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Der Israelit · 1882-05-23 · Heft 21 (23.5.1882) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 21 (23.5.1882)
Date
1882-05-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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4» 515 Trübselig schlich er durch die Fluren, in seinem Herzen Gott um baldige Hilfe anflehend. „Allmächtiger Gott," betete er, „Du hast mir und meinen Voreltern so viel Gutes erwiesen, hast uns gerettet aus der Knechtschaft in Mizrajim, hast uns befohlen Mazzoth am Pesachfeste zu essen — so thue mir auch heute ein Wunder und schicke mir dreißig Gulden, damit wir, ich und meine Frau, Dein heiliges Fest in Ruhe und Frieden zu feiern vermögen!" Ganz mit seinen Gedanken beschäftigt, hatte Pinkas nicht bemerkt, daß ein vornehmer Herr und eine vornehme Dame gerade auf ihn zuschritten. Fürst Heinrich von Lobkowitz hatte sich vor wenigen Monaten mit der Prinzessin Helene von Wallerstein-Oettingen vermählt. Nachdem das junge Ehepaar den Winter in Prag verbracht, war mit dem Erscheinen ees Frühlings Fürst Heinrich mit seiner Gemahlin nach Liboch geeilt, wo wichtige Geschäfte seine Anwesenheit dringend erforderten. Nun hatte das schöne Frühlingswetter das hohe Paar zu einem Spaziergange ins Freie gelockt. „311111, Pinkas," redete der Fürst den Juden an, „bist Du so in Gedanken versunken, daß Du mich und meine Gemahlin nicht bemerkst?" Der arme Hansirer erschrak, als er so plötzlich die Stimme des hohen Herrn vernahm. Schnell riß er die Mütze vom Kopfe und verbeugte sich fast zur Erde. „Durchlauchtigster Fürst, durchlauchtigste Fürstin," stammelte er, „wollen mir armem Manne gnädigst verzeihen! Ich betete zu Gott in meinem Herzen und da habe ich Ihr Herannahen nicht bemerkt." „Um was betetest Du denn?" fragte der Fürst „Ich bat Gott, daß er mir ein Wunder thun möge. Den ganzen Winter konnte ich wegen des großen Schneefallcs meinen Geschäften nicht nachgehen, und jetzt habe ich Alles aufgezehrt. Das jüdische- Osterfest naht heran, und wir, ich und meine Frau, haben die Aussicht zu verhungern, wenn Gott nicht ein Wunder thut. So sprach ich denn in meinem Herzen: Herr, mein Gott, Du hast befohlen, daß wir die ungesäuerten Brode essen, so thue denn ein Wunder und schicke mir dreißig Gulden, damit ich Deinem Gebote nachzukommen im Stande sei." „(Test drole,“ sagte die Fürstin. „Ich bitte Dich, Heinrich, sei Du der Bote der Vorsehung und schenke dem Manne die dreißig Gulden!" „Gott hat Dein Gebet schnell erhört," sagte Fürst Heinrich, „und Dir einen Engel geschickt, der sich erfolgreich für Dich verwendet hat." Bei diesen Worten zog er seine Börse und reichte dem überraschten Pinkas drei doppelte Dukaten. Der arme Hausirer war wie betäubt; kaum konnte er ein Wort des Dankes stammeln. Der Fürst und seine Gemahlin entfernten sich schnell. „Kröndel!" schrie Pinkas, als er ganz außer Athem/ die Thüre seines ärmlichen Häuschens aufriß, „Kröndel, alle Noth hat ein Ende! Gott hat mir einen Maloch, oder vielmehr zwei Malochim geschickt! Sieh her, sechs Dukaten, blankes Gold! Jetzt können wir Pesach machen, können Mazzoth, Moror und Charaußes, Wein, Fleisch und Fisch kaufen, können Matzeknödel machen und es uns wohl sein lassen!" Und er erzählte der aufhorchenden Gattin, wie Gott ihm sichtbarlich ein Wunder gethan. Nun wurden Einkäufe gemacht und alle Vorbereitungen für das Pesachfest getroffen. Am Sederabend saßen Pinkas und Kröndel gleich einem König und einer Königin am Tische. Pinkas hatte zwei arme Wanderer aus der Synagoge mitgebracht, damit es ihm an „Mesumon" nicht fehle. Jeder hatte den mit Wein gefüllten Becher vor sich, und auch ein fünfter Becher war für den Propheten Elijahu hingestellt, der vielleicht kommen und dem Seder bei Pinkas in Liboch beiwohnen würde. Freudetrunken verkündete Pinkas seiner Frau und den Gästen die Hagadah; er erzählte, wie große Wunder Gott unseren Voreltern und uns gethan. Schon war der erste Theil der Hagadah vollendet, Kröndel hatte sich in die Küche begeben, um die dampfende Suppe aufzutragen. Da öffnete sich plötzlich die Thüre, und hereintraten der Fürst und die Fürstin Lobkowitz. „Pinkas," sagte der Fürst, „die Fürstin wünscht Eure Ceremonien kennen zu lernen. Tu hast doch nichts dagegen?" Wir brauchen wohl nicht zu versichern, daß Pinkas nichts dagegen hatte. Der Fürst und die Fürstin nahmen am Tische Platz. Als Kröndel eintrat, hätte sie beinahe die zinnerne Suppenschüssel fallen lassen. „Kröndel," rief ihr ihr Mann entgegen, „siehe, welche hohe Ehre uns widerfahren ist!" Kröndel stellte die Suppenschüssel auf den Tisch und knixte so tief sie nur konnte. „Wer sind denn diese zwei Männer?" fragte der Fürst. „Das sind arme Wanderer," antwortete Pinkas, „die ich eingeladen habe, das Fest mit uns zu feiern." „Wie schön," sagte die Fürstin in französischer Sprache. „Diese Armen finden noch Aermere, denen sie Gutes erweisen." „Wollen wir an dem Mahle Theil nehmen?" fragte der Fürst in derselben Sprache.

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