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Der Israelit · 1882-05-31 · Heft 22 (31.5.1882) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 22 (31.5.1882)
Date
1882-05-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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543 etwas in hiesigen Blättern über Judenaugelegenheiten zu bringen. Es ist nun interessant, wie die hiesigen Blätter versuchen, wie weit sie ungestraft dieses Verbot umgehen können. Nowoje Wremja bringt z. B. heute folgende Meldung aus Kowno: Ein Drittel der Stadt ist abgebrannt, die Häuser waren fast alle von ärmeren Juden bewohnt. Der Golos berichtet aus Rostow am Don, daß eine starke Judenauswandernng nach Palästina und Amerika stattfindet. Petersburg, 22. Mai. Dem „Regierungsanzeiger" zufolge wurden bei dem Brande in Kowno 405 jüdische Häuser zerstört. Der Schaden wird ans 600,000 Rubel geschätzt. Moskau, 22. Mai. Die „Moskauer Zeitung" eonftatirt die verderblichen Folgen der Ausweisung der jüdischen Bevölkerung Moskau's in ökonomischer Hinsicht und schreibt, 70 hervorragende Moskauer Firmen unterbreiteten dem Finanzminister ein diesbezügliches interessantes und wichtiges Memoire. Feuilleton. Lob Munitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem e r st e u D r i t t e l des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) Zehntes Kapitel. Es war wieder Freitags Vormittag und eine Gruppe armer Leute, zumeist Frauen, durcheilte lebhaft gestikulirend und laut schreiend, offenbar in größter Erregung die Goldene Gasse, welche aus der schon außerhalb des Ghetto gelegene Karpfengasse in die Breitegassc führt. Als sie in diese traten, kam ihnen der krumme Jtzig entgegen. „Wohin last') Ihr?" schrie Rifke Federnrupferin. „Wohin soll ich lasen?" gegenfragte Jtzig, „wohin anders als zum Bäcker in der Karpengaß', mir meine Barches auf Schabbos zu holen." „Geht mit Gesund!" schrie Veile Schuhflickerin. „Wenn Ihr Geld mitbringt, kriegt Ihr Barches, so viel Ihr wollt — sonst aber war schad für die Stiesel, die Ihr zerreißt!" Ob solch' sonderbarer Rede hielt der krumme Jtzig in seinem hastigen Gange an und schrie: 1) lau". „Was soll das wieder heißen? wir kriegen doch schon seit fünfzehn Jahr' beim Bäcker umsonst Barches!" 9hm erhoben sich alle Frauenstimmen gleichzeitig, während die in der Minorität sich befindenden Männer der Gruppe, nur durch lebhaftes Kopfnicken deren Mittheilungen bestätigten: „Der Bäcker hat gesagt, er get a) heute keine Barches umsonst!" Bei der Stimmeneinhelligkeit, mit der dem krumnien Jtzig diese überraschende Mittheilung wurde, konnte er an deren Richtigkeit nicht zweifeln; er schloß sich also der Menschenwoge an, welche nun in der Fleischbank zu Reb Nochums Laden eilte, um sich wenigstens ihren Fleischbedarf für den Sabbat zu sichern. Sie fanden dort schon eine ansehnliche Versammlung von armen Leuten vor, und Reb Nochum schien nur gewartet zu haben, bis sämmtliche Gratiskonsumenten beisammen waren. Jetzt erst nahm er die Pfeife aus dem Munde, schob sein Käppchen verlegen hin und her und begann: „Meine lieben Leut', ich muß Euch etwas modia sein '), was mich sehr verdrießen thut, und Euch noch mehr verdrießen wird . . . Ez kriegts heut' kein Fleisch — das heißt umsonst kriegt Ihr nix!" Einen Moment trat eine lautlose Stille ein; — aber dann durchschwirrten hundert Fragen die Luft; und ein ruhiger Beobachter hätte die große Zahl von Variationen bewundern können, in denen eine so einfache Frage gestellt werden konnte. „Warum?" „Wie heißt?" „Seid Ihr meschuge?" „Wie kann das sein?" „Warum soll's heut' anders sein als sonst?" und s. f., ja die beiden Aufgeregtesten, Rifke Federrupferin und Peßl Fischbackerin traten in Reb Nochums unmittelbarste Nähe und forderten ihn in etwas weitschweisiger Rede, aber im denkbar schnellsten Sprechtempo, unter den heftigsten Gestikulationen, auf, eine klare, erschöpfende Erklärung dieses anomalen Ereignisses (diesen Ausdruck wählten der Kürze wegen nur wir, nicht die erhitzten Frauen) abzugeben. Reb Nochum war trotz seines derben, ungeschlachten Benehmens, doch ein herzensguter Mensch und er bedauerte die vielen armen Familien, denen plötzlich eine so große Wohlthat entzogen wurde, er sprach: „Kinderleben!4) ich Hab' Euch ja das Fleisch nit aus meiner Tasch' gegeben; das wißt Ihr ja; — wie könnt' ich denn Woch für Woch' zwei, dreihundert Pfund Fleisch vertheilen, ich bin ja nur ein gemeiner') Mann! — und weiter kann ich Euch nix sagen!" 2) gibt. kfnijnt geben. 4) v'iebe Kinder. .">) nicht bemittelter.

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