Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1882)
- Date
- 1882-03-29
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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327 Feuilleton Jöfi Munch. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem ersteuDrittel des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) „Nu Tijeleben", unterbrach Opotschna, sich mit einem liebevollen Lächeln an den jüngern Sohn wendend, „hast Du Charote^) dem Taten gefolgt zu haben? Jetzt hast Du e Kalle, e Peßel Ponim2) noch viel schöner als das Mädel, was Du hast nehmen wollen; — und kriegst noch 30,000 Gulden Nedan dazu!" Tije erröthete und lachte halb beschämt, halb vergnügt, Zodok aber sagte: „Von dem is ja keine Rede, — ich rede nur davon, daß Dir bei einem Sohne etwas recht is, was Du dem andern nit erlauben wolltest; — sollt' es denn wahr sein, was die Leut' sagen, daß Du die Kinder der zweiten Frau lieber hast als mich. Deinen Bechor?^) „Was fallen Dir denn da wieder für meschunene^) Narrischkeiten^) ein," fuhr Opotschna, seine Verlegenheit durch heftigen Zorn maskirend, auf. Zodok schob die hohe Schulter noch mehr in die Höhe und sprach mit geringschätzigem Lächeln: „Efscher«) ja, efscher nein! aber die Kaschje?), die ich Dich gefragt, is Harb* * 6 * 8 * 10), sehr Harb. willst Du mir sie nicht enfern?"°) Die Frage schien Opotschna recht ungelegen zu kommen, er erröthete, nach kurzem Bedenken entgegnen er: „Auf der Kaschje Hab' ich mehrere prächtige Terezim'°). Vor Allem, wie alt war Tije, wie er das Mädel — wie hat denn das Ding, die Schochetstochter geheißen?" — er schnalzte geringschätzig mit den Fingern, „hat haben wollen? e Jüngl von 20, 21 Jahren, ohne Szechel, ohne Tewuno!") — was hat der gewußt?!" Er streichelte Tije liebevoll die erglühende Wange, als wolle er hierdurch dem Vorwurfe den Stachel nehmen, „aber D u ein an Verstand gereifter Mann, D u weißt, was Dir gut thut, Du bist ein urtheilsfähiger, kluger 1) Bedauern. 2) anmuthsvolle Schönheit. 3) Erstgeborner. 4) absonderliche. 5) Narrheiten. 6) vielleicht. 7) Frage. 8) herbe, schwer. 9) antworten. Die drei letztgenannten Worte werden vorzugsweise, man konnte säst sagen als terinini bei talmudischen Studien benüyt. 10) Antworten. II) Vernunft, Einsicht. Mann — und Ester Ulschitz is eigentlich gar kein armes Mädel, sie ist es nur lest schoo 12), weil ihr Vater sich mit seinem Schwiegervater überworfen hat ...... aber ihr Großvater Reb Mendel Landshut is ja ein wohlhabender Mann, er kann sich ja das Geid nicht mit in's Kewer^) nehmen ..... einmal muß Ester doch von ihm jarschenen"). „Tate, das is kein guter Terez, der gefällt mir nit! Reb Mendl kann, wenn er will, sein ganzes Vermögen seinem Sohne vermachen, und dessen Frau hat arme Verwandte — und, wenn Du bei Deinen Kindern auf große Nedan siehst, so sind die paar tausend Gulden, die Reb Mendl Landshut vermag, meinem großen Vermögen gegenüber e Prute15)! Ich habe vom Deden allein 50,000 Gulden geerbt, fünfzehn Jahr steht schon das Geld bei Dir im Geschäft, ich glaub' bei den guten Speculationen, die Du mit dem Gelde ausgeführt hast, werden es jetzt schon mindestens meo alofim 16) sein — da könntest Du ja von Deinem Mechuton") für mich wohl auch meo alofim Mitgift fordern — und daß Du mich anders als Tije behandelt, das ..... kommt mir bedenklich vor!" Opotschna war ein Mann, der sich in der Regel zu beherschen wußte, aber diesmal war er nicht im Stande, seine Verlegenheit zu bemeistern. Er rückte unruhig auf seinem Lehnstule hin und her, that, als ob er sein Taschentuch, das hinter ihm lag, suche, als er dieses gefunden, schnäuzte er sich ganz umständlich, dann sprach er, sich zu einem Scherze zwingend: „Ich Hab' noch einen Terez, der maspik18) sein wird; — den werd' ich Dir sagen, wenn wir einmal allein sein werden." „Warum nit gleich? Wir können ja ins andere Zimmer gehen — aber ich Hab' immer gehört, wo eine Szod is, da is keine Bruche daran!" 19) Frum't und Tije erhoben sich, um sich unter irgend einem Vorwände zurückzuziehen, das lustige Vögele hing sich an den Arm ihrer Mutter und sagte: „Mameleben! ich geh' mit Dir, ich will heute noch etwas an dem Tfillinbeutelchen, das ich meinem Choßon20) schicken will, arbeiten" und trällerte einen der Nigunim, welche der Chasan vor Kurzem zum Besten gegeben. Als Opotschna mit Zodok allein war, trat eine kurze Pause ein, dann sprach dieser: „Nun sind wir allein Tate, laß mich jetzt 12) zur Stunde, zur Zeit. 13) Grab. 14) erben. 15) ein Pfennig. 16) Hunderttausend. 17) Vater der Schwiegertochter. 18) genügend, ausreichend. 19) Wo ein Geheimnis ist, da ist kein Segen daran. 20) Bräutigam, Verlobter.