Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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XXIII. Jahrgang. Erste Beilage zu Ar. 21 des Äsraelil. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien. Folgender Aufruf wurde hier veröffentlicht: Seit Wochen überschreiten in fast ununterbrochener Reihenfolge Tausende von unglücklichen und verfolgten Juden unsere östliche Grenze. Die blutigen Ereignisse, welche im verflossenen Jahre Kiew mit Schrecken erfüllten, haben sich in furchtbar vergrößertem Maße wiederholt. In Dubostar, Okno, Hotzeliewo, Mohilew und namentlich in dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Balta wurden während der Osrertage dieses Jahres an der jüdischen Bevölkerung Gräuelthaten verübt, welche diese Unglücklichen auf die tiefste Stufe menschlichen Elends hinabschleuderten. Fanatisirte Volkshaufen vereinigten sich zu Mord, Plünderung und Brandlegung, legten ganze Stadttheile in Asche, machten Tausende von betriebsamen Menschen zu Bettlern; weder das Leben noch das Eigenthum blieben verschont. Rechtlos, wehrlos, heimathslos verlassen die unschuldig Verfolgten den Boden, ^auf dem sie geboren wurden, das Land, welches sie selbst in ihrer Erniedrigung noch als ihr Vaterland, lieben, und irren, aller Hilfmittel entblößt, in der Fremde umher, uni in entfernten Welttheilen eine neue Heimath zu suchen. In allen Eulturländcrn des Erdkreises wurde die Kunde von diesen Gräueln mit Entsetzen vernommen. Unter diesem Eindrücke tritt die Pflicht hervor, werkthätige Hilfe zu leisten und so wenigstens einen Theil der Schuld zu sühnen, welche irregeleitete Menschen gegen ihre Brüder aus sich geladen haben. Oesterreich, welches stolz ist auf seine Bildung und Gesittung; Oesterreich, welches so oft dem Unglücke gegenüber sein edles Herz erprobt und erst vor Kurzem bei sich selbst die erhebende Wahrnehmung gemacht hat, wie tief jeder Schicksalsschlag, der Einzelne trifft, von der Allgemeinheit mitempsunden wird — Oesterreich kann bei diesem Werke der Barmherzigkeit nicht ^abseits stehen. Auch bei uns muß jede Scheidewand, welche der Glaube, die Abstammung oder das Vorurtheil zwischen Menschen aufge- - richtet hat, fallen vor der Wucht dieses unbeschreib-! lichen Elends. Als die Nächsten, an welche diese : Opfer menschlicher Verirrung sich gewendet haben,! wollen wir auch unter den Ersten sein, welche den Hilflosen beistehen. Bereits haben sich in London, Berlin, Newyork und an anderen Orten Vereinigungen gebildet, um den verfolgten russischen Juden zu Hilfe zu kommen, den Flüchtlingen Nahrung, Kleidung und Obdach zu gewähren, sie in der Begründung einer neuen Existenz zu unterstützen, und hiemit unternehmen es die Unterzeichneten, auch in Wien eine Eentralstelle für den Zusammenfluß milder Gaben aus dem ganzen Reiche zu begründen, auch Oesterreich Gelegenheit zu geben, sich an idem Samaritanerwerke zu betheiligen. Sie wenden sich an ihre Mitbürger mit der innigen Bitte, ihr vielerprobtes mildthätiges Herz auch diesem namenlosen Jammer nicht zu verschließen mit der dringenden Mahnung, durch schleunige und thatkräftige Hilfeleistung Zeugnis; dafür abzulegen, daß wir an Humanität, Gesittung und an jener aufgeklärten Auffassung, die in jedem unschuldig Leidenden nur den unglücklichen Bruder erblickt, hinter keiner der civilisirten Nationen zurückstehen. Sie wenden sich hiemit an jede Nationalität, an jede Eonfession und an jeden Stand; sie wenden sich an Alle, welche Menschenwürde achten und Unrecht verabscheuen; an Alle, welche von dem erhabenen Geiste des neunzehnten Jahrhunderts erfüllt und auf die Stimmen des öffentlichen Gewissens zu hören gewohnt sind. Die Unterzeichneten rufen nicht allein die Barmherzigkeit, sondern auch alle anderen edlen Gefühle an, welche durch diese tief beklagenswerthen^Vorfälle verletzt sind. Jede Spende, die ihnen zukommt, wird nicht blos ein Beweis des Edelmuthes ihrer Mitbürger sein, der sich noch bei keinem würdigen Anlasse verleugnet hat; sie sei auch eine Probe^ ihrer Unbefangenheit und Vorurtheilslosigkeit, ein Tribut, welcher der Würde des ganzen menschlichen Geschlechtes dargebracht wird. Wien, im Mai 1882. Dr. Arlt, Augenarzt. Dr. Anton Banhaus, Reichsrathsabg. Eduard Edler v. Bauernfeld,Dichter. Johann Ritter v. Clumecky, Reichsrath, früher Handelsminister. Otto Graf Chotek. Franz Graf Eoronini-Eronberg, Rchsr., früh. Präs, des öst. Abgh. Heinrich Freiher v. Doblhoff-Dier. Nikolaus Tumba, Reichsrathsabg. Dr. Eajetan Felder, Landmarschall von Niederöst., früherer Bürgerm. Wiens. Leopold Ritter v. Hasner, Herrenhausmirgl., früher Unterrichtsminist. Anton