Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1882)
- Date
- 1882-06-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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615 Rangierarbeiter der Bahn bemerkte den Vorgang und löste'den Strick alsbald wieder ab. Bei einem hierauf angestellten Examen gab nach dem „T. A." der etwa 30 Jahre alte Unglückliche an, er sei Handschuhmacher, aus Wilna gebürtig, ans Rußland ausgewiesen worden, und habe durch seine Nothlage veranlaßt, seinem Leben ein Ende machen wollen. Die Leute, welche sich während des Vorfalles angesammelt hatten, veranstalteten eine Sammlung, wodurch der Unglückliche in den Stand gesetzt wurde, in einer Herberge zu übernachten und sich zu sättigen. Crailsheim (Württemberg). Auch in unserer Stadt hat sich ein ComitS zur Sammlung von Unterstützungen für die schwerverfolgten, russischen Israeliten gebildet. Nach dem hiesigen Amtsblatt sind folgende Herren Mitglieder desselben: Beckh, Dekan; Denk, Oberamtsgeometer; Dollmetsch, Fr. Gemeinderath; Dr. Eichberg, Oberamtsarzt; Freundlich, Otto; Gambs, Oberamtmann; Grünsfelder, Moses; Königsberger, Lehrer und Cantor; Kohn, Karl; Lindenberger, Karl; Lindner, Louis; Oehler, Kaplan; Paradeis, Revierförster; Philipp, Karl, Gemeinderath; Rosenfeld, Maier; Sachs, Stadtschultheiß; Stein, I. B., Kaufmann; Vogt, Stadtpfarrer. ' Das Ergebniß der Sammlung wurde im Betrage von 508 M. 50 Pf. der Redaction des „Israelit" zugesandt, welche die Spendenliste veröffentlichen wird. Unser verehrter Herr Stadtschultheiß Sachs, der im Wohlthun und Liebeüben nicht müde wird, hat sich auch bei dieser Gelegenheit auf's Neue die Liebe und den Dank seiner jüdischen Mitbürger erworben, indem er, wie bei jeder anderen Veranlassung, auch diesmal gezeigt hat, daß ein confessioneller Unterschied seinem Herzen fremd ist. Gott lohne es ihm. ..... —r Frankfurt« M 19. Mai. Rach hierhergelangten Nachrichten hat das Hilfs-Comit6 zu New-Aork erklärt, daß es nicht im Stande sek, den russischen Einwanderern Arbeit zu verschaffen, wenn dieselben dem jüdischen Religionsgesetze in Bezug auf die Feier des Sabbats und die Beobachtung der Speisegesetze treu bleiben wollen. (Von Ackerbaucolonien, in denen die Unglücklichen beisammen wohnen und dem Gesetze unseres Gottes gemäß leben könnten, scheint nicht mehr die Rede zu sein. So gestaltet sich die Auswanderung nach Amerika zu einem neuen Unglück. Gott bessere es l) Posen, im Juni. Das hiesige Comitö für Unterstützung der russischen Juden hat Bericht über den Erfolg seiner bisherigen Thätigkeit abgestattet. Es ist hiernach bisher im Ganzen der Betrag von 31,315 M. 17 Pf. eingegangen und zwar hiervon aus der Stadt Posen 21,151 M. 70 Pf., das Uebrige aus den Städten der Provinz, wobei die erfreuliche Wahrnehmung zu machen ist, dyß. in den meisten Städten die Sammlungen durch Christen veranstaltet worden sind. Aus vielen Städten sind übrigens die Erträge der Sammlungen direct an das Central- Comittz nach Berlin befördert worden. Von der erwähnten Summe wurden 28,000 Mark an das Central-ComitH nach Berlin gesandt und 350 Mark zu Unterstützungen an durchreisende jüdische Auswanderer verwendet, so daß vorläufig noch ein Bestand von 2965 M. 17 Pf. verbleibt. Das Comit5 hat nämlich seine Thätigkeit noch nicht eingestellt, sondern fordert zu weiteren Liebesgaben auf. Die Leser Ihres geschätzten Blattes werden sich wohl noch des s. Z. Aufsehen erregenden Umstandes erinnern, daß in dem Hotel eines Badeortes in Amerika dem jüdischen Kaufmann Seligmann als Juden die Aufnahme verweigert wurde. Dieses in Amerika besonders auffällige Gebühren wurde damals von der dortigen Presse aufs Schärfste verurtheilt. Vor einigen Wochen erhielt nun ein hiesiger jüdischer Herr von seinem Bruder aus New- Aork die Mittheilung, daß jener Hotelbesitzer fallit geworden sei. Dies wäre nun an sich eben nichts Bemerkenswerthes; die Mittheilung gewinnt jedoch an Curiosität dadurch, daß hinzugefugt wird, der zurückgewiesene Herr S. habe damals dem Hotelinhaber vorausgesagt, er könne sicher sein, in fünf Jahren zu falliren. Diese Frist ist nun mit seltener Gewissenhaftigkeit inne gehalten worden, denn es fehlen daran nur noch etwa drei Monate. Bemerkt wird ferner noch, daß die jüdischen Kaufleute, mit denen der intolerante Hotelier, der auch Kaufmann war, in Geschäftsverbindung stand, ihre Verbindungen mit ihm sofort abgebrochen hatten; möglich, daß diese wohlverzeihliche conseguent durchgeführte Maßregel zum Sturze des Betreffenden beigetragen hat. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, im Juni. Man sucht es vergeblich, nach dem alten Spruche, die Natur selbst mit einer Heugabel auszutreiben, fast noch schwieriger aber ist es, gegen Vorurtheile anzukämpfen. Der Mensch hat mehr Sinn für Märchen, als für Geschichte. Im späten Alter denkt er noch an Märchen, die er in der frühesten Kindheit vernommen, und Thatsachen, die er selbst erlebt hat, sind längst vergessen. So kam es, daß Jahrhunderte vergehen mußten!, bevor man das Märchen, daß die Juden zu ihrem Osterfeste Christenblut gebrauchen, für das erkannte, was es wirklich ist, und es wird wohl kein vernünftiger