Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1882)
- Date
- 1882-04-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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413 Paradezimmer gewährt gewesen, wenn die Eisblümchen an den Fensterscheiben diesen nicht ein wenig gehindert hätten; ja wenn der Kälte wegen nicht hüben und drüben die Fenster geschlossen gewesen wären; hätte man unschwer ein bei Mnnitz laut geführtes Gespräch im gegenüberliegenden Hause hören können. Mnnitz trug die Sabbattracht jener Zeit, wie wir sie noch an alten Familienbildern finden. Am Kopfe trug er über das kleine, schwarze Sammtkäppchen ein breites, flaches, schwarzes Filzbarett, über dem schwarzen Rock ein seidenes Mäntelchen. Am Halse trug er eine dicke Krause von den feinsten Spitzen; in einem kostbaren Jabot stack eine Brillantnadel von hohem Werthe. Die goldbrokatene Weste reichte tief herab, die kurzen schwarzseidenen Beinkleider ließen die feinen gewirkten, weißseidenen Strümpfe frei, an den Schuhen befanden sich, dem Sabbat zu Ehren goldene Schnallen. Der 78jährige Meschores Feisch Jchenhausen, der schon mit ihm nach Prag gekommen war, wollte ihm Barett und Mantel abnehmen, aber Mnnitz ließ sich nicht von ihm bedienen. Das Zimmer war taghell, herrlich erleuchtet. Auf dem mit einer kostbaren, rotheu Damastdecke und einem weißen Linnen belegtem Tische mitten im Zimmer, standen zwei silberne Girandolen, auf welchen 18 dicke Wachskerzen brannten. Es lvarmit silbernemTellern -gedeckt, auf einem derselben lagen unter einer reich gestickten mit Perlen und Brillanten geschmückten Sammtdecke, zwei Barches. sieben einer Flasche alten Weines stand ein goldner Becher. Auf einer kunstreich gearbeiteten, silbernen Lampe, welche mitten im Zimmer von der Decke herabhing, brannten 13 Oeltiegel, dem großen, jchönen Ofen entströmte eine behagliche Wärme, und ein seiner Duft von Spezereien erfüllte das ganze Gemach. Nachdem Mnnitz seinen Hausrock angelegt, setzte er sich in seinen Lehnstuhl, Feisch stellte sich hinter denselben, jener schien dies nicht zu bemerken; er schlug das vor ihm liegende Buch auf, es war der Talmudtraktat „Sabbat," den er jeden Winter- Freitagabend studirte. Feisch Jchenhausen, der Meschores, war ein Mann, dem man trotz seiner Rüstigkeit — er war mittelgroß und mager, aber sehnig und hielt sich vollkommen aufrecht, doch an dem von hundert kleinen Fältchen durchfurchten Gesichte sein Alter ansah. Er war einfach ganz in Schwarz gekleidet. Sein greiser Bollbart wuchs ihm nicht lang und mochte kaum etwas über Handbreite betragen. Seine Züge trugen das Gepräge tiefwurzelnder Traurigkeit, nur seine großen, braunen Augen schienen zuweilen wie in Selbstvergessenheit freudig aufzuleuchten. Munitz suchte das Taschentuch, das hinter den Stuhl gefallen war, jetzt erst bemerkte er, daß Feisch hinter demselben stand. ^,Was machst Du wieder für Narrheiten?" fuhr er ihn an, ,,hab' ich Dir nit schon tausendmal verboten, hinter meinem Stuhle zu stehen?" „Wo soll der Meschores denn stehen?" gegensragte der Angeredete. „Augenblicklich setzest Du Dich neben mich!" Feisch fuhr sich mit dem Aermel über die Augen, es mochte wohl eine Fliege in diese geflogen sein, und setzte sich neben seinen Herrn. Munitz versenkte sich wieder in seine religiösen Studien, Feisch stand leise auf, schlich auf den Fußspitzen zu dem Fenster; die neugierigen Nachbaren gegenüber standen an ihren Fenstern und lugten herüber. Er ließ die Vorhänge nieder; zum Unglück stieß er hierbei an einen kleinen Tisch, der an der Wand stand, und wieder wandte sich Munitz, durch das Geräusch aufmerksam gemacht, um. „Was machst Du da?" frug er streng. „Nu" — entgegnete Feisch verlegen, „ich mach die Vorhänge vor." „Warum?" Feisch schwieg. „Du bist doch ein vernünftiger Mensch," fuhr Munitz fort, „und ein solcher muß, wenn er etwas thut, — doch einem Taam dafür haben?" „Ich will nit, daß die Sch'chenimZ herübersehem - ■ „Warum sollen sie nit herübersehen?" Feisch senkte den Blick verlegen zu Boden, er machte ein klägliches Gesicht, ja er faltete wie ein kleines Kind die Hände, es war eine Bitte des alten gepeinigten Mannes, ihm die wohl unangenehme Antwort zu ersparen; — aber der hartherzige Mann da im Lehnstuhl schien keine Schonung zu^ kennen; mit einend Lächeln, das seinem Gesichte mcht übel stand, das aber ein ruhiger Beobachter im Zusammenhang mit der ganzen Situation, wohl nur als ein boshaftes bezeichnet hätte, sagte er: „Ich will wissen,,warum die Leut nit zu mir herübersehen sollen, ich mach ja nit falsch Geld, bin ja nit mechalel Schabbes^); — ich habe ja e prächtige Schabbosstube. . . ." „Grad deshalb," murmelte Feisch nur halb verständlich. „Den Schabbos muß man ehren," fuhr Munitz fort, „das kann mir kein Mensch auf Erden, und können mir daher auch meine Sch'chenim nit als etwas Unrechtes vorwerfen." „D a s werfen sie Euch nit vor," erwiederte der Meschores gereizt, die Worte schnell hervorstoßend, „aber, wenn sie sehen, daß wir so viel Keßew wesohow^) haben, wie ganz reiche Leute leben, so...." 1) Nachbaren. 2) entweihe den Sabbat nicht. 3) Silber und Eold.