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Der Israelit · 1882-05-31 · Heft 22 (31.5.1882) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 22 (31.5.1882)
Date
1882-05-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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540 Als Kröndel mit dem Lichte hereinkam und den todten Affen erblickte, schrie sie laut auf. „Lemaan Haschem!" rief sie, „was ist das für ein Mensch?" „Das ist gar kein Mensch," sagte Pinkas, „das ist Pollo, der Affe des Fürsten. Wie oft habe ich mich an seinen lustigen Sprüngen ergötzt, wenn ich droben im Schlosse war! Das arme Thier ist krepirt, und die Bedienten haben sich einen Spaß gemacht, indem sie uns das todte Vieh durchs Fenster warfen. Hätten sie gewußt, daß das Thier Dukaten im Leibe hat!" Er hob aufs Neue die Beine des todten Affen in die Höhe und schüttelte aus Leibeskräften. Da rollten sie hin, die schönen Kremnitzer Dukaten und bedeckten den Fußboden. Kröndel las sie auf; es waren fünfzehn Stück. Aber Pinkas begnügte sich nicht damit; er holte ein großes Messer herbei und schnitt den Cadaver auf; so fand er noch vierzehn Stück. Neunundzwanzig Dukaten! solange Juden in Liboch wohnten, hatte Keiner eine so große Summe auf einmal besessen. Das Peßachfest kam heran. Schön geschmückt saßen Pinkas und Kröndel am Sedertische. Sie dünkten sich König und Königin. Nicht zwei, sondern vier arme Wanderer, waren diesmal zum Feste eingeladen worden. Im Schlosse sprach Fürst Heinrich zu seiner Gemahlin: „Es ist jetzt die erste jüdische Osternacht. Da wird der Pinkas mit seiner Frau Hunger und Kummer leiden. Komm, wir wollen uns von ihrer Noth überzeugen. Vielleicht gelingt es uns, sie jetzt zur Taufe zu überreden." Das fürstliche Paar machte sich auf den Weg. Schon von Weitem hörten sie die fröhlichen Gesänge des Pinkas und seiner Gäste. Und als sie die Thüre öffneten, welch' ein Anblick bot sich ihnen dar! Der Sedertisch war schöner geschmückt als je zuvor und statt des Zinngeschirres blinkte ihnen Silber entgegen. Pinkas und Kröndel erhoben sich und begrüßten mit tiefen Bücklingen das hohe Paar. „Wer hat Dir geholfen?" fragte der Fürst. „Gott!" „Und durch wen?" „Durch Eure Durchlaucht." „Durch mich?" „Alles, was Eure Durchlaucht hier sehen, das Silber, der Wein, die ungesäuerten Kuchen, und alles, j was unsere Küche bietet, habe ich für die Dukaten angeschafft, die Eure Durchlaucht mir geschickt haben." „Ich, ich hätte Dir Dukaten geschickt?" „Der todte Pollo, den Eure Durchlaucht mir durch's Fenster haben werfen lassen, war mit Dukaten ausgefüllt. Fünfzehn Stück fielen sogleich heraus, vierzehn fand ich noch in seinem Innern." „Was, man hat Dir den todten Affen durch das Fenster geworfen? Das geschah nicht in meinem Aufträge. Das haben die Bedienten gethan, um Dich und Deine Frau zu erschrecken. Und Dukaten hat der Affe bei sich gehabt? Die hat das dumme Vieh wahrscheinlich verschluckt, während es allein in meinem Zimmer war, und ist davon krepirt. Wunderbar sind die Wege Gottes! Also habe ich doch dazu beitragen müssen, daß Du Dein Fest hast feiern können. Wunderbar, höchst wunderbar!" „Genädigster Herr, dürfte ich unterthänigst bitten....." „Daß wir wieder mit Euch speisen? aber der Caplan sagt, es sei Sünde!" „Heinrich," sagte die Fürstin, „Gott selbst hat den Caplan Lüge gestraft. Wir sind den Leuten eine Genugthuung schuldig. Wir wollen ihnen wieder die Ehre erweisen, mit ihnen zu essen." Am andern Tage schrieb Fürst Heinrich nach Prag an den Erzbischof und erbat sich einen andern Schloßkaplan. Seinem Wunsche wurde natürlich sofort Folge geleistet. Als bald nachher dem fürstlichen Paare ein Prinz geboren wurde, war es der Neuangekommene Kaplan, der dem Fürstlichen Kinde die Taufe ertheilte. Dieser hatte nichts einzuwenden gegen die Gunst und Gnade, welche der Fürst und die Fürstin dem Juden Pinkas und seiner Gattin erwiesen. Pinkas wurde Hoflieferant und Hofagent bei Seiner Durchlaucht. Der Fürst gewährte ihm die Mittel, ein Geschäft zu begründen. Pinkas wurde im Laufe der Jahre sehr reich, und als die Kinder des Fürsten herangewachsen und das fürstliche Paar diesen zu Liebe seinen ständigen Aufenthalt in Prag nahm, zog auch Pinkas mit seiner Gattin dorthin und wurde eines der angesehensten Mitglieder dieser großen alten Gemeinde. Da Pinkas und Kröndel kinderlos waren und auch sonst nähere Verwandte nM besaßen, so verwandten sie ihr großes Vermögen zu wohlthätigen Zwecken. Noch bei Lebzeiten ließen sie eine große Synagoge erbauen und statteten sie reich aus. Das ist die Pinkassynagoge, das schönste jüdische Gotteshaus in Prag. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaction: 0r. Lehmann in Mainz. — Verlag ima Expedition des .JSraelit" große Bleiche 45. I. GottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anreiger).

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