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Der Israelit · 1882-06-21 · Heft 25 (21.6.1882) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 25 (21.6.1882)
Date
1882-06-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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620 zwischen denen schlanke Kirchthürme und hohe Fabrikschlote in die Luft emporragten. Voll Hoffnung betrat Isak das Land. Der an das großstädtische Leben von London Gewöhnte war doch durch die bunte Mischung der Rassen überrascht. Neben dem stämmischen, englischen Seemann schritt gemüthlich ein wollköpfiger Neger. Braune Laskaren zogen in ihrer weißen, malerischen Festagskleidung seine Aufmerksamkeit auf sich. Schwarze Papus von den Neu-Hebriden verkehrten mit gelben Malaien von den Schiffer- und Freundschaftsinseln. Jsack gelangte an ein großes Wollmagazin. Ein Karren mit acht Paar Ochsen bespannt hatte eben den Stapelartikel Australiens, Schafwolle, in haushoher Ladung aus der fernen Station jenseits der blauen Berge glücklich heruntergebracht. Die Ochsentreiber und Aufseher trugen rothe Flanellhemden und ehemals weiße, jetzt arg beschmutzte Beinkleider, den alten Kohlpalmenhut auf dem struppigen Haare und die unvermeidliche, schwarze Pfeife im breiten Gesicht. Isak wäre gar zu gern in Sidney geblieben; allein es gelang ihm nicht, dort eine Anstellung zu finden, und so mußte er sich denn entschließen, für den Rest seiner Baarschaft, Waaren zu kaufen und seine Schritte über die blauen Berge nach dem Westen zu richten, wo viele wohlhabende Ansiedler wohnen, bei denen er mit seinen Waaren hausiren konnte. * Das Wetter war drückend warm, als Isak sich auf den Weg machte. Der Weg stieg allmählich an, direct gegen die blauen Berge zu, und wand und drehte sich den steilen Hang am Lapstonehill aufwärts. Die südliche Wand einer mächtigen Schlucht ist hier mit großem Geschick gewählt worden, die Straße daran hinzuführen; ganze Theile des Berges wurden mit Pulver abgesprengt und durch Sträflinge in das Thal hinabgeworfen. Hier und da begegnete Isak langen Karavanen von großen mit Ochsen bespannten Karren, die Häute, Wollballen und dergleichen nach Sidney schafften; andere, die Thee, Tabak, Zucker, Mehl von Sidney nach dem Innern führten. Die schwerfälligen Fuhrwerke hielten an einer Stelle, wo sich in einzelnen Höhlungen etwas Wasser von einem Gewitterschauer gesammelt hatte. Die Treiber kochten ihr frugales Mahl, während die Zugthiere sich die spärlichen Gräser und Kräuter pflückten. Von Wind und Wetter sind diese Fuhrleute ganz schwarzbraun geworden; des Nachts breiten sie ihre Opossumfelle und wollene Decken unter den Karren aus und halten ihr Nachtlager im Freien. Nach einer langen und mühsamen Wanderung kam Isak nach Blackheath. Die Ansiedlung von Blackheath besteht aus einer Sträflings-Pallisadirung, unter dem Befehl eines Officiers. Das Haus des Commandanten lehnt sich mit der .Hinterseite an den Wald und überschaut die Cantonmrung und die Hütten der Gefangenen. Die Kasernen und Sträflings-Logen bilden ein kleines Dorf von etwa zwei Dutzend Hütten; es find beweißte Blockhäuser mit hohen Steinkaminen. Diese kleine Ansiedlung ist auf einem offenen, steinigen Plateau angelegt, und sieht traurig und düster genug aus. Die Gefangenen bilden einen sogenannten Eisengang. Sie arbeiten in Ketten an der Straße in einzelnen Trupvs. Diese Galeerensträflinge Englands zogen schwerfällig und verdrossen auf ihre Arbeitsplätze, mit Hacken und Spaten, Schlegel und Brecheisen, um Steine zu brechen und klein zu pochen. Sie arbeiteten mit sichtbarem Widerwillen, und nur die hinter ihnen stets bereits gehaltene Peitsche brachte sie in Bewegung. Isak betrachtete mit Interesse die Gestalten der Gefangenen, von denen Biele wegen der schwersten Verbrechen verurtheilt worden waren. Es war eine wahre Sammlung von Galgenphysiognomien! Aber ein junger Mann sah anders aus als die andern Alle. Auf seinem edel geformten Gesichte lag der Ausdruck tiefsten Leides. Isak glaubte dieses Gesicht schon einmal gesehen zu haben. Er blieb stehen, um den Sträfling zu betrachten; da traf ihn sein Blick. In der That, es war ein Bekannter, es war Eduard Garnham, einst der muthmaßliche Erbe von Millionen! er war, des Mordes an seinem Onkel Adam Smith stark verdächtig, zur Deportation nach der Berbrecher-Colonie verurtheilt worden. Keine Miene Eduards verrieth, daß er Isak erkannte. Hatte er ihn überhaupt gekannt? Hatte es der vornehme, reiche Herr der Mühe werth gehalten den armen Commis, den Sohn des mit bitterer Armuth kämpfenden Händlers zu beachten? Isak zog seines Weges, die schwere Last auf seiner Schulter drückte ihn nicht mehr, nicht fühlte er mehr die Qualen des Durstes und der Hitze. War er doch ein freier Mann, frei und unbescholten, während Eduard Garnham, einst hoch über ihm stehend, durch die Peitsche des Aufsehers zu niedrigster Arbeit gezwungen, ein entehrtes Dasein führte. Leichten Schrittes wanderte Isak weiter, den Ansiedelungen jenseits derblauen Berge zu. (Fortsetzung folgt.) Hierzu vier Beilagen. verantwortliche Redaction: Di. Lehmann in Mainz, — Verlag und Expedition des „ZSraelit" große Bleiche 4L. I. Gottöleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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