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Der Israelit · 1882-05-31 · Heft 22 (31.5.1882) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 22 (31.5.1882)
Date
1882-05-31
Page
– (sequence 20)
Language
German
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552 floate Rußland, und zwar im Jahre 1882 unter dem glorreichen Regiment des Ministers Ignatieff. Jgnatieff, — dieser Name kehrt in allen Erzählungen wieder und stets in gleichem Zusammenhang. Dort steht ein junger Student, der mit etwa noch vierhundert Universitätszöglingen, meist Medicinern und Juristen, ans Moskau ausgewiesen worden ist. Züge so untergeordneter Verderbheit, wie die folgenden, hat man eigentlich kaum nöthig, besonders anzuführen. Alle diese jungen Leute mußten nämlich Pässe haben, um der Ausweisungsordre, die an sie ergangen war, Folge leisten zu können. Solche Pässe sind kostenfrei. Man begab sich in die Bureaux der zuständigen Behörde und zeigte sein Schreiben vor, in dem stand: „Der Student so und so hat binnen 6 Wochen Moskau zu verlassen." Aber ein Mal war der betreffende vollziehende Beamte nicht zugegen, ein anderes Mal hatte er keine Zeit, ein drittes Mal fand sich eine weitere Ausflucht — kurz, der Student erhielt seinen Paß nicht. Man wußte daß die einzige Möngltchkeit, ihn zu erlangen, darin bestand, den Beamten mit 10, 12, 15 Rubeln, je nach Vermögen, zu bestechen. Wer diese Summe nicht ausbringen konnte, erhielt keinen Paß; und ohne Paß in Rußland zu reisen, hat die endlosesten Plakkereien, vielleicht wirkliche Gefahren im Gefolge. Der Tag, an dem die Studenten Moskau verlassen haben sollten, war endlich da, und nun drangen Polizisten in die Wohnung eines jeden Ausgewiesenen, der der Stadt noch nicht den Rücken gekehrt hatte, und brachten Jeden, dem die Abreise durch die Paßverweigerung unmöglich gemacht worden war, zwangsweise auf die Bahn. Unser Student hat dies Alles durchgemacht, und nur unter zahllosen Scherereien, von hier nach dort gestoßen, beargwöhnt, beständig bedroht, war es ihm möglich, die Grenze zu erreichen. Und was sagt er über die Urheber der Bewegung gegen die Juden? Wir wollen keinen kritischen Standpunkt seinen Aeußerungen gegenüber einnehmen; was er sagt, sagten im Wesentlichen Alle, und so beabsichtigen wir nur die Anschauungen Derer wiederzugeben, die .als Betheiligte über die Ursache ihres Unglücks ein nicht incompetentes Urtheil haben dürften. Stets kehrt der Name Jgnatieff bei den Anschuldigungen wieder. — Sind nicht doch vielleicht die Nihilisten diejenigen, die die Unruhen erregten, um dann aus der Verwirrung und der Durchbrechung aller Zucht Vorthcile zu ziehen? — Nein, sagte der Student, das glaubten wir auch zuerst; aber jetzt wissen wir es besser; — und die Umstehenden bestätigten sein Ansicht. Das Land wird von Emissären durchzogen, die Jgnatieff -aus Petersburg ausgesandt hat. Wir lebten in Frieden und Freundschaft mit unseren Landsleuten, da kamen jene Sendlinge und verbreiteten, der verstorbene Zar sei von den Juden ermordet worden, und der jetzige Kaiser gestatte seinen treuen Unterthanen, die Juden zu plündern und sie todtzuschlugen; er wolle sie in seinem Reiche ausrotten, gegen sie sei Alles erlaubt. Wer eine Schuld bei einem Juden hatte, ließ sich für diese Ideen gern gewinnen, und selbst die besseren Elemente wurden in den Dörfern mit weggeriffen, weil sie den Zar Alexander liebten und die Juden als seine Mörder ansahen. So begannen Plünderung und Mord. — Ich habe, sagte der Mann, dessen Mineralwasserfabrik zerstört worden war, — nicht ein Mal, — nein vier, fünf Mal jene grauen Zettel gesehen, die bei uns in den Dörfern vertheilt werden und auf denen gedruckt steht: „Schlagt die Juden tobt, der Zar will es"; und werden dann ein Mal einige von Denen verhaftet, die die Zettel vertheilen, so schickt man sie nach Petersburg, und dort werden sie wieder sreigelaffen, — das wissen wir. — Aber der erste Anstoß zu den Judenverfolgungen kommt doch von Ihnen her, ans Preußen, sagte der Student. — Ich blickte auf. — Ja, ihr Tretschky, ihr Stöcker, ihr Heinrici gaben die erste Veranlassung für unser Unglück. — der Name eines preußischen Professors, eines preußischen Hofpredigers, eines früheren preußischen Lehrers — in dieser Verbindung! Aber wer könnte wagen, zu widersprechen! Heute wo die Parteien in erbittertem Kampse stehen, soll eine endgültige Entscheidung nicht getroffen werden; aber wir fürchten, daß zu alle dem, was man jenen Männern vorwerfen kann, noch die furchtbare Verantwortung treten wird für die entsetzlichen Unthaten in Rußland, wir fürchten, daß so einst die Geschichte entscheidet; und das Ansehen, das jene Leute in gewissen Kreisen heute noch genießen, wird dann vernichtet sein, ihr vermeintlicher Ruhm ist erwürgt, und man wird sie im besten Fall für Wahnwitzige halten, die mit frevelnder Hand Brandfackeln in den Frieden der Menschheit hineinschleudertcn. Und diese Männer sind Deutsche, sie brüsten sich, das Deutschthum in seiner Reinheit zu verkörpern! Schaffner kamen in die Säle und mahnten zum Aufbruch. Bepackt, die Kinder in den Armen und an der Hand, wälzte sich bunt durch einander die Schaar auf den Perron. Die Wagen wurden erklettert; mühsam hob die Mutter ihre Kleinen hinauf; der Sack, die Tasche wurde hinaufgezerrt und durch die Thür gezwängt — endlich hatten Alle ein Unterkommen gefunden. Noch einmal traten Herren und Damen des ComitHs heran und vertheilteu warme Würstchen und Brod an die Erwachsenen, Schrippen für die ganz kleinen Kinder; hier streckte sich noch eine bittende Hand heraus und dort ein kleines Kinderpatschchen. — Daß nur die Kinder alle

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