Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1882)
- Date
- 1882-04-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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846 Regierung, und unser Familienleben konnte ohne sie niemals das werden, was es ohne sie ist. Und wer war Abraham? wer war Moses? wer war David? Nehmt hinweg alles das, was die Juden uns gegeben haben, nehmet hinweg, was die Juden uns unverletzlich bewahrt haben — wir würden wahrlich arm sein! .... Und dies ist das Volk, dem es nicht erlaubt ist, einen Beruf, eine Heimath, ein Land oder irgend einen Flecken auf der Erde zu haben, wo der Herr so oft zu seiner Rettung eingegriffen hat. . . . „Ich habe nur liebevolle Worte für das jüdische Volk. Sie sind mir theuer um ihres Vaters willen, Iheuer um ihrer selbst willen. Ich habe unter ihnen gelebt und wünsche mir keine besseren Nachbarn. Ich zähle einen Rabbiner dieser Stadt zu meinen Freunden. Ich bin dankbar, daß wir einen so guten und tüchtigen Mann unter uns haben. Ich wäre glücklich, wenn Deutschland uns mehr solcher schicken würde. Ich erinnere Euch, daß die Juden zu unsern christlichen Wohlthätigkeitsanstalten freigebig spenden. Unser Waisenhaus, unser städtisches Spital sollte diesem Volke ein dankbares Gedächtniß bewahren. Ich weiß es, daß sie nicht allein geben, sondern daß sie geben freudig und gern. Ist der Bittende jemals vor einer Thüre abgewiesen worden, so war es nicht vor der eines Juden, erhält er je eine rauhe Antwort, so kommt sie nicht aus dem Munde Eines des Volkes, das derselben Race angehört, der der Stifter der chr. Religion entstammte. Wir sollten den Hebräer wegen seiner Beständigkeit, vor allem aber wegen seines Patriotismus schätzen. Man hat gesagt, der Jude sei ein Umherzieher aut der Erde, daß er niemals Wurzel fasse.' Es ist dies zu seiner Schande gesagt worden, mir jedoch offenbart es das, was ich als die schönste Seite (crowning glory) seines Charakters ansehe. Wie die Nachkommen Abrahams Judäa anhangen, dem Lande ihrer Väter, wie sie Jerusalem anhangen, der Stadt ihres großen Königs. „„Wo ist die Brust,"" sagt James Hamilton, „„in welcher Troja patriotische Gemüthserregungen erweckt? Welche Nation pilgert nach den sumpfigen Gegenden Ninive's oder Babylon's? Und welche Regungen außer einer unbestimmten Traurigkeit wurden je hervorgerufen unter den gebrochenen Säulen Palmyra's oder den Felsennestern Peträa's? Wo sind die Völker, welche das Erbrecht haben, unter solchen Ruinen zu sitzen, aufsuchend die Zeugen eines dahingeschwundenen Glanzes; das Recht zu weinen, weil ihr Haus verlassen, ihr Boden verheert ist? Aber es gibt eine Stadt, deren Geschick ganz eigentümlich ist. Erobert, verheert, zerstört, niedergebrannt, ihre Bürger als Sklaven verkauft und unter härtesten Strafen ihnen untersagt, ihre Geburtsstätte wieder zu besuchen; — obgleich 18 Jahrhunderte schon vorüber und Fremde noch ihren geheiligten Boden besitzen, so ist jene Stadt noch der Anziehungspunkt vieler Herzen und erweckt von Zeit zu Zeit Schmerzen so scharf und Gefühle so stark, als wäre sie jetzt erst gefallen."" Und das ist zu einem schmerzvollen Vorwurf dem Bundesvolke geworden. Sie können nirgends Wurzel fassen, sie können sich nirgends zu Hause fühlen, wird gesagt: sie können nicht Judäa, sie können nicht Jerusalem vergessen, sie können den Platz der Gräber ihrer Väter nicht aufgeben, und darum müssen sie gleich wilden Thieren aus der Welt gejagt werden. Und doch fühle ich mich gezwungen hinzuzufügen, daß wo auch die Juden hingewandert sein mögen, sie gerade so gute Bürger waren, wie die Regierung sie sie sein ließen. Haben die Vereinigten Staaten bessere Bürger als diese verachtete und verfolgte Race? Waren sie nicht loyal gegen das Vaterland im letzten Kriege? Waren sie nicht treu der Fahne? Gaben sie nicht ihr Geld her? Vergossen sie nicht ihr Blut?" „Aber was können wir in einer solchen Nothlage wie diese thun? Wir können zuerst vor Allem ihnen ein Asyl anbieten. Wir können unsere Thore noch weiter öffnen und ihnen ein Willkommen bieten, herzlich genug, um wo möglich sie ihre Leiden vergessen zu lassen. Laßt sie zu Hunderten, laßt sie zu Tausenden kommen, es kommen uns ihrer nicht zu viel. Seid nicht beunruhigt, liebe Freunde, wir werden unsere Armenhäuser nicht zu erweitern haben, wir werden nicht unsere Gefängnisse niederreißen müssen, um sie größer zu bauen, wir werden nicht in die Notwendigkeit versetzt sein, ein Schaffot mehr zu errichten. Diese Leute, wenn sie kommen, werden für sich selbst sorgen. Ich hoffe, daß wir nicht versucht sein werden zu glauben, sie würden zu gut für sich sorgen, sie würden allesammt zu rasch es zu etwas bringen. Sollten sie sich betriebsamer und sparsamer als Einige unserer eigenen Kinder erweisen, sollten sie sich als bessere Haushälter Herausstellen, sollten sie mehr ansammeln als was auf ihren Theil des Gesammttheils zu kommen scheint, so laßt es uns sanft ertragen und unser Aeußerstes thun, um es mit ihnen nuszunehmen. Ich bin sicher, daß nicht wenig Neid an all' den Verfolgungen der Juden theil hat, Herodes und Pontius Pilatus haben sich die Hände in diesem verruchten Kreuzzuge (aecursed crusade) gereicht. Unser Land, das kann ich Gottlob sagen, bietet Jedem ein Asyl an, der dessen Gestade erreichen kann, es fragt nicht nach irgend einem Glaubensbekenntniß, noch verlangt es irgend welche Garantien. Es genügt ihm, daß der, welcher vor seine Thür kommt, ein heimathloser Mensch ist, welcher ein Obdach sucht. Unser Land