Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1882)
- Date
- 1882-05-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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496 Der Gast sollte an der dritten Sabbatmahlzelt, die auf dem Tische schon vorbereitet stand, theilnehmen und Ester konnte die Aufforderung ihres Großvaters sich niederzusetzen, nicht ablehnen, und dieser hatte es so einzurichten gewußt, daß sie Zodok gerade gegenüber zu sitzen kam. Da der kleine Mosche, dessen Anwesenheit stören konnte, zum Nachbaren geschickt worden war, gab es unter den Anwesenden keinen, der an Essen und Trinken dachte, und die Vorgesetzten Leckerbissen blieben trotz freundlicher Zusprache der Hauswirthe fast unberührt. Endlich begann Zodok. „Ich bin ein offener Mensch und es wäre auch nicht einmal klug, wenn ich einen Vorwand dafür ersinnen wollte, weshalb ich um die Erlaubniß gebeten in Euren Kreis einzutreten. Gestattet mir zuerst von mir selbst zu sprechen. Wer ich bin, das weiß Jedermann in Prag, vielleicht in ganz Böhmen. Man soll Schabbos nit von Geldsachen reden; aber ich bin ja ein Bochur und kenne die Dinim'); es heißt ausdrücklich Chesze Schomajim mutter ledaber bom ^)" — er wandte sich an die Frauen — „das heißt auf deutsch: Gottgefällige Angelegenheiten dürfen am Schabbos besprochen werden, und werden Heiraths-Angelegenheiten ausdrücklich als solche bezeichnet; — und so darf ich wohl auch über meine Vermögensverhältnisse sprechen; denn es kann den Verwandten eines Mädchens nur angenehm sein, wenn sie erfahren, daß ein Mann um sie wirbt, der sie zu einer reichen Frau macht, die gemeinen Sorgen des Lebens ferne von ihr hält, ihr, so weit eben menschliche Voraussetzung reicht, beesras Haschens) bis an ihr spätes Ende ein zufriedenes Leben zu bereiten vermag. Ich besitze außer Juwelen, Gold und Silber, ein Vermögen, das ich von meinem Großvater und meiner Mutter alehem hascholom^) geerbt habe, das sich" — Zodok machte eine große Pause, er wußte, die für jene Zeit riesengroße Summe, würde überraschen — „sich inBaargeld allein auf hundertdreißigtausend Gulden beläuft; — welchen Betrag ich bei meinem Vater stehen habe, und wenn ich heirathe — da tdj mir gleichzeitig ein Geschäft errichte — erheben werde. Dabei bin ich ja auch der Sohn eines reichen Vaters; — er soll von heut' an hundert Jahr gesund und glücklich leben, von dem ich" — jetzt lächelte er bescheiden — „einmal auch ein Paar Groschen bekommen werde; endlich Hab' ich noch einen kinderlosen Onkel in Preßburg, der unbeschrieen sehr reich ist, er hat mehr im Vermögen, als ich und mein Vater zusammen," — Zodok blickte, um den Eindruck noch zu verstärken, stolz im Kreise herum, „ich bin das einzige Kind seiner einzigen Schwester, an der sein Herz mit inniger Liebe hing, er hätte, als mich mein Vater von Preßburg holte, gerne sein halbes Vermögen drum gegeben, wenn er mich bei ihm gelassen hätte ..... es ist der höchste Grad der Wahrscheinlichkeit, daß ich auch sein Erbe werde, dann zählte ich allerdings zu den reichsten Juden der Welt, aber" — Zodok wollte auch seine strenge Redlichkeit glänzen lassen — „ich verwahre mich ausdrücklich dagegen, daß ich die Gewißheit ausgesprochen, ich wäre der Joresch^) meines Vetters!" Ein beifälliges Gemurmel der Männer bewies Zodok, daß seine Worte bei diesen Anklang gefunden, und er fuhr fort. „Sonst braucke ich wohl nicht viel über mich zu sagen, ich gehöre von Vater- und Mutterseite einer unbescholtenen, ich darf wohl ohne unbescheiden zu sein, sagen, vornehmen Familie an. Ich selbst habe mich bisher nur mit der Thoro hakdoscho 6) beschäftigt, hoffe aber nach dem alten Sprüchworte" — Zodok wollte sich auch als angenehmer Gesellschafter von der humoristischen Seite zeigen — „aus einem Bochur kann man Alles machen, auch bald ein tüchtiger Szocher zu werden, um so mehr, als ich für mein neu einzurichtendes Geschäft einen sehr tüchtigen Menschen, den langjährigen Buchhalter und Geschäftsleiter meines Vaters ausgenommen habe." „Gewiß," schaltete Hirsch Landshut ein. „es liegt ja bei Euch im Blute; Eure Owos awoßechem7) schon, Vater- und mutterseits, waren große, berühmte Szochrim!" „Gegen meinen Lebenswandel liegt wohl auch nicht das Geringste vor, ich lebe seit meinem 14. Jahre in meiner Vaterstadt, und es kann kein Mensch auftreten und sagen, er hat je etwas Unrechtes von mir gesehen, keiner kann sagen, ich hätte je auf den kleinsten Jssur derobonim ower gewesen8) .... Ich will mich nicht rühmen; aber die Wahrheit darf Jeder von sich sagen, es gäbe keinen Oschir hier oder in Wien, Preßburg. Nikolsburg oder Fürth, der es sich nicht zum Glück und zur Ehre rechnen würde, wenn ich sein Schwiegersohn würde, und ich könnte nicht nur die reichsten, ich könnte auch die schönsten und besten Mädchen haben; aber" — wieder macht Zodok eine Kunstpause; — „ich will das allerbeste, allerschönste Mädchen zur Frau haben, und als solche erscheint mir Ester! .... Ich habe, wie es sich für mich schickt, durch den nobelsten Schadchen in Prag Reb Gerschom Wilmarschitz zuerst beim Vater anfragen lassen, wie ich höre, ist 1) religiösen, auch rabbinischen Bestimmungen. 2) Jore deo, Mögen Awrohom Sim. 306. Sii. b. 3) mit Gottes Hilfe. 4) Friede mit ihnen. i 5~) Erbe. 6) heilige Lehre. 7) Voreltern, Ahnen. 8) das geringste rabbinische Verbot übertreten.