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Der Israelit · 1882-05-17 · Heft 20 (17.5.1882) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 20 (17.5.1882)
Date
1882-05-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
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490 chen Zeitraums man zu keinem Entschlüsse gelangt ist, sondern sich damit begnügte und.vergnügte, einen Parteikampf heraufbeschworen zu haben, in dessen Arena man nach Belieben als Zuschauer hinabschauen oder als Mitkämpfer hinabsteigen konnte. Dem Ziele selbst ist man aber mit keinem Schritte näher gekommen. Denn erst jetzt wird durch Aufnahme von Zeichnungen auf SynagogensteÜen das Projekt eines Neubaues ernstlich in die Hand genommen, dem aber gleichzeitig wiederum eine Opposition bereits kampffertig gegenübersteht mit dem allerdings verzeihlichen Streben nach Erhaltung der alten Gotteshäuser. Beiden Parteien aber scheint die augenblickliche Calamität wenig Sorge zu machen. Wahrlich ein schmachvoller Zustand für eine große Gemeinde und schuld au demselben sind sowohl die Freunde, als auch die Gegner des Neubaues. Peccatur intra muros et extra. Sollte es übrigens begründet sein, was die Fama erzählt, daß einige allzueifrige Anhänger des Neubau-Projekts in Befolgung der bekannten Iesuiten-Maxime an maßgebender Stelle die Schließung der Synagogen betrieben haben, um hierdurch eine Pression auszuüben, so wäre dies eine nette Illustration zu den bekannten: ws' icq -punnoi Qu. D. b. v. Wenden wir uns von diesem unerquicklichen Bilde ab und einem andern zu, das zwar in anderer Weise unerquicklich ist, aber doch auch eine erfreuliche, wohlthuende Seite zeigt. Die traurige Lage unserer Glaubensgenossen in Rußland und die hierher dringenden Schreckenskunden über die an ihnen verübten unerhörten Gräuel haben nicht verfehlt, auch hier das allgemeine Mitgefühl zu erregen. In Folge dessen hat sich in diesen Tagen ein Comittz gebildet, zu dem Zwecke größere Geldsammlungen für die Unglücklichen zu veranlassen. Das Comittz hervorgegangen aus der Wahl Seitens einer großen Anzahl angesehener, meist christlicher Bürger, besteht aus 29 Mitgliedern, von denen nur sechs Juden sind. Die übrigen gehören den höchsten Gesellschafts¬ und Beamtenkreisen hiesiger Stadt an, wir sehen darunter die Namen des Oberbürgermeisters Kohleis, Bürgermeister Heise, Regierungsrath Kügler, Landgerichtsdirektor Müller, Professor Dr. Starke, Pastor Schönborn, General-Landschafts-Direktor früherem Polizeipräsidenten Staudy, Appellationsgerichtsrath v. Bronsaz, die Direktoren der Reichsbankhauptstelle und der Provinzialbank, die Chefredakteure der beiden hiesigen Zeitungen und mehrere Stadträthe und Stadtverordneten. Männer der verschiedensten politischen Richtung haben sich hierbei einmüthig verbunden, um ein Werk der Menschenliebe auszuführen. Das Comittz hat bereits einen Aufruf in den Zeitungen erlassen, der hoffentlich nicht ohne Erfolg bleiben wird. Auch in anderer Weise als durch Sammlungen wird für den wohltätigen Zweck gewirkt. Der Verein junger Kaufleute veranstaltete am Abende des 6. Mai in dem größten hiesigen Saale ein Concert zum Besten der verfolgten russischen Juden und bereits im Laufe voriger Woche hat für denselben Zweck eine Vorstellung im hiesigen Stadttheater stattgefunden, von deren Ertrag ein Drittel dem Unterstützungsfond überwiesen wurde. Wünschen wir dem menschenfreundlichen Streben den bestcn Erfolg. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Wien, 8. Mai. Die Delegirten des in London eingesetzten Comitös zur Unterstützung russischer Juden, Montague und Asher sind hier eingetroffen, um mit der gemeinsamen Regierung bezüglich der Einwanderung der russischen Juden in Bosnien zu unterhandeln. Wien, 9. Mai. Der Gemeinderath nahm einstimmig den Antrag auf Votirung eines später zu bestimmenden Betrags auf Unterstützung israel. Flüchtlinge aus Rußland behufs Weiterbeförderung an und überwies denselben an die Finanzsektion zu möglichst baldiger Erledigung. Wien, 9. Mai. iJn der heutigen Sitzung des Wiener Genieinderathes wurde ein Antrag eingebracht, welcher den Abscheu über die Judenverfolgungen in Rußland ausdrückt und die Votirung eines Unterstützungsbeitrages für die Opfer der Verfolgung begehrt. Zur Bestimmung der Summe wurde der Antrag einstimmig an die Finanzsektion geleitet, welche die Bewilligung von 5000 Gulden beschließen dürfte. Wien, 11. Mai. Herr von Schönerer hat sich eine von den hiesigen Antisemiten Unterzeichnete Petition gegen die Einwanderung der russischen Juden angeeignet. Er gedenkt dieselbe ausführlich zu begründen. Dagegen hat die Linke heute folgende Interpellation eingebracht: „Da nach glaubwürdigen Berichten jenseits unsrer nordöstlichen Grenze au jüdischen Einwohnern grauenvolle Unthaten vollbracht werden und da nach diesen Berichten zahlreiche Flüchtlinge das österreichische Gebiet bereits betreten haben, stellen die Gefertigten die nachfolgende Frage: Gedenkt die k. k. Regierung angesichts der aus diesen Vorgängen auch für unseren Staat erwachsenden Schwierigkeiten ihren Einfluß in geeigneter Weise geltend zu machen, daß diese fortgesetzten Verletzungen der Gebote der Menschlichkeit rechtzeitig und energisch hintangehalten werden?" Die Unterzeichner der Interpellation forderten auch die Abgeordneten aus Galizien zur Mitunter-

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