Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447918--18727-2474777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Fürstin gab ihre Zustimmung. „Wenn Frau Kröndel," sagte darauf der Fürst, „noch für uns zwei zu essen hat, so möchten wir Eure Mazzeknödel und Eure Fische einmal versuchen." „Nein," rief Kröndel, „diese hohe Ehre!" und lief rasch in die Küche hinaus, rasch kehrte sie wieder und brachte zwei zinnerne Teller herein, die wie Silber glänzten; deßgleichen Löffel und Messer und Gabeln. Mit tiefem Knixe stellte sie das Alles vor die hohen Herrschaften hin und sprach erröthend: „Durchlaucht müssen verzeihen, Salweten haben wir nicht." „Qu’est que ce „Salveten fragte die Fürstin. „Servietten," belehrte Fürst Heinrich lächelnd. Die kräftige Suppe und die Mazzeknödel darin, schmeckten dem fürstlichen Paare vorzüglich; ebenso die Fische. Dagegen ließen sie das Suppenfleisch unberührt. Braten gab es nicht; es war ja Seder- Abend. Mit erhobener, wohltönender Stimme sprach Pinkas, nachdem der Aphikomeu verzehrt war, das .Tischgebet. Zu „Schefoch" wurde die Thüre geöffnet. „Warum öffnet Frau Kröndel die Thüre?" fragte der Fürst. „Damit Elijohu Hanowi hereinkommen kann!" antwortete Kröndel schnell. „Wer?" fragte die Fürstin. „Der Prophet Elias," sagte Pinkas lächelnd. „Aber das glauben nur die Frauen und die Kinder. Der wirkliche Grund ist ein anderer. Wir haben beim Beginne unserer Feier Jeden, der hungrig ist, aufgefordert, zu uns zu kommen und mit uns zu speisen. Jetzt, nachdem wir uns gesättigt haben, öffnen wir die Thüre, damit jeder Hungrige hereinkommen kann, um sich an dem zu sättigen, was wir übrig gelassen haben." „Wie schön sind doch diese Gebräuche!" sagte die Fürstin. Drohend erhob Fürst Heinrich den Finger. „Na," sagte er, „Du bist ja ganz begeistert von den jüdischen Ceremonien, Du wirst doch nicht Jüdin werden wollen?" Die Fürstin lachte aus vollem Halse. „Komm," sagte sie, „laß uns gehen, sonst wird es am Ende noch gefahrbringend für meinen Ehristenglanben!" Der Fürst erhob sich.! „Pinkas," sagte er, „es hat uns sehr bei Dir! gefallen und ganz ausgezeichnet geschmeckt. Wenn übers Jahr wiederum das Pesachfest herannaht und Du bist inzwischen noch kein reicher Mann geworden, so magst Du Dich im Schlosse melden und wiederum dreißig Gulden in Empfang nehmen!" Pinkas und Kröndel ergingen sich in den heißesten Danksagungen. Der Fürst und die Fürstin kehrten nach Schloß Liboch zurück, während Pinkas den Seder fortsetzte und in gehobener Stimmung dem Allgütigen Jubellieder sang. Der Sommer kam heran und zog dahin; ebenso der Winter. Pinkas war immer noch kein reicher Mann geworden, und so meldete er sich denn, als im März die ersten Veilchen blühten, auf Schloß Liboch, um die versprochenen dreißig Gulden in Empfang zu nehmen. Der Fürst empfing ihn sehr gnädig und gab ihm das Geld. Auch die höfliche Einladung für die erste Sedernacht lehnte er nicht ab. „Kröndel," rief Pinkas, als er nach Hause kam und seiner Gattin die blanken Dukaten zeigte, „jetzt glaube ich, daß ich in der Sedernacht ein Melech bin und Du eine Malke; denn wir werden einen wirklichen Fürsten und eine wirkliche Fürstin als Gäste an unserer königlichen Tafel bewirthen!" Jahre vergingen, und es galt bereits als eine feststehende Thatsache, daß Pinkas sich jedes Jahr auf Schloß Liboch dreißig Gulden holte, der Fürst und die Fürstin aber regelmäßig am Seder theilnahm. Da starb der alte Schloßkaplan. Ein junger, übereifriger Geistlicher hielt seinen Einzug. Dieser war nicht wenig entrüstet, als er von der sonderbaren Laune des fürstlichen Paares vernahm, das Osterfest nach jüdischer Manier zu feiern. Und als bald darauf der älteste Sohn, der Stammhalter des fürstlichen Geschlechtes, erkrankte und starb, nahm der junge Geistliche Anlaß, darin eine Strafe der Vorsehung zu erblicken. „Durchlaucht," sprach er zu dem tiefbetrübten Vater, „Sie können das Vergehen nur dadurch sühnen, daß sie den Juden, den Sie mit Wohlthaten überhäuft haben, veranlassen, die heilige Taufe anzunehmen!" Wenige Wochen nachher kam Pinkas aufs Schloß, um wie alljährlich die dreißig Gulden in Empfang zu nehmen. Der Arme hatte keine Ahnung davon, welch schweres Gewitter sich über seinem Haupte zusammengezogen hatte. (Schluß folgt.) Hierzu zwei Beilagen. k7:'i-nvonlicbe üeD.sction: Dr. Lehmann in Mainz. — BerlckA und 'Expedition des .ZSraelit* große Bleiche 45. ,>..G 2t tsle ben'S Buchdruckerei (Mainzer Anieiger). \ \