Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1882)
- Date
- 1882-05-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447917--18712-2474761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Gąbin 2× ep/1044598
- Płock 1× ep/1048069
OCR text
494 Statt dessen, was geschieht? Hr. Charles Dilke, der Unterstaatssecretär des „liberalen" Cabinets zu London, versichert im Unterhause: in Balta sei nur ein einziger Jude getödtet und viele nur schwer verletzt worden. Cs sei auch nur eine einzige Frau geschändet und keine Kinder ermordet worden. Der Werth des zerstörten Eigenthums betrage nur „eine Million Rubel." Wie geringfügig ist das Alles, so gar nicht der Mühe werth, daß sich England, Europa und die Welt echauffiren! Es lautet gerade wie Haynau's „mit Verlust einer Kanone" sammt den vielen schwer vernagelten. Unterdessen mußte Haynau von Kanone zu Kanone das ganze Land räumen, wie Rußland von „einem Todten" zum anderen aus dem Bereiche der einfachsten Gerechtigkeit verbannt wird. Soll uns nur wundern, welcher Unterstaatssecretär oder Beschwichtigungshofrath die jüngsten Gräuel in Podolien auf „einen Todten" reduciren wird. Graf Jgnatjeff, der trotz alledem und alledem unerschüttert auf seinem ersten Posten bleibt, während Hr. v. Giers nur den zweiten inne hat, ist wirklich ein Ausbund von staatsmänuischer Schlauheit. Er selbst — so berichtet man — haßt nicht die Juden, hat nichts gegen sie; aber die Judenhetzen sind ihm doch nicht „unbequem," da er sie für das beste Mittel hält, die durch den Nihilismus angefachte Zerstörungswuth im russischen Volke abzulenken. Der Nihilismus würde sich an ganz anderen Dingen und Personen vergreifen, wenn man ihm nicht ein werthloses Spielzeug zwischen die Beine würfe. Graf Jgnatjeff möchte in die Unterwelt niedersteigen, um den Geist des echten alten Russenthums herauszubeschwören. Da stellt sich ihm der nihilistische hundertköpfige Cerberus in den Weg. Der Magier aber greift in seinen Schnappsack und holt einen Pack Knochen daraus hervor, die er dem Cerberus hinwirft. Es sind zwar Menschenknochen — o Graus! aber doch nur — Judenknochen — la bagatelle! Da seht ihr, wie man den Cerberus bändigt. Diese staatsmännische Schlauheit ist neben ihrer Caraiben-Rohheit auch noch sehr dumm. Man halte die Nihilisten für was nian will, für hirnverbrannt, für Verbrecher, für galgenwürdig; sie scheinen die einzige Opposition zu sein, die für Rußland paßt. Die Judenhetzen aber haben die Nihilisten nicht auf dem Gewissen, und wenn sie ein Interesse daran, sowie an dem Verhalten der Regierung dazu haben, so kann dies nur darin bestehen, daß die Bande von Gesetz und Ordnung vollkommen gelöst und zwar unter Connivenz der Negierung gelöst werden. Wenn der Hexentrank der Anarchie in Rußland fertig gebraut sein wird, dann wird er überfließen, und Europa mag ihn austrinken. Das Geschäft wird nicht sauber, aber desto langwieriger und kostspieliger sein. Ein energisches Veto gegen die Judenverfolgungen, abgesehen von jeder Empfindung, aus lauter Vorsicht, könnte die Dinge zum Stehen bringen, und Rußland ans sich selbst zurückwerfen. Davon aber ist keine Rede, für Europa wenigstens ist Rußland das „heilige" und seine syl-üisant-Negierung ein — gou vernement regulier! Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oesterr-Ungar. Monarchie. Brody, 3. Mai. Viele polnische Edelleute verlassen ihre Wohnsitze in Rußland oder bringen ihre Werthsachen in Sicherheit, da die herrschenden Zustände eine allgemeine Paniqne erzeugten. Der Zuzug jüdischer Flüchtlinge aus Südrußland hieher ist colossal, die Stadt ist überfüllt, die Roth steigend, das Hilfscomittz außer Stande, den Anforderungen der Unglücklichen, denen es an Allem fehlt, zu genügen, und die Abfertigung nach Amerika steht in keinem Verhältnisse zu dem täglich sich mehrenden Zuzug der Verfolgten. R u ß l a d. lieber die Judenverfolgungen in Gombin geht uns der nachstehende Bericht zu: Sonntag, den 30. April, Abends 7 Uhr, rottete sich der Pöbel zusamnien, um die Juden zu berauben und zu ermorden, die Synagoge zu zerstören und die heiligen Thorarollen zu zerreißen. Die Juden setzten sich zur Wehre und vertheidigten sich energisch gegen das Raubgesindel. Da gingen die Christen bin und läuteten die Kirchenglocken. In Folge dessen strömten aus den benachbarten Dörfern die Bauern herbei. Mit Hilfe derselben wurden die Juden auf das Schrecklichste mißhandelt. Fünf Juden wurden ermordet; auch die Angreifer haben drei Todte. Der Tumult dauerte bis Montag, Morgens 9 Uhr. Der Gouverneur von Warschau ist sofort nach Gombin gereist. — Gombin liegt bei Plozk, zehn Meilen von Kalisch. — (Wir verdanken diese Einzelheiten einem Briefe, welchen Herrn Cantor S. Goldstein in Wörlitz von seinem Vater aus Kolo bei Kalisch erhalten hat.) Petersburg, 5. Mai. Die „Moskauer Zeitung", das Organ Katkow's, spricht sich wieder gegen die Judenhetzen aus und behauptet, es existirteu sichere Informationen über den Zusammenhang der Judenunrnhen mit dem Nihilismus. Der eigenen Redaction ging eine Proklamation des Exekutiv-