Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1882)
- Date
- 1882-04-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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347 bietet dem aus der Unterdrückung Fliehenden mehr als ein Asyl an — es bietet ihm eine Heimath, es bietet ihm einen Antheil an dem Erbe seiner Kinder an. Er kann seinen Wohnsitz, seinen Beruf, seine eigene Kirche wählen, und an ihm ist es, zu bestimmen, wo seine Asche den Auferstehungstag erwarten soll. Für seine Hand gibt es keine Fessel, für seinen Fuß keine Kette, keine Last für seinen Rücken, keine Würde ist ihm unzugänglich. Er mag so reich werden wie er will, so weise wie nur denkbar, so hoch steigen als er kann — nichts als das Verbrechen vermag jene hohen Vorrechte zu verwirken." „Zweitens sollten wir eine öffentliche Meinung erwecken, welche schnell jene neu entzündeten Feuerbrände auslöschen würde. Lasset die Kanzel reden, lasser die Presse sprechen, möge die Regierung ihre wuchtige Stimme erheben, mögen alle Nationen der Christenheit sich zu einem wichtigen Protest vereinigen, und wenn Rußland dann nicht hören und den Aufruf beachten will, dann mag es ausgestoßen sein aus den Nationen. Aber Rußland muß hören, es muß gegen diese unerhörten Grausamkeiten Abhilfe schaffen, es muß seine Kinder schützen, es muß seinem Volke jene Rechte geben, welche das Gemeinerbe der Menschlichkeit sind oder Rußland muß in einen See von Blut versinken ..." Zum Schluß fordert dann der Redner noch auf, daß Jeder als Drittes den Geist der Liebe in sich pflege und dem Gesetzgeber nacheifere, dessen Menschenliebe ja so hoch gepriesen wird, von dem es heiße, daß er „das schwache Rohr nicht brach und den glimmenden Docht nicht auslöschte". Wie ganz anders lauten die Worte dieses Friedenspredigers, dem seine Bibelgläubigkeit den Standpunkt vorschreibt, nicht mit Haß, sondern mit Liebe denen entgegenzukommen, welchen er den Schatz verdankt, der ihm sein Seelenheil sichert, wie ganz anders als die Worte seines deutschen bibelgläubigen Amtsbruders, der am Schluß jeder Hetzrede in seiner bekannten Gedächtnißschwäche für das, was er gesprochen und gethan hat, heilig und hoch versichert, daß er nur Frieden stiften wolle! Wem von Beiden wird die Welt die Palme wahrer Frömmigkeit zuerkennen? —d— Aeitrmgsnachrichle» und Correspondenzen. Oesterr -Ungar. Monarchie. Wien, 5. April. Das Tagesgespräch in ganz Wien bildet heute die gestrige „Antisemiten-Versammlung", welche sehr zum Verdruß des „Vaterlandes" und seiner Gesinnungsgenossen von der Polizei aufgelöst wurde. Ueber den Verlauf der Versammlung habe ich bereits berichtet. Was die Entrpreneure des Skandals betrifft, so ist Herr Holubeck, der die Versammlung bei der Polizei angemeldet hatte, also offiziell als Einberufer gilt, ein Wundarzt, Inhaber einer Barbierstube, der stets mit den Ultramontanen in Fühlung stand, sich aber gleichzeitig auf den Radikalen hinausspielte. Ueber den Vorsitzenden Schönerer braucht nichts gesagt zu werden. Dieser Deutscheste der Deutschen, der in Bewunderung vor Bismark erstirbt, betrachtet den Antisemitismus als Konsequenz seiner deutschen Gesinnung Bei Uebernahme des Vorsitzes sagte er gestern: „Ich erlaube mir die geehrte Versammlung zu ersuchen, die Verhandlungen in keinerlei Weise zu stören oder irgendwie Skandale und Tumulte zu provoziren. Ich mache darauf aufmerksam, daß der Einberufer der Versammlung ein Ordnungscomitö bestellt hat, dessen Mitglieder im ganzen Saale vertheilt sind und welche die Aufgabe haben, alle jene Personen, welche trotz meiner Aufferderung den Gang der Verhandlung stören werden, sofort aus dem Lokale zu entfernen. Ich glaube übrigens, daß es zu Ausschreitungen nicht kommen werde, nachdem ich mich der angenehmen Hoffnung hingebe, daß hier blos Christen versammelt sind." Herr Schraml, der zweite Vorsitzende, hat sich bisher nicht in weiteren Kreisen bekannt gemacht. Herr Masaidek ist Redakteur des Witzblattes „Figaro"; er war früher Arbeiteragitator und wurde oft als Parteigenosse Oberwinders genannt, macht jedoch in jüngster Zeit in Antisemitismus. Das ist auch die eigentliche Aufgabe des sogenannten „Reform-Verein", der größtentheils aus heruntergekommenen Gewerbetreibenden und praxiölosen Advokaten besteht und dessen Mitglieder das Hauptkontigent zu der gestrigen Versammlung gestellt hatten. Im höchsten Grade charakteristisch für den Geist der ganzen Bewegung ist die Resolution, welche der Versammlung unterbreitet werden sollte und die also lautet: „ Die von Franz Holubeck einberufenen, unter dem Vorsitze des Reigsrathsabgeordneten Ritter v. Schönerer in den Sälen „Zu den brd Engeln" in Wien versammelten christlichen Gewerbetreibenden erwarten eine gründliche Besserung der gewerblichen und sonstigen sozialen Verhältnisse nur dann, wenn dem überwuchernden Einflüsse des Judenthums durch Beschränkung der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte der Juden im Wege der Reichs-, Landes- und Gemeindegesetzgebung Einhalt geboten wird.^ Sie halten es daher für unbedingt erforderlich, daß die nachfolgenden Hauptbestimmungen über die Rechtsverhältnisse der Juden in Wien und Niederösterreich, wie sie unmittelbar vor dem Jahre 1848 in Giltigkeit waren, wieder in Gesetzeskraft erwachsen, resp. verschärft werden, nämlich: