Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1882)
- Date
- 1882-05-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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537 nur ein einfacher Mord vorliegt, begangen vom Menschen am Menschen; aber es ist auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß ein zu religiösen Zwecken verübter Mord vorliegt, begangen von einem Juden an einer Christin. Dieser Verdacht wird noch durch die Umstände bestärkt, daß der Mord in der Synagoge vor Ostern durch den zur rituellen Tödtung bestellten Schächter vollbracht wurde. Seitdem das Christentum besteht, ist aus dem christlichen Bewußtsein niemals der Verdacht geschwunden, daß die Juden, natürlich nur die orthodoxen Juden, zu ihrer Osterfeier Christenblut benöthigen. Der Interpellant verlieft nun ausRohling's „Talmudjude" angeblich „geschichtliche" Belege für diese Annahme. In seinem Vortrage wird Jstoczy vom Präsidenten Pechy mit folgenden Worten unterbrochen: Ich will nicht in Abrede stellen, daß die langen Citate, welche der Herr Abgeordnete verliest, zur Sache gehören, aber ich bemerke, daß es hier üblich ist, in Citaten sich kürzer zu fassen, besonders wenn dieselben geeignet sind, eine ohnehin vorhandene Aufregung noch zu steigern. Indem der Herr Abgeordnete diese Dinge in solcher Weise vorliest, gewinnen sie noch an Gewicht. Jstoczy: Das will ich ja eben. Präsident: Jetzt, da von alledem, was den Gegenstand der Interpellation bildet, noch nichts bewiesen ist, kann ein solches Vorgehen nicht gebilligt werden. Jstoczy (fortfahrend) wiederholt, er wolle nicht geradehin behaupten, daß hier ein zu religiösen Zwecken verübter Mord vorliege, aber in Anbetracht der obwaltenden Umstande sei dies nicht ausgeschlossen. Präsident: Bedenken Sie. daß eine solche Anklage von den fürchterlichsten Folgen sein kann und geeignet ist, in einer zahlreichen, fleißigen, achtungswerthen Classe unserer Mitbürger Besorgnisse hervorzurufen. Emerich Szalay (von der äußersten Linken) ruft: Da kann man ja gar nicht mehr frei reden. Auf der Seite der Regierungspartei finden die Worte des Präsidenten lebhafte Zustimmung. Jstoczy (fortfahrend): Möglicherweise handelt es sich hier um ein Verbrechen, das auf Jahrhunderte hinaus entscheidend ist für das Schicksal der Juden. Es kann eine Cause cßlebre werden, welche die Runde machen wird um die ganze Welt, und damit die Wahrheit eruirt werde, richte ich meine Interpellation an die Regierung. Minister-Präsident Tisza: Ich fühle mich verpflichtet, diese Interpellation sofort zu beantworten, und muß entschieden mißbilligen, daß eine Classe der Bürgerschaft hier niedrig und verächtlich genannt werde, in einem Augenblicke, wo der Interpellant selbst den Fall nur als Möglichkeit und als im Stadium der Untersuchung befindlich hinstellt. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich muß ferner mißbilligen und dagegen protestiren, daß der Herr Abgeordnete hier in einer Weise spreche, die geeignet ist, draußen solche Aufregung hervorzurufen, deren Ausgang zu meistern nicht mehr in seiner Gewalt liegt. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich habe von dem Falle selbst bisher keine Kenntniß, und es ist seltsam genug, daß derselbe mit Umgehung der gesetzlichen Instanzen im Wege der Zeitungen und der Interpellation vorgebracht wird. Sowohl ich als der Justizminister werden Alles aufbieten, um die Sache klarzustellen. Beamte, die sich wirklich einVersäumniß zu Schulden kommen ließen, sollen zur Verantwortung gezogen und etwaige Schuldige bestraft werden. Ich werde aber als Minister auch dafür sorgen, daß wenn diese Rede hier Gefahren außer dem Hause Hervorrufen sollte, diese Gefahren im Keime erstickt werden sollen. (Lebhafte Zustimmung rechts. Bewegung auf einigen Bänken der äußersten Linken.) Justizminister Pauler meldet dem Hause kurz, daß er den Gerichtshof in Ryiregyhaza angewiesen habe, ihm in der Sache Bericht zu erstatten. (Beifall.) Jstoczy: Die vom Minister-Präsidenten beanstandeten Ausdrücke habe ich nur citirt. Was das Factum selbst betrifft, so hat der Abgeordnete Onody dasselbe schon gestern vorgebracht. Die versprochenen Verfügungen nehme ich zur Kenntniß, doch behalte ich mir vor, die Sache von Zeit zu Zeit zu ventilireir. (Heiterkeit.) Die Antworten der Minister werden vom Hause zur Kenntniß genommen. Unmittelbar daraus erhob sich Daniel Jranyi von der äußersten Linken, um mit dem ihm eigentümlichen warmen Pathos folgende Motivirung seiner Interpellation vorauszuschicken. Er lenkt die Aufmerksamkeit des Hauses lauf die Ereignisse, deren Schauplatz Rußland war. Er kann nicht umhin, seinem tiefen Bedauern und seiner Entrüstung über die Verfolgungen Ausdruck zu geben, welchen die Juden in Rußland ausgesetzt sind. Man müsse uochgerade zweifeln, ob man in Europa oder in Asien, ob im 19. Jahrhundert oder im finsteren Mittelalter lebe. Die Haltung der russischen Regierung und Behörden verdienen die schärfste Verurteilung. Diese laue und feige Haltung beweise entweder unsagbare Ohnmacht oder verkappte Mitschuld. Diese Ereignisse werden von einer Regierung geduldet, welche sich angeblich zur Aufgabe gemacht hat, andere Völker zu befreien. Interpellant gibt nun eine eingehende Schilderung des Elends, welches die russischen Juden zur Auswanderung zwingt. Diese Auswanderung veranlaßte bereits mehrere 7 v;-> Hi r; i Cr .i: 1. . j i 5 v