Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1882)
- Date
- 1882-05-31
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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551 Drinnen um den Tisch hatten inzwischen die Unglücklichen Platz genommen. Da waren mehrere Frauen oft mit zwei ganz kleinen Kindern, in jedem Arme ruthe eines, und wenn sie die Tasse mit Kaffee, die mau ihnen bot, an die Lippen führen wollten, wußten sie kaum, wie sie die Würmer halten sollten. Andere waren vor Müdigkeit aus iihre Säcke niedergesunken, sie wollten lieber schlafen, als etwas genießen. Und die Kleidung die Meisten war zerrissen, bestaubt, beschmutzt; Viele hatten nichts weiter, als was sie auf dem Leibe trugen, und das war oft genug noch seltsam bunt zusammengewürfelt. Da ging Einer in mächtigen Gummischuhen und leinenen Hosen und leinener Jacke. Eine Frau trug ein grobes wollenes Kleid und zierliche durchbrochene Schuhe, wie man sie zu Bällen anzieht. All' die Leute waren fortgestürzt, wie aus einem brennenden Hause; Jeder ergriff das Nächstliegende. Etwa 120 solcher Unglücklichen, die Kinder nicht eingerechnet, mochten im Augenblick auf dem Bahnhof sein. Und wie Viele waren schon vor ihnen expedirt worden? Einer der Herren des Comittzs, das helfend, anordnend, Speisen vertheilend unausgesetzt thätig war, gab uns die Zahl auf etwa 4000 Personen an. Viertausend geplünderte, verhöhnte, ausgestoßene Menschen! Und wie Viele hatten auf eigenejKosten die Reise gemacht; und wie viele hatten in Rußland zurückbleiben müssen, dem Hungertode und allen Grausamkeiten ausgesetzt, weil sie nicht das Geld bis zur Fahrr an die Grenze aufbringen konnten; denn von dort erst vermag die Thätigkeit des Hülfscomittz's fördernd und schützend einzugreifen. Fast alle Auswanderer sprachen deutsch; die einen gebrochen, die anderen fließend. Ein Mann mit schon ergrautem Haar und Bart erzählte uns sein Schicksal. Er, wie fast die ganze Schaar, die mit ihm zugleich angekommen war, stammte aus der Umgebung von Charkow. Sie hatten alle möglichen Gewerbe betrieben; er selbst besaß eine kleine Mineralwasserfabrik, sie mochte einen Werth von 15,000 Rubel gehabt haben. Der Vorsteher der Ortspolizei ließ vor jetzt etwa 14 Tagen die Juden des Orts zufammenkommen und theilte ihnen mit, daß sie binnen vier Wochen das Dorf zu verlassen hätten; sie könnten sich ansiedeln in Gouvernements, wo den Juden der Aufenthalt gestattet sei. Wie soll man in vier Wochen unter solchen Verhältnissen eine Fabrik verkaufen? Aber der Polizeimeister sagte weiter, er müsse den Juden rathen, schleunigst den Ört zu verlassen, denn die Eisenbahnarbeiter seien entschlossen zu plündern. Man bot ihm Geld, wenn er die Verfolgten schützen wollte; vergeblich. Die Männer nahmen ihre Frauen und Kinder, packten sie auf die Eisenbahn und fuhren mit ihnen nach Charkow, um sie dort in Sicherheit zu bringen; als sie am folgenden Tage zuruckkehrten, war ihr Hab und Gut geplündert, viele Häuser waren eingeäschert, die Mineralwasserfabrik war eine Ruine und der Mann, der vor ein paar Tagen 15,000 Rubel besaß, war so arm, daß er nur seine Fau und die kleineren Kinder aus Rußland mit fortführen konnte; seine älteren Söhne aber mußten aus Mangel an Geld zurückbleiben. — Und so vermag jeder Einzelne seine Leidensgeschichte zu erzählen; und doch stammten die Leute nicht aus Balta und jenen anderen Städten, wo die Rohheit und Entsittlichung ihre höchsten Triumphe gefeiert hatte. Nichts erzählen sie, was zu vergleichen gewesen wäre mit dem entsetzlichen Thatsachen, die durch die Wunden von Hunderten in den Hospitälern von Odessa verkündet werden. Und doch war schon ihr Anblick furchtbar erschütternd, und es zuckte Einem das Herz, wenn man bedachte, welches Unrecht und welche Gemeinheit diese Männer diese Frauen, diese jungen Mädchen zu überstehen gehabt haben. Und das sind die Glücklicheren, die man hier erblickte? Ja! — Sie sind der Barbarei ihres entarteten Vaterlandes entronnen; in ihre Seelen ist, seitdem sie Rußland den Rücken gewandt, wieder ein Strahl der Hoffnung gefallen; sie haben die Segnungen der Mildthätigkeit erfahren; sie wissen nicht genug zu erzählen von der Aufopferung und Liebe, die ihnen in Lemberg zu Theil wurde; deutsche und polnische Studenten wetteiferten dort, die Gebeugten und Bedürftigen aufzurichten und zu unterstützen; in Breslau, in Posen, in Berlin wirken Hilfscomittzs — sind, so oft ein Zug mit Vertriebenen einläuft, Männer auf dem Bahnhof — was mehr ist, als nur durch Geld die gute Sache fördern — die für Speisung und Unterkunft, für Ordnung und Weiterbeförderung Sorge tragen. — Diese Unglücklichen sind die Glücklicheren; in ihrer Phantasie spielt sich hoffnungsvoll das Bild eines neuen Lebens; sie ziehen nach Amerika, dem großen Findclhaus, das jährlich so viele Tausende aufnimmt, chie Europa nackt und elend ausgesetzt hat. Aber was wird aus Jenen, die nicht die Mittel haben, die Grenzen Rußlands zu erreichen? Sie sind jeder Niedertracht, der die menschliche Natur fähig ist, ausgesetzt in den kleineren Städten, in den Dörfern giebt es für sie keinen Schutz, kein Recht; man muß sich eben in voller Ruhe mit dem Gedanken vertraut machen — und in dieser Anschauung lebten alle jene Flüchtlinge, die wir sprachen — daß die Geplünderten jetzt zu Hunderten an Krankheiten und Hunger in Rußland zu GrunSe gehen; ihnen ist nicht zu helfen, ja man erfährt überhaupt nicht, wo überall solche Unglückliche stecken. Und das ereignet sich — nicht in Central-Afrika, nein, in Europa, im Kaiser-