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Der Israelit · 1882-05-17 · Heft 20 (17.5.1882) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 20 (17.5.1882)
Date
1882-05-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXIIL Jahrgang. Erste Leilage zu Ar. 2V des Äsraeiit. Leitender Artikel. Z)ie ..Augsburger Allgemeine Zeitung" über das Derhalten Europas zu den russischen Zudenversolgungen. Bis jetzt hat sich keine der christlichen Regierungen Europas, so wird der „Augsb. Allgem. Ztg." geschrieben, zu dem Entschluß erhoben, der russischen Regierung Vorstellungen über Dinge zu machen, die auf jeden Fall das geschichtliche Conto Rußlands schwer belasten werden. Der specifisch christliche Hr. Gladstone, der doch einstens dem R6 j bomba zu Neapel in effigie zu stäupen wußte, der i Prophet Jeremias der „bulgarischen Gräuel" zieht! sich behutsam in diplomatische Unzukömmlichkeit zurück, sobald es Rußland ist, welches „Gräuel" verübt, und sobald es Juden sind, an denen sie verübt werden! Im Deutschen Reiche, dem man jetzt allgemein die erste Rolle in Europa zuschreibt, war letzthin viel von „praktischem Christenthum" die Rede. Dieses „praktische Christenthum", welches von der Dogmatik absieht und als ethisches Wesen Menschenliebe, Milde, Wohlthätigkeit, Humanität bedeutet, hätte gerade alle Ursache, sich durch die Scheußlichkeiten, die in Rußland Vorgehen, beleidigt und zur Ermahnung angeregt zu fühlen. Leider aber darf von competenter Seite in der Reichshauptstadt selbst behauptet werden, daß das Signal zu jenen Scheußlichkeiten von Berlin aus gegeben worden sei. Wenn freilich die moskowitischen Judenhetzen nur der in's Russische übersetzte Henrici wären, dann allerdings ist vom „praktischen Christenthum" wenig zu erwarten. Dann erklärt es sich wie dem nicht sonderlich „praktischen" Christenthum die Sprache vor dem „heiligen" Rußland vergeht. Dieses praktische Christenthum scheint nicht einmal seinen Hauptfeind, den General Skobeleff, zu verstehen, welcher die Parole vom „Deutschen und Juden" ausgegeben hat, denen beiden die gemeinsame Vernichtung zugeschworen ist. „Die Heiden, ach die Heiden!" möchte man mit Herwegh ausrufen, wenn man das Kabeltelegramm in Washington, 27. April, liest. Präsident Arthur erklärte: „er werde sein Mögliches thun, um die russische Regierung zu veranlassen, die Juden auf : das wirksamste zu schützen. Der amerikanische Gesandte in St. Petersburg sei dahin instruirt. Unter allen Umständen aber würden amerikanische Juden, welche provisorisch in Rußland wohnen, von den Vereinigten Staaten geschützt werden." Das ist doch die Sprache eines Mannes, der auch seinen Worten den gehörigen Nachdruck zu geben wissen wird. Und Nordamerikas Sympathie oder Antipathie ist der russischen Regierung durchaus nicht gleichgültig. Rußland, der despotische Staat par excellence, hat dem freiesten Staate der Welt stets geschmeichelt, und die „demokratischen" Präsidentschaften in der Union wußten dieses Streicheln stets bestens zu erwiedern. Rußland mit seiner empfindungslosen Jnteressenpolitik reservirte sich die Freundschaft der Nordamerikaner für den Fall eines Weltkampfes mit England, wie es sich die Freundschaft Frankreichs noch jüngst zu sichern unternahm für den Fall eines Krieges mit Deutschland. Frankreich hat die letzte plumpe Straßenhuldigung „kühl bis an's Herz" ausgenommen; jetzt läßt auch Bruder Jonathan eine entfernte Drohung laut werden. Deutschland und Oesterreich stehen aus rein politischen Gründen auf der Wacht gegen den Panslavismus; die innere Barbarei Rußlands entfremdet ihm jetzt den überseeischen guten Freund. Wie würde es erst auf die hartgesottensten Großrussen wirken, wenn Alles, was sich zur Civilisation zählt, eine gemeinsame oder doch gleichlautende Note nach St. Petersburg erließe mit der kurzen Andeutung: Europa und die mit ihm Gleichgestimmten erinnern den Grafen Jgnatjeff daran, daß das 14. Jahrhundert längst vorüber ist, und daß sie, wenn Rußland noch so weit zurück sein sollte, ihm die Türkei als nachahmungswerthes Muster empfehlen, einstweilen aber jede Verbindung mit ihm abbrechen. Intervention, Nichtintervention — das sind Aushängeschilde, zwischen denen man je nach Befund wählt. Nichtintervention heißt: sich die Finger nicht verbrennen wollen und in der dicksten Barbarei ein gouvernement regulier entdecken, das man salutirt. Intervention, das heißt: ein nachbarliches Feuer austreten, wenn man den Hausbesitzer nicht fürchtet. Vergleiche Spanien und Italien! Und die Intervention gegen die russische Judenhetze würde keinen Tropfen Blutes kosten, sobald sie eine allgemeine und gemeinsame wäre.

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