Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1882)
- Date
- 1882-04-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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412 Vortragenden mit hingerissen: die gesummten Organe unserer Presse, welche eingehende Referate über den Vortrag brachten, sind des Lobes voll. — Es ist ein vlv.-i ernp in buchstäblicher Wahrheit, dessen unser verehrter Rabbiner, dessen die ganze Gemeinde sich zu erfreuen hat. — „Zwischen der wahren Religion und der wahren Wissenschaft, die sich ihrer Grenzen bewußt bleibe, sei ein Conflikt und Gegensatz nicht möglich." Dies sei das Facit des Vortrags, schreibt eine hiesige Zeitung. Feuilleton. Löb Munitz. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem e r st e n D r i t t e l des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) „Ester!" schrie Benjamin und preßte beide Hände an die pochenden Schläfen, ,,hab' Erbarmen mit mir, fordere nichts Uebermenschliches von mir, verlange nicht, daß ich den Menschen verlasse, der von Allen verlassen und angefeindet, Niemanden hat auf der ganzen Welt als mich allein, als mich, dein er das Leben gerettet! .... Tu sprachst, Du könntest es nicht vor Großvater, Ohm und — vor Deiner lieben tobten Mutter verantworten, wenn Du dem Manne die Hand reichtest, der — an seinem Lebensretter mit unzerreißbaren Ketten hängt — nun denn, das sind Menschen . . . . ich, ich kann von Löb Munitz nicht lassen, — riß ich mich los von ihm — bei dem lebendigen Gotte — das wüßte ich nicht zu verantworten am TagedesgroßenGerichtes! . . . . . Knüpfe nicht mein Lebensglück an eine mir unerfüllbare Bedingung! Ich werde nie von Munitz lassen!" Es trat eine lange Pause ein, Benjamin hing mit verzehrenden Blicken an Ester's Zügen, diese wandte sich ab, hielt ein Tuch vor das Gesicht, und er erkannte an ihrem konvulsivischen Zucken, daß sie lautlos weine. „Ester, mein liebes, theures Mädchen! quäle mich und Dich nicht! — Gieb die Bedingung auf; sonst will ich ja Alles thun, was Du verlangst! . ... Es soll das Ziel meines Lebens sein, Deines zu verschönern, soweit ich es vermag!" Er zog ihr sanft die Hände vom Gesicht weg und blickte ihr treuherzig in die Augen. „Laß von dem Manne!" stammelte sie. „Das kann ich nicht, das thu' ich nicht — so wahr ein einig-einziger Gott lebt!" „Du schwörst!" schrie Ester in wildem Ungestühme auf „Du machst meinen Wunsch zur vollen Unmöglichkeit!.Nun denn, — ich schwöre Dir's; so wahr ich einst, am Tage des Gerichts, gerecht bestehen will vor Gott, — dem Manne, der an einem schlechten, nichtswürdigen, allgemein mit Recht gehaßten und verachteten Menschen hängt, dem reich' ich nie die Hand ..... nie, nie, nie!" Ester hatte sich zur vollen Höhe ihrer herrlichen Gestalt aufgerichtet, ihre Pulse flogen, ihre Augen schienen Blitze zu schleudern, und ehe sich der niedergedonnerte Benjamin zu fassen vermochte, war sie, dem stürmischen Unwetter Trotz bietend, davon geeilt und seinen Blicken verschwunden. Achtes Kapitel. Löb Munitz wohnte in seinem eigenen Hause in der engen Meiselgasse. Die ganze Woche waren seine Fenster durch doppelte, dichte Vorhänge geschlossen, so daß die neugierigen Nachbarn von gegenüber trotz aller Aufmerksamkeit nichts von dem erfahren konnten, was bei ihm vorging. Da sein alter, nahezu achtzigjähriger Meschores FeischJchenhausen ein sehr verschwiegener, redefauler Mensch war, der allen an ihn bezüglich seines Herrn gerichteten Nachfragen ein beharrliches Schweigen entgegensetzte, das weder Schmeichelnoch Drohworte, noch List zu brechen vermochten, war die ganze Nachbarschaft bezüglich ihrer Ansicht über Löb Munitz räthselhafte Lebensweise zumeist aus ihre reiche Phantasie angewiesen, welcher sie bei ihren Combinationen den größten Spielraum gewährte. Daß Löb Munitz ein Juwelier sei, war das Einzige, was bei dem Mann kein Geheimniß war; das war auch durch eine kleine Tafel, die in deutscher Schrift über seiner Hausthüre angebracht war, erkennbar; und man vermuthete, daß seine Arbeits- und Geschäftslokalitäten in den rückwärts gelegenen Zimmern seines Hauses, deren Fenster an die Rückwand der Nachbarhäuser stießen und deshalb vollkommen unkontrollirbar waren, lagen. Er empfing, seinen Waarenlieferanten David Wodnian ausgenommen, nur von Nichtjuden Besuche. Oft sahen die spähenden Nachbaren reichgallonirte Diener in sein Haus treten, oft Herren und Damen, der Kleidung und ihrer Begleitung nach, offenbar den höchsten Ständen angehörend; zuweilen fuhren seine Besucher in eleganten Equipagen vor, aus denen sie, da die enge Meiselgasse für Wagen kaum passirbar war, am Dreibrunnenplatz oder in der Breitengasse ausstiegen. Es war ein Winter-Freitagabend und Munitz kam eben aus der Synagoge heim. Abends waren die Vorhänge zurückgeschlagen und wäre den gegenüberwohnenden Nachbarn der freie Anblick in sein