Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1882)
- Date
- 1882-05-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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486 bleiben. Die, so für Gott gestorben sind, empfangen die Fülle der Seligkeit im jenseitigen Leben, und die, welche in anderer Weise für unsere heilige Re-! ligion gelitten haben, können auch hienieden noch | froh und glücklich werden.! Der Schlußsatz des Verses, mit welchem wir! begonnen haben, bedarf der Erläuterung. Es schließt j der Prophet an den Tag der Noth für Israel die Verheißung, daß die Völker der Erde einst von ihren Jrrthümeru lassen und sich zum Gotte Israels bekennen werden. Würde es nicht mehr einleuchten, wenn der Prophet das Glück, die Macht, das Ansehen, den Glanz des israelitischen Volkes schildern und daran jene Verheißung knüpfen würde? Das köstlichste Gut, welches Gott den Menschen verliehen hat, ist die Freiheit, die Freiheit des Willens, die Freiheit der Wahl. Wenn nun das gotterwählte Volk, wenn die Bekenner und Verkünder Seines heiligen Namens überall in Glück und Freude, in Macht und Ansehen, in Ruhe und Sicherheit, in Frieden und Wohlstand wohnen und blühen würden, so wäre vorauszusetzen, daß sich bald alle Welt zur Religion Israels bekennen würde, aber nicht aus freier Wahl, nicht aus eigener Ueberzeugung, sondern der äußeren Glücksgüter wegen, die damit verbunden wären. Nicht also soll die Menschheit zur Gotteserkenntß geführt werden. Daß Israel in der Zeit der Noth, da es um seinen Glauben leiden muß, treu und fest an seinem Gotte hält, die Leiden und Kümmernisse mit Heldenmuts) erträgt, und in dem Glauben an Gott und in der Erfüllung meiner heiligen Gebote mehr sieht als in dem Besitze aller irdischen Güter, daß Israel, wenn es auch in Gefahr ist. Alles zu verlieren, mit Begeisterung ruft: Gott ist meine Stärke und meine feste Burg und meine Zuflucht am Tage der Noth — dieser heldenmüthige Glaube, dieses charaktervolle Festhalten an der ewigen Wahrheit wird die Völker erleuchten, überzeugen, auf daß sie ablasfen von ihren Jrrthümern und sich zum Gotte der Wahrheit, zum Gotte Israels bekennen. Das Walten der göttlichen Vorsehung offenbart sich in unfern Tageff groß und herrlich. m'PKO 22?'^ upjr rpo ’-'uo p«o upm PL/" Jakob wollte festen Fuß fassen in all den Ländern, in welchen seine Väter als Fremdlinge gewohnt hatten. Wohl sollen wir Juden voll und ganz dem Staate angehören, in welchem wir leben, sollen alle unsere Bürgerpflichten sorgfältig erfüllen, unser Vaterland lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all unserm Vermögen; aber wir sollen auch unsere heilige Religion nicht aufgeben, nicht unsere erhabene Bestimmung, unsere große Vergangenheit, unsere herrliche Zukunft. Die Gefahr war groß. Viele unserer Brüder und Schwestern hatten das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit Israels gänzlich verloren. Die Gefahr war groß, auch in Rußland, dort vielleicht noch größer als in irgend einem andern Lande. Die Heranwachsende Jugend, namentlich die, welche auf Gymnasien und Universitäten Bildung suchten, wollten vom Judenthum nichts mehr wissen, wollten nur Russen sein und im russischen Volke aufgehen. Aber der, welcher vor Jahrtausenden vom flammenden Sinai herab uns zu Seinem Volke erkoren, will uns nicht loslaffen. — Ein Umschwung hat sich vollzogen, hat sich vollziehen müssen. Die heiße Bruderliebe, welche die jüdischen Jünglinge dem russischen Volke entgegenbrachten, ist von diesem mit Mißhandlung und Beraubung, mit Mord und Todschlag vergolten worden. Kummervollen Herzens sehen diese enttäuschten Jünglinge ihre Ideale sterben und wenden sich wieder dem Horte ihrer Väter zu, sprechend: .-ns ovd ’duoi nyci vy „Der Ewige ist meine Stärke und meine feste Burg, meine Zuflucht am Tage der Noth." (Fortsetzung folgt.) Europäische Dermittelmig in Uichländ. ii. Kein Tag vergeht gegenwärtig, ohne daß uns der Telegraph neue Schandthaten aus dem russischen Reiche berichtet, keine Zeitungsnummer können wir zur Hand nehmen, ohne in ihr Schilderungen von Barbareien zu lesen, welche niederzuschreiben die Feder des Publizisten sich sträubt, die wir gerne für unwahr halten möchten, wenn nicht leider die objektive Wahrheit derselben unangreifbar feststünde. Mit Grauen sieht der Menschenfreund, wie sich die jammervollsten Zeiten der Geschichte zu wiederholen scheinen, wie die großen Grundsätze der Rechtsgleichheit und des Rechtsschutzes mit Füßen getreten werden. Kein Blatt der Geschichte wird schwarz genug sein, um die Gräuel aufzunehmen, welche am Ende des XIX. Jahrhunderts in einem Reiche, das seine Barbarei auch mit der glänzenden Flagge der Civilisation decken möchte, an Wehrlosen verübt wurden, und der Kulturhistoriker wird dereinst mit Entsetzen und Verwunderung die unglaubliche Thatsache berichten, wie eine Regierung es zuließ, daß ungestraft, ohne Einschreiten der staatlichen Strafgewalt, an Frauen unnennbare Schändlichkeiten und Gewaltthaten geschahen. Und wie verhält sich die europäische Staatengemeinschaft diesen Ereignissen gegenüber! Schweigend duldet sie es, daß zahlreiche Menschen ermordet oder zu Tode gemartert, wie wilde Thiere gehetzt, daß Frauen und Mädchen in