Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1882)
- Date
- 1882-06-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447921--18790-2474843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Königsberg, 6. Juni. Zur Frage der russich-jüdischen Flüchtlinge geht der „Königsb. Hart. Ztg." über die Verhältnisse an unserem Nachbarorte Eydtkuhnen von bestunterrichteter Seite nachstehendes zu. Neben dem Auswandererstrom, der sich flüchtend aus den südlichen Gouvernements über die öftere reichische Grenze ergießt und dort in Noth und Elend der befreienden Stunde harrt, die ihn der neuen Welt zuführt — es werden wöchentlich ca. 6—800 Personen expedirt — findet auch über die Ost^renze eine ununterbrochene Auswanderung aus Westrußland und dem Innern Rußlands statt, und dürfte die Zahl derer, die über Eydtkuhnen und Berlin ihren Weg nach Hamburg nehmen, eine fast gleich große fein,' wie die der via Brody-Lemberg Beförderten. Handelt es sich im Süden in erster Reihe um die Opfer der Plünderungen und Austreibungen, so ist es hier mehr die Furcht vor demselben Schicksal, die die Leute mit dem letzten Reste ihrer Habe flüchten läßt. Ein großer Theil der unserer Ostgrenze passirenden Flüchtlinge ist demgemäß nicht ganz von Mitteln entblößt; daß aber diesen die Grenzüberschreitung und ungehemmte Weiterreise ermöglicht wird, andererseits die große Zahl derer, die ohne Mittel oder ohne ausreichende Mittel sich auf den Weg wagen, unsere Stadt und Provinz nicht überfluthen, das verdanken wir vor allem dem Hilfscomie in Eydtkuhnen, das unter Leitung des Herrn Gudovius seit Wochen sich in hingehendster Weise dieser Angelegenheit widmet. Die Flüchtlinge werden an der Grenze empfangen, mit directen Billets bis Hamburg versehen und unmittelbar nach ihrer Ankunft in durchgehenden Wagen in vierter Klasse via Insterburg-Berlin nach Humburg befördert; unberechtigte oder nicht zur Beförderung geeignete Personen werden ohne die deutsche Grenze passiren zu dürfen mit Mitteln zur Rückreise bis in eine größere Stadt versehen. Das Eomitö zu Eydtkuhnen, das sich in jeder Weise des freundlichen Entgegenkommens der Behörden erfreut, hat förmlich die Verpflichtung übernommen, dafür zu sorgen, daß die Nichtbeförderten sich nicht über die Provinz ergießen, und ist derselbe bis zur Stunde gewissenhaft nachgekommen. Die aus der Ueberführung, Verzollung?c. entstehenden Kosten, sowie die Passage für solche mittellose Personen, welche sich als Opfer der Negierungsmaßregeln oder Volksexcessen ausweisen können, hat vom 1. Juni ab das deutsche Central-Comiw zu Berlin übernommen. Ebenso hat letzteres dem Comittz zu Eydtkuhnen, einen monatlichen Kredit bewilligt, um solchen Individuen, deren Baarschaft zur Reise nach Newyork nicht ganz ausreicht, mittelst einer kleinen Subvention die Wohlthat der Auswanderung zu ermöglichen, statt sie ihre geringen Mittel zwecklos auf die Heimreise verwenden zu lassen. Jedenfalls kann die ganze Provinz dem ComitH zu Eydtkuhnen das Dank wissen, daß es auf der einen Seite die Rettung so vieler Bedrängter vermittelt, andererseits gleich einer Schutzwehr an der Grenze Wache hält. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Peflh, 7. Juni. In Boglar ist ein Mädchen eruirt, das sich Esther Solymossy aus Eszlav nennen und mit dem vermißten Mädchen identisch sein soll. Die Bestätigung der Nachricht bleibt abzuwarten. Feuilleton. Simon Kaftan. Eine westrussische Ghetto-Erzählung. Von A. 8. (Fortsetzung und Schluß.) „Sei vernünftig, Simon; Du weißt, ich bin Dir immer gut gewesen, ich will nicht aufzählen, was ich an Dir gethan; Du warst kaum zehn Jahre alt, als Deine Mutter mit Dir bei mir einkehrte, die arme kranke Frau starb zwei Tage darauf, sollt' ich Dich armen Jungen fortschicken? Nein, ich Hab' Dich gekleidet, erzogen, Hab' Dir einen Rebben (Lehrer) gehalten, daß Dn das Nothwendigste lerntest, Hab' Dich dann in die Wirthschaft genommen und will Dich auch zum Manne machen. Wie konntest Du nun auf den Gedanken kommen, ich würde Dir die Esther geben; glaubst Du, ich habe darum so viel Geld verdient, um einen Am Haarez (Ungelehrten) einzusetzen? Glaubst Du, meine Esther würde einen Am-Haarez nehmen? Nein, schlage Dir die närrischen Gedanken aus dem Sinn; merke Dir, ich gebe meine Tochter keinem Am-Haarez! Und laß nur vor der Esther nichts merken," die könnt' Dich noch dazu auslachen." „Balboß, ich habe geglaubt, das Recht zu haben, um Esther bei Euch zu freien; Ihr wißt, wenn ich sie nicht aus dem Teiche gezogen hätte, Ihr hättet heute keine Tochter." Peiles war betroffen, doch er wußte sich zu ' helfen: „Hast Du mir die Tochter aus der Gefahr errettet, so hast Du mir Deine ganze Existenz zu verdanken, wir sind also quitt." „Und wenn Esther mich gern nehmen würde?!" j „Schweig! Du bist ein Narr! Ich gebe meine ■ Tochter keinem Am-Haarez. und nun genug!" —