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Der Israelit · 1882-06-07 · Heft 23 (7.6.1882) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 23 (7.6.1882)
Date
1882-06-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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563 Esther war in der That eine imposante Erscheinung; ihr edel geformtes Gesicht, das pechschwarze in vollen Locken herabrieselnde Haar, die stolze Haltung, die sie in der ihr so schmuck stehenden rothsammtenen Kazabaika zu bewahren verstand, hatte in der Stadt, wenn der Vater sie zuweilen mit dorthin genommen, manches Auge der an Schönheiten gewohnten jungen Männer aus sich gezogen. Auch Simon, der jugendliche Vertraute des Vaters, der im Hause eine Zwischenstellung zwischen Diener und Freund einnahm, hatte mit den Jahren herausgefunden, daß Esther schön war, und wenn sie dem hübschen jungen Mann freundlich entgegenkam, so hatte er diese Freundlichkeit in seinem Sinne ausgelegt und in seligen Gedanken eine Leidenschaft in sich großgezogen, die für ihn verhängnißvoll werden sollte. Simon hatte es bis jetzt noch nicht gewagt, Esther seine Liebe zu erklären; er war sich doch nicht sicher, ob sie nicht ihn, den heimathlosen Fremdling, abweisen würde. Es war ihm nicht entgangen, daß bei aller Freundlichkeit, mit der sie ihn behandelte, sie eine Zurückhaltung beobachtete, die oft, wenn er ruhig über seine Neigung nachdachte,^seine schönen Jllussionen bedeutend trübte. Aber einmal sollte und mußte es gesagt, die Zweifel mußten gelöst sein. Heute war der Vater nicht da, heute wollte er das entscheidende Wort von ihren Lippen hören, ob er als Freiwerber bei dem Vater auftreten durfte. Es war recht behäbig im Hinterstübchen, in welchem Esther am Nachmittage saß, mit einer Handarbeit beschäftigt. Der breite Kachelofen, fast ein Gebäudezu nennen, verbreitete eine angenehme Wärme. Esther sah so nachsinnend aus; ob sie wohl an den hübschen, jungen Bachur (Student) der Wilnaer Hochschule dachte, der erst kürzlich ihren Vater besuchte und von diesem so freundlich ausgenommen worden war, und von dem der Vater ihr erzählt, daß er unter den Vorzüglichen jener berühmten Schule einer der Vorzüglichsten sei, und daß, wie seine Lehrer versicherten, er einmal eine Größe in Israel werden würde, oder weilte sie in ihrem Sinnen bei einem Andern? Es mußten jedenfalls angenehme Gedanken sein, die sie beschäftigten, das konnte man an dem Lächeln sehen, das ihren Mund umspielte. Simons Eintritt unterbrach sie in ihrem Denken. „Kann ich einige Augenblicke mit Dir plaudern?" fragte Simon schüchtern. „Wenn Du Zeit dazu hast, mir fehlt es nicht daran." „Dein Vater hat Dir versprochen, außer dem Pelz noch etwas mitzubringen; weißt Du, was er damit gemeint hat?" „Du scheinst gelauscht zu haben?" „Gelauscht? nein! Ich stand in der Einfahrt, und Dein Vater sprach so laut." „Und wie kommst Du dazu, mich nach der Bedeutung jenes Versprechens zu fragen?" „Blick mich nicht so zornig an; wenn ich Dir sage, daß ich Deinen Zorn fürchte, daß ich überhaupt nur vergnügt sein kann, wenn Du es bist, so kannst Du Dir denken, daß ich Angst vor dem habe, was Dein Vater Dir von seiner Reise mitbringen will." „Simon, Deine Redensarten machen mich ängstlich, ich verstehe kein Wort von dem, was Du sagst. „Nun denn, ich liebe Dich! Ich könnte es nicht ertragen, wenn ein Anderer Dich heimführte, ich müßte sterben, wenn Du nicht mein werden wolltest." Das junge Mädchen erschrak vor der Gluth dieser Leidenschaft; aber kam ihr dieser Antrag überraschend? Wurde es ihr jetzt nicht klar, daß sie für den jungen Mann mehr als Freundschaft fühlte? Doch der Vater, der sie so sehr liebte, würde er jemals zugeben, daß sie einen Untergeordneten heirathete? Die schreckliche Gewißheit war jetzt mit einem Male an sie herangetreten, daß sie vor einem Conflicte stand, dessen Lösung nicht in ihre Hand gegeben war. Aber sie war ein starkes Mädchen. „Sei vernünftig, Simon," sagte sie ruhig und entschieden, „ich habe niemals Dir Gelegenheit gegeben, zu glauben, daß Du das Recht hättest, mir einen Liebesantrag zu machen; ich war immer freundlich gegen Dich, weil Du brav bist und der Vater Dich gern hat. Ich habe auch nicht vergessen, daß ich Dir zu Dank verpflichtet bin, da Du mich mit Gefahr Deines Lebens aus dem Teich gerettet hast. Heute sind es gerade fünf Jahre her. Du weißt, daß wir Mädchen gewöhnt sind, zu gehorchen und für unsere Zukunft die Eltern sorgen zu lassen; ich habe leider keine Mutter mehr, und darum wacht der Vater doppelt über mich, er liebt mich mit der doppelten Liebe eines Vaters und einer Mutter, es wäre der größte Ungehorsam, wenn ich mich Jemandem hinter dem Rücken des Vaters versprechen sollte; wer mich begehrt, muß zuerst meinem Vaterrecht sein, und ich werde nur den heirathen, der meinem Vater recht ist." Das war keine ermunternde Zusage, aber es war auch nicht eine direkte Absage, es war doch noch die Möglichkeit offen gelassen, an den Vater sich zu wenden, wollte sie ja der Wahl des Vaters gehorchen. „Du weisest mich also nicht ganz ab. Wirst Du aber auch einwilligen, wenn Dein Vater nichts eiuzuwenden hat?" „Simon, Du Haft das Wort der Liebe ausgesprochen; nun ich will Dir gestehen, daß ich glück-

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