Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1882)
- Date
- 1882-04-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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405 europäischen Staaten zu dem Zwecke stattfinden, die Auswanderung der russischen Juden nach Amerika in großem Stil und mit den entsprechenden sehr bedeutenden Geldmitteln zu regeln. Es soll eine Massen-Ueberführung der Juden nach Süd- und Nordamerika mit Land-Anweisungen und auch sonstwie in bestorganisirter Form erfolgen. Lemberg, 16. April. Der erste Transport jüdischer Flüchtlinge aus Rußland, bestehend aus 160 Männern und Weibern und 40 Kindern, ist heute Morgens auf der Durchreise nach Amerika hier eingetroffen. Ein Damen-Komitö, das sich zu diesem Zwecke eigens gebildet hatte, bewirthete die Ankömmlinge am Bahnhofe. Sämmtliche Auswanderer erhielten seitens des englischen Hilfskomitßs ein Handgeld von drei Gulden ausbezahlt. Mr. Oliphant überwachte persönlich die Durchführung der vom Exekutiv-Komitö getroffenen Anordnungen, die geradezu musterhaft zu nennen sind. Ein eigener Reisemarschall begleitete den Zug bis Hamburg, wo die Flüchtlinge der Führung eines andern Delegirten des Londoner Komittzs übergeben werden. Morgen wird hier der zweite Transport von zweihundert Emigranten aus Brody erwartet. Holland. Amsterdam. Donnerstag, den 13. April war ein wichtiger Tag für die hiesige Mische Waisen- Anstalt für Knaben. Die Königin, welche jetzt mit Se. Maj. dem König, Ihren gewöhnlichen Besuch der Hauptstadt des Reiches abstatten, besuchte an diesem Tage genannte Anstalt und gab Ihre höchste Zufriedenheit über die Anstalt kund, und erklärte, daß das blühende Aussehen der Zöglinge ein sprechendes Zeugniß für die gute Pflege ablegte. Höchst erfreulich ist das Bewußtsein für uns Juden, daß unser Berhältniß zu den christlichen Mitbürgern ein friedliches und überaus freundliches ist. Im höchsten Grade schätzen wir uns glücklich, daß die Sympathie der Königlichen Familie mit unfern Glaubensgenossen eine so große ist. Letzteres zeigte sich am Deutlichsten bei der Audienz, welche der König am 12. d. M. dem Vorstande der hiesigen jüdischen Gemeinde verlieh, wobei Se. Maj. ihm so huldvoll entgegentrat und erklärte, daß er die Juden unter die getreuesten Unterthanen seines Reiches zähle. Auch hatte Se. Maj. bei der Audienz unseres geschätzten Oberrabbiners Herrn Dr.^. H. Dünner, eine ganz gemächliche Unterredung mit Sr. Ehrwürden. Am jüngst verflossenen Donnerstag wurde auch die Diamantschleifer-Fabrik unserer Glaubensgenossen, Herren Gebrüdern Boas, von Ihrer Majestät und BH-p na», 15. April, die Portugiesische Synagoge, vom Könige, Seiner Gemahlin und dem ganzen Hofgefolge besucht, an welchem letzten heiligen Orte sie beinahe drei Viertel Stunde verweilten. W. P. Amsterdam, 15. April. In unserer kleinen Republik mit einem Könige an der Spitze gehen die Wogen der Sympathie für die verfolgten russischen Juden immer höher und die Agitation nimmt täglich größere Dimensionen an. Der Aufruf der vier Utrechter Professoren, den Sie jüngst gebracht haben, findet ein Echo im ganzen Lande; jede politische und konfessionelle Richtung will zeigen, wie verhaßt ihr jeder religiöse Fanatismus ist, mag er von russischen Barbaren oder von deutschen Intelligenzen ausgehen. Die Bürgermeister aller größern Städten so z. B. von Amsterdam, Rotterdam, Haag, Utrecht haben sich an die Spitze von Comittzs gestellt, die aus den angesehensten Einwohnern der Städte, meistens Christen, freiwillig gebildet wurden. Diese Comitßs, aus Gelehrten, Kaufleuten, Richtern und Geistlichen bestehend, erlassen Aufrufe zur Sammlung von Beiträgen; unter den Geistlichen sind alle Richtungen vertreten, deren es in unserm Lande gerade in den christlichen Bekenntniffen so viele gibt. Man will eben zeigen, daß Geistliche a Ia Stöcker in unserm Lande unmöglich sind. Das ganze Auftreten des jetzt mit seiner Gemahlin hier weilenden Königs gleicht ebenfalls einer proteftirenden Demonstration gegen Judenhetzen nach russischem oder borussischem Muster. Sagte der König doch gestern beim jährlich stattfindenden Empfange der Aeltesten der hiesigen israelitischen Gemeinde: „Das Haus von Oranien liebt und schätzt seine jüdischen Unterthanen, da diese von jeher seine treuesten und besten Bürger gewesen," und erklärte darauf dem anwesenden Bürgermeister, er wünsche morgen, Sonnabend, mit der Königin die größte Synagoge zu besuchen. Dieser Besuch hat heute stattgefunden und rief in dem belebten Judenviertel eine freudige Aufregung hervor. Amsterdam, 17. April. Bekanntlich verweilt der König der Niederlande jährlich einige Wochen in der Hauptstadt. Im Gegensatz zu dem Aufenthalt in der Residenz, wo der König es liebt, ganz bürgerlich mit seiner Gemahlin in den Anlagen zu promeniren, wird hier der ganze Hofstaat entwickelt. Der König und die Königin besuchen hier die verschiedenen Wohlthätigkeitseinrichtungen, Museen n. s. w., sowie fast jeden Abend das Theater. Am Samstag besuchten sie auch die prächtige Synagoge der hiesigen portugiesisch-israelitischen Gemeinde. Sie wurden am Portale von der Geistlichkeit empfangen; der Tempel war hell erleuchtet und als der König. und die Königin in denselben eintraten, stimmte ein Kinderchor ein religiöses Lied an, worauf Herr B. Bueno de Mesquita eine kurze Anrede hielt. Die Arche war geöffnet, am Fuße derselben waren die Jahrhunderte alten kostbaren Becken und Kannen aus getriebenem Gold und Silber aufgestellt, welche die Besucher eingehend betrachteten und über die sie sich