Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1882)
- Date
- 1882-05-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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495 Comittzs zu, an alle bösen Instinkte appellirend, besonders auch zur Judenversolgung auffordernd. Warschau, 4. Mai. Dem „P. E." schreibt man von hier: Die Zuversicht, die noch jüngst alle Kreise Warschaus erfüllt hatte, daß ein Ausbruch ähnlicher Greuel, wie sie in der letzten Zeit an mehr als zwanzig Punkten Südrußlands vorgekommen, in den Bezirken des Warschauer Regierungsgebietes ein Ding der Unmöglichkeit sei, ist nur allzu rasch erschüttert worden. Nach den bösen Anzeichen, die heute vorliegen, muß man wohl sagen, daß die schlimmsten Befürchtungen ihre Berechtigung hätten. Am 1. Mai lies hier die Nachricht ein, das zumeist von Juden bewohnte Städtchen Gombinsei von K'azapen überfallen worden und die Mittheilung, die bald darauf die Stadt durchflog, Generalgouverneur Albedynski sei nach Gombin abgereist, ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß das Schreckensgerücht kein unbegründetes sei. Am 2. Mai circnlirte die Nachricht. Gombin sei, als Albedynski daselbst angelangt war, bereits in einen Schutthaufen verwandelt gewesen. Alle Bemühungen, Gewißheit darüber zu erhalten, blieben jedoch auch gestern noch ohne Erfolg. Erst heute wird auch an maßgebender Stelle kein Hehl mehr daraus gemacht, daß nunmehr auch wir ein „Balta" zu beklagen haben. Das von 3000 Einwohnern zumeist Juden, bewohnt gewesene Städtchen Gombin ist ein Schutthaufen geworden. Die Juden setzten sich den plündernden und sengenden Rotten gegenüber ganz tapfer zur Wehre, mußten jedoch den aus der Umgebung massenhaft ins Städtchen eindringenden Kazapen weichen. Die Stadtpolizei von Gombin ließ sich auch hier den unbegreiflichen Fehler zu Schulden kommen, beim Ausbruche des Krawalles die Gemeinden der Umgebung zur Hülfeleistung aufzufordern. Leider wurde diese, wie in Balta, nur den raubenden und mordenden Barbaren zu Theil. Man zählte auf beiden seiten Todte und Verwundete; die genauen Details der Schlächterei werden wir wohl' im Laufe der nächsten Tage erfahren. Hier herrscht seit heute eine unbeschreibliche Angst; die Straßen der Stadt sehen verödet aus. Wer sich entfernen kann, zieht von dannen. Gestern wurden plötzlich in mehreren Gassen der Stadt alle Kaufläden geschlossen. Man hatte einen Ueberfall besorgt; glücklicherweise war es ein falsches Gerücht. Eines steht fest: man ist hier auf das Aeußerste vorbereitet, oder richtiger gesagt, gefaßt. Kiew, 3. Mai. In der verflossenen Woche wurden gegen 1500 Judenfamilien von hier ausgewicsen; viele derselben wandern nach Amerika cus. Feuilleton. Löb Milnitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem erstenDrittel des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) So hatte sich denn Samstag in Sabel Ulschitz's Hause ein kleiner Faniilienkongreß zusammengefundem. Sein Schwiegervater und s^in Schwager betraten das Erstemal seine Wohnung und er hatte, vor Vergnügen darüber endlich als Mitglied einer so vornehmen Familie betrachtet zu werden, seine Gäste mit großer Höflichkeit ja fast mit Dcmuth empfangen, die den "eitlen Leuten wohl that. Elke war eine böse, aber auch eine schlaue, listige Frau, es lag jetzt in ihrem Interesse, sich mit den Verwandten ihrer Vorgängerin auf guten Fuß zu stellen und sie drückte sich — hierdurch die Erkenntnis; ihrer Ueberflüssigkeit beweisend — bescheiden in eine Ecke. Die Männer saßen um den Tisch; Ester aufgeregt, bedrückt, stand hinter dem Stuhle ihres Großvaters und hatte Mühe, sich so viel Fassung zu bewahren, die Fragen, die dieser zeitweilig an sie richtete, nicht verkehrt zu beantworten. Zodok Opotschna war ein kluger, berechnender Mensch; er hielt es für zweckmäßig, daß er kurze Zeit erwartet würde, er kam trotz seiner Ungeduld etwas später. Ester wurde leichenblaß als er die Zimmerschwelle überschritt, unwillkürlich mußte sie die Hand auf das klopfende Herz pressen, als könne sie hierdurch sein heftiges Pochen unterdrücken. Zodok war mit verschwenderischer Pracht und möglichst j vorteilhaft gekleidet. | Nachdem er den Mantel abgelegt, stand er in! Kleidern von feinsten Stoffen da, der beste Schneii der des Ghettos hatte es versucht, seine schiefe! Schulter möglichst zu verdecken. In seinem Jabot! von teuersten Brüsseler Spitzen stack eine Brillantnadel von hohem Werthe, an seinen Fingern glänzten Ringe, an der schweren, goldenen Uhrkette hing noch eine kostbare Berlocke, an seinen Schuhen fielen zierlich gearbeitete Schnallen von Edelmetall auf, in der Hand hielt er ein Kästchen. Gutes Benehmell, die Gabe mit Leuten umzugehen, konnte ihm nicht abgesprochen werden. Er verneigte sich artig vor den Frauen, reichte allen Männern die Hand und indem er zuerst an diesen das Wort richtete, wollte er Ester Zeit lassen sich zu sammeln.