Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1882)
- Date
- 1882-06-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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588 Einzelnen vorangesetzt wird, Dazu kam entschiedener Capitalmangel. Die meisten Colonisten besaßen nichts als die mühsam zusammengebrachten 30 Napoleons, mit denen sie ganz oder als Anzahlung ihren Antheil erkauft hatten; aber die Erde verlangt von ihren Bebauern mehr als Fleiß und Entsagung; sie vernmg allerdings mit reichlichen Zinsen zurückzugeben, aber nichts anderes, als was sie von den Menschen erhalten hat. Das ist die traurige Geschichte von En Lebes, die für alle Zeiten als Beweis dastehen wird, daß die als bettelnde Faullenzer verschriene Bevölkerung Jerusalems im Srande ist, sich mit Todesverachtung in den Kampf zu stürzen, wenn es sich um die heilige nationale Sache handelt. Uebrigens ist dies Unternehmen noch nicht zu Ende. Man hat vor einigen Monaten bei Jehudie in entschieden gesunder Gegend neues Terrain zugekauft, dort sollen Häuser gebaut und Gärten angelegt und von dort aus die Bewirthschaftung der Colonie geleitet werden. Bon Ihren drei Fällen ist also die erste Unternehmung gescheitert wegen schlechter Führung, die dritte, weil man sich überhaupt keine Leitung gefallen lassen wollte, — die zweite dagegen, die deutschen Eolonien, sind vollständig im Aufblühen begriffen. Aber warum erwähnen Sie mit keiner Silbe Ihrer eigenen Niederlassung vor: Mikwch Israel, die doch wohl geglückt ist, weil sie nach zwölf Jahren noch fortbesicht? lieber eigene Verhältnisse pflegt man ja besser unterrichtet zu sein als über fremde. Oder sollten hier nur Unglücksfälle angeführt werden? Stand Ihre Ansicht von vornherein fest, und suchten Sie nachträglich Gründe dafür aufzutreiben? Das kann Einem passiren, ohne daß man cs merkt, und wenn ich Ihre angeblichen Thatsachen mit den vagen Allgemeinheiten vergleiche, ans denen Sie dieselben erklären wollen, so kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, daß Sie das Opfer einer solchen Selbsttäuschung geworden sind — denn Ihre Gründe haben mit dem Mißlingen dieser Ansiedlungen blutwenig zu thun, sie sollen am Ende auch nur beweisen, daß Eolonien, insbesondere jüdische Eolonien, in diesem Lande nicht gedeihen können, und daraufhin könnte man sie ein anderes Mal prüfen Aber warum sind Sie prineipiell gegen eine Einwanderung der Juden in Palästina? Sie verrathen nur etwas von den Ursachen am Schluffe Ihres Briefes — die Auswanderer würden in Palästina im Fall des Mißlingens nur die Schaar der Chalukah-Empfänger vermehren, in Amerika aber reichliche Gelegenheit zu allerlei Beschäftigungen haben —, d. h. in's Deutsche übersetzt, die Unglücklichen würden im heiligen Lande noch eine letzte Zuflucht in der Mildthätigkeit ihrer Brüder finden, in Amerika dagegen verschwinden sie von der Bildfläche, sie mögen gedeihen oder verhungern, jedenfalls sind wir sie los. Aber das ist noch nicht Ihr Hauptmotiv. — Sie lüsten schließlich den Zipfel des Vorhangs und lassen uns merken, weshalb die Juden Europa's eine Einwanderung in Palästina in keinem Fall unterstützen dürfen. Die französischen Juden wollen vor allen Dingen Franzosen sein, die Englischen Engländer- Vielleicht auch die Deutschen Deutsche, ihr Judenthum ist zu einer Art blasser Eonfession herabgesunken, meist ein Name, der sie vor der Last der fremden Eulte schützt. Ihr Stolz besteht darin, den anderen Nationen amalgamirt zu sein, so daß Niemand aus der Legirung ihr echtes oder unechtes Metall heraus erkennt. Und diese Männer sollten sich der Gefahr aussetzten, von der öffentlichen Meinung beschuldigt zu werden, daß sie von geheimer Sympathie für das Land ihrer Väter erfüllt seien? Würden sie nicht riskiren, eines Tages ihre Pässe nach Jerusalem visiren lassen zu müssen? Schrecklich — das wäre ja eine Katastrophe, wie wir sie feit 2000 Jahren nicht erlebt hätten. Denn ein französischer Jude hat bekanntlich für die Wiedererlangung des Rheingebietes Gut und Blut zu opfern aber das heilige Land, was will es uns bedeuten? Es ist höchstens ein Platz, der unsere Sympathie in Anspruch nimmt, weil eine Anzahl elender Glaubensgenossen dort vegetirt, die unseren Namen keine Ehre machen, und darum bringen wir auch Opfer um ihren materiellen und, wie wir uns einbilden, moralischen Zustand zu heben, aber die Auferstehung einerjüdischen Nationalität anzubahnen, den großen Namen Israels wieder in die Weltgeschichte einzuführen, ja, das könnte die schlimmsten Folgen für unsselber haben. Zeigen wir also der Welt, daß der Jude kein anderes Vaterland hat als den Boden, auf dem er zufällig das Licht der Welt erblickte, daß wenn ihn dieser ausstößt, er sich überall hin zu retten hat, nur nicht nach Palästina. — Aber indem Sie beweisen wollen, daß das heilige Land nicht mehr die Heimath der Juden sei, haben Sie zu viel bewiesen. Wenn für die Placirung des Auswanderers nur der leichte Erwerb seines täglichen Brodes maßgebend ist, dann ist der Jude in der That der heimathslofe Vagabund, für den seine Feinde ihn ausgeben, und wer für diese Tansportirung unserer Brüder nach Amerika gewirkt hat, wird die Folgen zu tragen haben. Anders der russische Jude. Er hatte voll und ganz das Land geliebt, das ihn hegte, das seinen Fleiß, wenn auch nur kümmerlich, belohnte, in dessen Sitte er sich eingelebt hatte, wie denn die Wurzeln eines jeden menschlichen Daseins mit Nothwendrgkeit in dem Boden ruhen, auf dem man geboren und aufgewachsen ist. — Aber als die Gewalt und die Bosheit ihm die Alternative stellte,