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Der Israelit · 1882-05-17 · Heft 20 (17.5.1882) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 20 (17.5.1882)
Date
1882-05-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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489 nun ohne Weiteres aufzugeben. Zudem befürchtet man auch, daß durch den Bau einer neuen Synagoge sich die Gemeinde eine Last aufbürden würde, deren sie sich so leicht nicht entledigen könnte, zumal ferner zu befürchten ist, daß die Mitglieder des Brüdervereins, die ja im Besitze ihrer eigenen Synagoge sind, auch einen eigenen Prediger und Kantor besolden, sich, sofern durch den Neubau die Gemeinde entweder Schulden contrahiren oder die Beiträge erhöhen sollte, von der Hauptgemeinde trennen und eine Separatgemeinde bilden werden, was nach dem Anstrittsgesetze ja gestattet ist. Da nun aber weitaus die wohlhabendsten Mitglieder dem Brüdervereine angehören, so wäre alsdann der Bestand der alten Gemeinde thätsächlich in Frage gestellt. Diese Bedenken halten viele Mitglieder von der Betheiligung an der Agitation für den Neubau zurück. Ein ferneres Bedenken gegen den Bau einer neuen Synagoge ist die Befürchtung, daß dieselbe späterhin leicht den Neformgelüsten anheimfallen könnte, da es keine Garantie für die konservative Gesinnung der einstigen Gemeindebehörden gibt. Es stände demnach das Virgilische sie vos, non vodis in Aussicht. Nachdem nun die Polizeibehörde, einmal auf die baulichen Mängel aufmerksam gemacht, die Abstellung derselben mehrmals anfgegeben, wurden am 1. November v. I. die beiden Hanptsynagogen, die alte und neue Betschule, so wie einige kleinen geschlossen. Wie schmerzlich ergriffen die Gemüther aller Gcmeindemitglieder von dieser Katastrophe waren, ist kaum mit Worten wicderzugeben, denn nicht nur wehmi'ithige Erregung war es, die jedes Herz ergriff bei dem Gedanken, diese Bethäuser, die so viele Generationen der Gemeinde überdauert haben, nun verlassen zu müssen, sondern auch das Bewußtsein der Kalamität, für den Augenblick faktisch ohne Bethäuser zu sein, lastete schwer auf dem Herzen eines Jeden. Im ersten Augenblicke stand man dieser Calamität rathlos gegenüber, denn man hatte in althergebrachter Vertrauensseligkeit es verabsäumt, trotz der längst angedrohten Schließung der Bethäuser für ein interimistisches Betlokal zu sorgen! Dies hatte natürlicherweise zur Folge, daß man sich mit einigen unzulänglichen Lokalen behelfen mußte, die nur für einen kleinen Theil der Männer hinreichten, für Frauen aber gar keinen Raum boten. Die Idee einer Fusion der Besucher beider Betschulen und alsdann gemeinsamer allsabbathlicher Benutzung eines großen öffentlichen Saales fand keinen Anklang, da es einem großen Theile der Mitglieder denn doch widerstrebte, ein L.ckal, das an Wochentagen lediglich zu Vergnügungszwecken der vulgärsten Art dient, des Sabbaths zum Gottesdienst zu benutzen. Diese Heimathlosigkeit fand endlich einen theilweisen Abschluß dadurch, daß es mehreren einflußreichen Mitgliedern der neuen Betschule gelang, bei der Polizeibehörde die Wiedereröffnung der Betschulen zu erwirken, freilich unter drückenden Bedingungen. So durfte Gas nicht mehr gebrannt werden; bei jedem Gottesdienste mußten Feuerwehrmänner in den Vorhallen postirt und endlich sollten Frauen ganz und gar nicht zugelaffen werden. Auch diese Concession sollte sich nur bis zum 15. April d. I. erstrecken. Es wurde nunmehr eine Ansprache des Gemeindevorstandes an die Mitglieder mittelst Cirkulärs verbreitet, worin dringend der Bau einer neuen Synagoge empfohlen und deren Nothwendigkeit nachgewiesen wurde. Inzwischen ist die ganze Angelegenheit in eine neue Phase getreten, die zu einem endgiltigen Entschlüsse hindrängt. Während nämlich auf Anordnung der Gemeindebehörden Zöichnnngslisten circulirten, die zwar eine ziemliche Betheiligung, im Allgemeinen aber nur kühle Aufnahme fanden, war der 15. April herangekommen, bis zu welchem Tage die Benutzung der beiden Betschulen gestattet worden war. In der den hiesigen Gemeindeverhältniffen eigenthümlichen Phäakenruhe hatte man es verabsäumt, der drohenden abermaligen Schließung vorzubeugen und so war denn die Katastrophe unabwendbar, die in dramatischer Weise, freilich mehr einer Tragödie ähnlich, vor sich ging. Montags am 17. April, während des Morgengottesdienstes trat ein Polizeikommissär zunächst in die alte Betschule, wo man eben bei idx» -nu stand und alsdann in die neue Schule, wo eben ntcmp gesagt wurde und forderte die Anwesenden auf, sich sofort zu entfernen, da die bewilligte Frist bereits abgelaufen sei. Die Bitte noch die Beendigung des Gottesdienstes zu gestatten, wurde abgeschlagen und die Anwesenden aufgefordert ihre Effekten mit fortzunehmen, da die Betschulen geschlossen werden würden. Natürlich mußte Folge geleistet werden und so sind seitdem die beiden Betschulen wieder geschloffen, ohne daß für ein angemessenes interimistisches Betlokal Vorsorge getroffen worden. Eine der größten und ältesten Gemeinden steht somit thätsächlich ohne Synagoge da. Es klingt dies fast unglaublich; sie besitzt zwei schon durch Alter ehrwürdige, die nun schon durch viele Jahrhunderte hindurch dem Bedürfnisse genügt haben, darf sie aber nicht betreten und müssen die Synagogenbesucher sich in die vielen kleinen Betlokale vertheilen oder auch, da in denselben nicht für Alle hinlänglicher Raum vorhanden ist, auf Synagogenbesuch geradezu verzichten. Es ist eine wahrhaft tantalische Empfindung, von der man beim Vorübergehen an den beiden geschlossenen Synagogen erregt wird und die Geschichte dieses Zustandes, dessen Ende vorläufig nicht abzusehen ist, spielt nun schon nicht weniger als zwei Jahre, während wel-

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