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Der Israelit · 1882-05-31 · Heft 22 (31.5.1882) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 22 (31.5.1882)
Date
1882-05-31
Page
– (sequence 18)
Language
German
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550 der Zufall und das blinde Glück auch manche jener Quadern haben thürmen helfen, so sind sie im Ganzen doch das Zeugniß der Erfolge eines rüstig vorwärts strebenden Standes. Nach der anderen Seite blickt man über noch unbebaute Felder mitten in das Wogen und Treiben Berlins hinein, Wagen und Pferdebahnen sollen vorüber; man sieht hier den kräftigen Pulsschlag einer geschäftigen Großstadt. Und unten am Wasser hebt die eiserne Kette am Krahn bald Maaren aus dem Schiffsbauch auf das feste Land, bald umgekehrt in den Kahn hinab, und kräftige Gestalten mühen sich, die schweren Ballen mit geschickter Hand zu lenken. — Hier ist das Bild festbegründeten Reichthums und friedlich sich emporringender Arbeit; dort der Thiergarten, der mit seinen stillen Plätzen dem Müden Erholung bietet, und über alledem das klare Blau eines Maihimmels mit lachendem Sonnenlicht — man fühlte, das Leben ist schön, und man hätte das Elend des Lebens vergessen können. — Aber was ist das dort hinten am Hamburger Bahnhof! Vor dem grauen Gebäude sieht man wirr sich drängende Gestatten; auf dem langen Perron, der vor der großen Front sich hinzieht, wogt es auf und ab; schwer bepackte Menschen drängen sich durch die schmalen Eingangsthüren, Frauen mit Kindern auf den Armen und Kindern an der Hand steigen mühsam die Treppen hinauf; ein Paar Schutzleute suchen mit dröhnenden Worten Ordnung zu halten; — was man sieht, ist ein Bild des tiefsten Elends; — eine Schaar aus Rußland vertriebener, heimathloser Juden wird hier wenige Stunden im Bahnhof bleiben, um dann nach Amerika, nach einer neuen, glücklicheren Zukunft weiter zu ziehen. Welche Gestalten! Welcher Ausdruck in den Mienen! Wie erschütternd jene Gruppen, die sich auf das dürftige Gepäck hier und dort gelagert haben! Man muß aus dem lachenden Leben Berlins plötzlich mit Blitzesschnelle herausgerissen sein und dieses schauen, um einmal die furchtbaren Gegensätze des Lebens voll zu 'empfinden. All die Leute, die sich hier drängen, sind fast entblößt von Jeglichem; sie besitzen kein Hab und Gut — man hat es ihnen geraubt und vernichtet; sie besitzen kein Vaterland — man hat sie daraus vertrieben; sie sind vielfach von ihren Eltern, ihren Kindern, -ihren Verwandten getrennt — vielleicht auf ewig; — wissen sie, ob die mörderischen Fäuste, die das Leben Hunderter vernichtet, nicht auch ihre Angehörigen in den Tod gesendet haben! Und was haben diese Menschen gethan, um so Furchtbares erdulden zn zu müssen? Sie selbst sollen uns ihre Vergangenheit erzählen; aber lassen wir ihnen noch einige Minuten Ruhe, um sich in einem Winkelchen einzurichten; wir wollen sie inzwischen verstohlen betrachten. Da ist eine Gruppe von Männern, die Niemand für Juden halten würde; sie sind hohe, kräftige Gestalten; fast Alle gleichmäßig in kurze, graue Röcke gekleidet, auf dem Kopfe jene Hobe, bauschige blaue Mütze, die der Russe zu tragen pflegt. Sie haben sämmtlich blaue Augen und blondes Haar, leuchtende, weiße Zähne und einen Ausdruck von bäurischer Gutmüthigkeit in den Zügen. Gesicht, Hände, Anzug, Alles ist an ihnen sauber, und man würde, rhnen kaum ansehen, daß sie obdachlose Flüchtlinge sind. Aber Eines fällt auf, sie haben gar kein Gepäck bei sich. Wir treten an sie heran, wir legen dem Einen die Hand auf die Schulter und fragen ihn: „Woher sind Sie gekommen?" Er zieht seine Mütze und zuckt mit den Achseln. Ein anderer Mann von ganz anderem Habitus tritt hinzu und sagt uns: „Die hier verstehen nicht Deutsch! — Wollen Sie Auskunft, — sind sie ein Herr vom Comittz?" — Er sprach seine Sätze correct, aber mit jenem scharfen russischen Accent, der gellend ins Ohr dringt. Ich bat ihn um Auskunft. — Die Leute in den grauen Röcken waren Müller, Ackersknechte, Viehtreiber aus Kleinrußland; in ihren Gegenden hatten keine Verfolgungen stattgefunden; sie hatten freiwillig auswandern wollen, aber als sie sich auf die Station begaben, raubten ihnen nachstürmende Bauern ihr Gepäck, ihr Habe. — „Und Sie haben nichts gethan, um wieder zu dem Ihrigem zu kommen?" — „Was kann der Jid in Rußland thun?" — Es kam von Neuem Bewegung in den Schwarm; man öffnete zwei breite Holzthüren zu einem weiten Saal, in dessen Mitte aus Latten lange Tische hergestellt waren, um die roh gezimmerte Bänke herumliefen. Ich ließ die Leute jan mir vorüberziehen. Dort waren ein paar, — drei, vier, fünf Gestalten,. wie man sie ähnlich auch wohl ab und zu in Berlin sieht; es war ganz der Typus der Juden aus der Provinz Posen und aus Polen. Aber die große Mehrzahl der Andern sah vollständig verschieden von ihnen aus; sie gingen nicht vornübergebeugt, sondern gerade, und Viele waren wahrhaft stattliche Männer, häufig finit blondem oder röthlich gefärbtem Haar und dunklen, ausdrucksvollen Augen; man sah ihnen an, daß sie Juden waren, aber sie hatten den edlen Typus der Race. Unter den Fauen waren einige tadellos schön, aber in den Zügen Aller, bei den Männern wie bei den Frauen fand man die tiefen Spuren der überstandenen Noth; die Gesichter waren bleich, die Augen tiefliegend, freilich wohl auch von den Anstrengungen der beschwerlichen, weiten Reise. Nnr manche der kleinen Kinder, von denen mehrere Familien wohl vier, fünf bei sich hatten, sahen frisch aus und munter spielend hüpften sie mit ihren nackten Füßchen über die Granitquadern der Vorhalle. Was wußten sie von dem Elend des Lebens!

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