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Der Israelit · 1882-04-19 · Heft 16 (19.4.1882) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 16 (19.4.1882)
Date
1882-04-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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382 Comitömitglieder ermuntert, die sich zur Entgegennahme bereit erklärten. Obschon in Württemberg nur am tuo bivsr n"-y diese Feier üblich ist, so war der Gottesdienst doch recht zahlreich besucht und die Spenden und Gaben flössen und fließen n"a recht ergiebig. Auch die orthodoxe Separatsraktion folgte auf Einladung diesem Beispiel in ihrem Betlokal mit ersprießlichem Erfolg. Es wird gegenwärtig auch täglich zweimal -»dhbt (im id*j jedoch ohne türm) gebetet. Das hiesige Comite wird seine Bemühungen für eine ergiebige Collecte fortsetzen und der Herr Rabb. Dr. E. hat in seiner gestrigen Predigt zu tnp'i 's eindringlich zur Darbringung von Gott wohlgefälligen Opfern für die russischen Juden unb ihre Auswanderung ermahnt. Vielleicht wurden auch die Lokalpresse und einflußreiche christliche Mitbürger gewonnen, einen Aufruf zu Gunsten der Verfolgten zu erlassen. Aus Thüringen. Das Unglück, das über die russischen Juden hereingebrochen ist, ist mehr als betrübend, es ist wahrhaft herzzerreißend. Aber, wie so vieles Ungemach im Leben des Einzelmenschen und der Völker, wird auch dieses zum Guten ausschlagen und segensreiche Früchte bringen. Die verruchten Hände, die dieses angerichtet, sind des Geistes, der das Böse will und das Gute schafft. Die tiefe, sittliche Entrüstung, welche die Edelsten und Besten der gebildeten Nationen ob dieser grauenhaften Vorgänge empfinden, die lauten Proteste, welche sie gegen dieselben erheben, sind ein Gewinn für die Menschheit, bedeuten eine Stärkung des allgemeinen Rechtsgefühles, ein Sicherheben echter Volksmoralität und wahrhaft religiöser Gesinnung gegenüber der Barbarei und Gottlosigkeit. Sie sind ein Schlag ins Angesicht der sich fromm gerirenden Judenhetzer. Aber auch dem russischen Staate gegenüber fallen diese Kundgebungen nicht leicht in die Wagschale, mögen auch russische Zeitungen sich noch so wegtverfend darüber äußern. Der russische Staat kann sich moralisch nicht isoliren. Wer weiß, ob die von Deutschland ausgehende Strömung nicht zu dem Versuche hat benutzt werden sollen, dem Nihilismus eine andere Richtung zu geben; denn aus dem Volke heraus ist diese Bewegung, so wenig wie in Deutschland, erstanden. Davon gibt das Verhalten des Militärs, das zum großen Theile den ruhigen Zuschauer machte, den Beweis. Sie wurde künstlich hervorgerufen. Schwer ist so Etwas ja nicht, wo Aussicht auf Plünderung vorhanden ist. Die Juden haben zu ähnlichen Zwecken schon anderwärts und oft dienen müssen, wenn eine unliebsame Strömung durch das Volk ging. Neben der moralischen Verwerflichkeit, ist das Mittel aber nicht einmal probat. Es hat auch schon oft seinen Zweck verfehlt. Der Löwe wird in der Regel noch gefährlicher, wenn er Blut geleckt hat. Es scheint, als habe man das in Rußland bereits eingesehen und probirt es darum jetzt mit etwas Anderem, mit der Hetze gegen Deutschland. Es liegt sicher Wahrheit in dem Ausspruche eines bekannten Staatsmannes, wenn dieser sagte: „Jgnatiew leitet den elektrischen Strom des Nihilismus auf panslavistische Drähte." Dem sei übrigens, wie ihm wolle: eine Aenderung resp. Verbesserung der Lage der russischen Juden wird sicher die Folge der stattgehabten Vorgänge sein, und das ist das Tröstliche in der Sache. Haltbar war die Lage für die Dauer nicht mehr. Die Leute haben viele Jahrzehnte lang mehr Elend zu ertragen gehabt und ertragen, als man außerhalb Rußlands ahnte und glaubte. Wenn der Arbeitslust das Arbeitsfeld immer mehr verkümmert und verengt wird; wenn in Folge dessen ungeheuere Armuth eintritt, so daß 3—4 Familien in einem Zimmer wohnen müssen: dann muß der Mensch Physisch und moralisch zu Grunde gehen. Ja, auch moralisch! Wenn dem äußern Sein des Menschen lange Zeit hindurch die besten Stützen entzogen werden, so geräth endlich auch der innere Mensch in Verfall. Wenn das Letztere bei dem überwiegend größten Theile der russischen Juden nicht eingetreten ist, so können sie mit voller Wahrheit mit dem Psalmisten sagen: "jjn mna« w imm w „Hätte Deine Lehre mich nicht aufrecht gehalten, ich wäre in meinem Elende zu Grunde gegangen." Das Studium der göttlichen Lehre hat nicht gefeiert bei ihnen, und das war ihr Trost und ihre Rettung. Mag man auch noch Manches an ihnen zu tadeln haben, in der überaus sittlich-verkommenen russischen Gesellschaft bilden sie sicher den gesündesten Volkstheil. Nachdem die Schäden ihrer Lage so vor aller Welt Augen blosgelegt sind, wird die Regierung endlich Wandel schaffen müssen. Auch Staatenlenker lassen das Gefühl gerechter Beschämung nicht gern lange auf sich ruhen. Und was von Seiten des Staates nicht geschieht, werden die auswärtigen Glaubensgenossen vollbringen, die mit rühmenswerther Opferwilligkeit den Unglücklichen möglichst Beistand zu bringen beginnen. Auch das ist eine segensreiche Folge, die aus diesem Unglücke sich entwickelt, daß das Gefühl der Solidarität unter unfern Glaubensgenossen wieder mächtig aufgerüttelt worden ist, und das selbst in Kreisen, in denen es schon ganz erstorben schien, und einem Stammestheile gegenüber, gegen den man sich schon lange sehr abwehrend verhielt. Wird dieses Gefühl rege erhalten, so läßt es sich auch auf andern Gebieten weiter entwickeln und kann noch manches Gute schaffen. Was in der Seele so manches Antisemiten ruht, läßt sich oft zwischen den Zeilen lesen. So

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