck, indem er seiner Rede die Worte des Königs David zu Grunde legte, die er sprach, als er vor Schaul entfloh, und die da lauten: o man jw uo ytt'BD „Staunt ein Schritt ist zwischen mir und dem Tode."*) Nachdem er anlehnend an diesen Ausspruch des königl. Sängers die Nichtigkeit und Hinfälligkeit des menschlichen Lebens geschildert, entrollte er auch ein Lebensbild der so früh Verblichenen, die sich durch treue Pflichterfüllung und echt kindlicher Liebe so wacker ausgezeichnet haben. Die Rede machte einen gewaltiger: Eindruck, der an und für sich schon durch die Traurigkeit des Ereignisses hervorgerufen wurde. Kein Auge blieb thränenleer. Möge der Himmel auch die Eltern und Geschwister der so schnell Dahingerafften trösten und ihnen beistehen in der für sie so schweren Prüfung des Lebens. Sch. Posen, im Juni. Infandum — jubes renovare dolorem. Noch immer sind — ein schmerzlicher Anblick! — die beiden größeren und auch zwei kleinere Synagogen geschloffen; die Synagogenfrage selbst dagegen ist immer noch eine offene. Zwar ist es, trotz des heftigen, und wie man behauptet, merkwürdigerweise aus dem Schooße des Gemeindevorstandes entsprungenen Widerstandes, den Bemühungen einiger energischen Mitglieder der neuen Betschule gelungen, die Oeffnung dieser letzteren wenigstens während des n^mc'-Festes zu erwirken, doch galt diese Erlaubniß nur für die Männer, während den Frauen anheimgestellt blieb, sich in andere Betschulen einzndrängen ober aus Synagogenbesuch ganz zu verzichten, was ihnen um so schmerzlicher war, als sie der Theilnahme an moün n-on entsagen mußten. Bald nach dem Feste wurde alsdann die Synagoge wieder geschlossen. Außer dieser, wahrlich nicht in geringen: Grade betrübenden Calamität dürfte wohl auch noch ein anderer Umstand von zwingender Gewalt sein, die Beseitigung des jetzigen unhaltbaren Zustandes endlich herbeizuführen. Es ist nämlich nicht zn verkennen, daß derselbe allmählich die religiöse Richtung, der sich immerhin die überwiegende Mehrzahl der Gemeinde zuneigt, untergräbt und das cultuelle Bedürfniß als etwas leicht zu Entbehrendes ansehen lernt. Schon entwöhnt sich ein großer Theil der Frauen des Synagogenbesuchs oder geht zum Brüderverein über; schon verlernt die große Zahl der Kinder buchstäblich das Anhören von rwnp mim an den Sabbaten, denn es ist ja keinesfalls möglich, daß alle Besucher der geschlossenen Synagogen in den anderen Betlocalen Unterkunft finden. Diese Erwägung hat den Gemeindevorstand endlich *) Sam. I. 20, 3.

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