Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1882)
- Date
- 1882-06-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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591 Peiles glückliche Stimmung war getrübt worden; er wollte sich wieder in jene versetzen und eilte zu seiner TaMr, um mit dieser von dem ihr bevorstehendeuWMcke sich zu unterhalten. Diese hatte Simon aus dem Zimmer des Vaters heraustreten sehen, aber es vermieden^ mit ihm zusammenzutreffen. Sie ahnte, daß zwischen ihrem Freunde und ihrem Vater eine heftige Scene stattgefunden haben müsse. Zu seiner Verwunderung zeigte sich die Tochter über seine Mittheilungen gar nicht erstaunt. Sie gehörte zu den starken Naturen, die tief fühlen, deren Gefühle sich aber nicht auf dem Gesichte abspiegelu. Sie war klug genug, nicht mit einem entschiedenen „Nein" ihrem Vater entgegenzutreten, auch wollte sie den alten Manu nicht betrüben. Sie wollte den Besuch des jungen Mannes abwarten, meinte sie, um nach dem Eindruck, den sie auf ihn mache, zu entscheiden. Während Peiles mit seiner Tochter über ihre Zukunft sprach, wälzte sich der unglückliche Simon wie ein Verzweifelnder auf seinen: Lager. „Er will keinem Am-Haarcz seiner Tochter geben! Wie könnt' ich Thor auch nur glauben, daß ich dieses reiche Mädchen heimführen könnte? Was habe ich zu bieten? O, über mein verfehltes Leben!" Mit solchen Ausrufen unterbrach er seinen Schmerz. Er fühlte es, in diesem Hanse konnte er nicht bleiben. Am anderen Morgen war Simon verschwunden. Am schmerzlichsten wurde Esther von der Flucht Simons betroffen; cs zog ihr krampfhaft das Herz zusammen, doch verstand sie es ihren Schmerz zu verbergen; sie zeigte nur so viel Antheil wie die Uebrigcn im Hause. Peiles that der Junge sehr leid, aber er wußte sich von jedem Vorwurfe rein. Die ganze Umgegend wurde abgesucht, Simon war nicht zu finden. Wo war er hingerathen, hatte er sich ein Leides angethan? War er in unbestimmte Ferne gegangen? — In der Woche drauf kam der von: Vater Erkorene aus Wilna. Esther aber war unterdeß ernstlich krank geworden; eine ganz natürliche Folge der Aufregung der vergangenen Woche, meinte der Vater, ohne einen tieferen Grund zu ahnen. Der junge Mann mußte umkehren, ohne sie gesehen zu haben. Die Angst um die geliebte Tochter ließ den Vater alles Andere vergessen, und als diese nach mehreren Wochen das Bett wieder verlassen konnte, wußte sie den Vater zu bewegen, ihr nicht mehr vom Heirathen zu sprechen, in ihrer Krankheit habe sie so recht empfunden, wie sehr sie den Vater liebte, und sie wollte die Liebe zu ihm nicht mit einem Andern theilen. Der Vater hoffte die Zeit und eine vollständige Genesung würden den Sinn seiner Tochter ändern, er wollte sie jetzt nicht aufregen. Als aber die vollständige Genesung eingetreten war, dauerte es nicht mehr lange, bis man den Vater zur letzten Ruhestätte hinaustrug. Esther hat me versucht, ihr Lebensglück in einer Ehe zu finden. Vierzig Jahre mochten wohl nach dem erzählten Vorfall dahin gegangen sein, als man an einer stadtbekannten Persönlichkeit Wilnas eine bemerkenswerthe Veränderung wahrnahn:. Es mußte etwas ganz Besonderes vorgefalleu sein: Simon Kaftan ging ruhig seines Weges, er brüllte nicht seine üblichen Gesänge, er sah ruhig vor sich hin. und die Vorübergehenden blickten ihn ob dieser Wandlung scheu am die Straßenbuben liefen nicht hinter ihm her und neckten ihn nicht. Wer war Simon Kaftan? Das wußte Niemand, er war seit vielen Jahren in Wilna, und man wußte nichts anders von ihm, als daß er ein Schnorrer war — aber kein gewöhnlicher — er war ein Schnorrer für die Schnorrer. Es war keine anmuthige Erscheinung, die da mit der riesigen Sammelbüchse durch die engen Straßen Wilua's schritt. Eine spitze graue Filzmütze bedeckte das wirre Haar, ein langer grauer Mantel mit einen: Stricke über den Leib zusammengebunden, ging ihm bis auf die Füße, welche in riesigen Holzpantoffeln staken, aus denen zerrissene Strümpfe neugierig hervorguckten. Hob sich der Kopf, so ließ der zugleich gehobene, wilde und ungepflegte Bart eine nackte, abgemergelte Brust sehen. Das Gesicht war verwittert, nur die Augen blitzten noch klug unter den buschigen Augenbrauen hervor. Daß eine solche Gestalt sich nicht,'ohne Aufsehen zu erregen, auf der Straße sehen lassen konnte, ist wohl zu begreifen. Wo sich Simon Kaftan sehen ließ, war n:an sicher, einen Schwarm Gassenjungen zu finden. Ihn kümmerte das nicht; er achtete es nicht, wenn die Buben ihn zupften, ihn anschrieen oder behelligten, unbeküminert schritt er seinen Weg weiter, mit eigenthümlicher Melodie einen Vers vor sich hersingend, nein, brüllend, der wenig Dichtertalent verrieth, aber von einen: fühlenden Herzen zeugte. Die große Sammelbüchse vor sich haltend, schrie er in's Straßengewoge hinein: „Für was lebt man in der Welt, Als zu geben den Armen Geld, Wer Armen gibt viel Geld Wird kommen in die andere Welt!" oder auch hebräische Schriftverse, welche von dem Werth des Almosenspendens sprachen. Und viele, viele Münzen in Kupfer und Silber regnete es in die Büchse. Jede Gabe, die in seine Büchse fiel, begleitete Simon mit einem, in eigenthümlicher Melodie, hergeleierten Denkspruch und Segen. In allen E.j & ■ j »/ ■>