Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1882)
- Date
- 1882-06-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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öffentlichen jüdischen Lokalen waren Büchsen aufgestellt, die die Inschrift: „Simon Kaftan's Almosenbüchse" trugen, und deren Inhalt er wöchentlich eiucassirte. Er selbst hatte keine Bedürfnisse, aus Brot und Wasser bestand seine Nahrung, in irgend einem Lehrlocale (Klaus), deren Wilna so viele hat, fand er auf einer Holzbank oder auf dem Boden sein Nachtlager, und dieser Mann, der wie ein Bettler lebte, um den Bettlern zu helfen, hat manches Jahr an die 40,000 Rubel den Nothleidenden vertheilt. — Wer war dieser Mann, der in die Spelunken der Armuth und des Elends als ein Freudenbringer hinabsticg, mit vollen Händen spendete und jeden Dank verschmähte, fast rauh von sich wies? In diesen verwitterten Gesichtszügen hätte wohl schwerlich Jemand den einst schmucken, jungen Simon wieder erkannt, der um die schöne Esther gefreit hatte? Er hatte, als er das Haus seines Herrn verlassen, sein tiefes, unheilbares Weh weit in die Welt hinaustragen wollen. Viele Länder und Städte hat er gesehen,' aber nirgends die Ruhe gefunden. Auf Erwerb von Schätzen war^er nicht ausgegangen, es genügte ihm, sich so viel zu erwerben, um seine bescheidenen Ansprüche aus Eigenem befriedigen zu können. Aber seinen Schmerz stillte all die Arbeit nicht, in welche er sich stürzte, alle die bunten Abwechselungen seines Wanderlebens nicht. Da ergriff ihn wieder die Sehnsucht nach seinem Vaterlande; arm kehrte er heim, und doch fühlte er sich erleichtert, als er den Boden Rußlands wieder betrat. Er wandte sich nach Wilna, und dort fand er, dem die Liebe so tiefe Wunden geschlagen, ein weites Feld für eineThätigkeit, in welcher er seines Weh's vergessen wollte: er suchte den Liebcsschmerz durch Liebesthätigkeit zu stillen. Er stellte es sich zur Aufgabe, das Elend seiner Mitbürger, das sich tausendfach auf den Gassen Wilua's dem Vorübergehenden zeigt, zu mindern, und da er selbst unbemittelt war, und nicht mit eignen Mitteln helfen konnte, so wurde er ein Bettler für die Bettler. So strich er in Wilua's Straßen umher, stellte sich bei allen Gelagen und Festlichkeiten ein, ein neuer Diogenes, der Menschen suchte, aber nicht mit der Leuchte, sondern mit der Sammelbüchse. Heute Morgen war er wieder mit froher Erwartung auf die Suche gezogen, denn heute sollte eine Hochzeit gefeiert werden, auf welche keine geringere als die wegen ihrer Wohltätigkeit so bekannte und gerühmte reiche alte Gold-Jungfer, die bisher noch niemals an einer Gesellschaft theilgenommen, erscheinen wollte. War ja die Braut eine arme Waise, welche von der reichen, DaOr ausgestattet wurde, und jener zu Ehren wollte -iese die Regel ihrer Zurückgezogenheit durckbreckelMHtaftan hatte schon von der alten reichen Jung,. WDrt, die ganz Wilna durch ihre Wohlthä'*"*"tt inWstaunen setzte, nach ihrem Namen hatte er ... gefragt, was kümmerte ihn das? Aber heute dachte" er einen guten Fang zu thun. die „Goldjungfer" sollte seine jBüchse mit einer schönen Gabe bereichern. Mit seinem gewöhnlichen Gesänge trat er in die muntere Gesellschaft. An der Spitze der Tafel saß die bekannte Wohlthäterin. „Kommt her zu mir, ich möchte Euch einmal kennen lernen", rief sie, „und für Eure Büchse Hab' ich was Gutes!" Was war das? Wie ein Blitz durchzuckte es Kaftan. Wem gehört diese Stimme? Hatte er diese nicht früher gehört? Sollte sie aus dem Munde Derjenigen kommen, die er noch einmal in seinen^ Leben zu sehen sich gewünscht? Er trat bin die Büchse vorstreckend. Ja, sie war es. Esther hatte sich nicht wie er bis zur Unkenntlichkeit verändert. Jetzt war es ihm unmöglich, den Blick aijszuhalten. Er wankte, zog die Büchse zurück. „Nickst wohl" hauchte er „jetzt uicht! nachher!" und verließ eilends den Saal. Es machte Aussehen, im Anfänge sogar Unruhe, es war das erste Mal, daß KaHtan seine Büchse vor einer Gabe zurückzog. Alan, beruhigte sich aber bald, es sei eine seiner Ungezogenheiten und vergaß den Auftritt bald im Jubel der Freude. Kaftan aber schritt lautlos durch die Straßen, während sein Herz pochte. Endlich war er bis vor die Stadt in eine menschenleere Gegend gelangt, dort löste sich der langjährige Schmerz, der nur zurückgedrängt, aber nicht ertötet war, in einem heißen Tränenstrom; cs waren seit vierzig Jahren die erste Thränen. Ein Bann war von ihm genommen, er aiymete frei auf, der einzige Wunsch, den er im stillen Herzen noch getragen, war erfüllt, jetzt hatte er gar keinen Wunsch mehr. Spät, sehr spät suchte er das Lehrhaus auf, in dem er sein Nachtquartier aufgeschlagen hatte. So heiter hatte er sich noch niemals auf das harte Lager zum Schlafen niedergelegt, bald war er eingeschlummert und — hinübergeschlummert. Am anderen Morgen^ fanden die frühen Besucher des Lehrhauses den entseelten Körper Kaftans; seine Züge waren nicht entstellt, er schien ruhig zu schlafen und glücklich zu träumen. Hierzu vier Beilagen. -'erantworNiche ’h'ebaction: l)r. Lehmann in Mainz. — Verlag uno Expedition des „Israelit" gi-one Bleiche 4ö. 1<. Gott8ledeBuchdrnckerei (Mainzer Nnreiaer ■.