Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1882)
- Date
- 1882-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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316 habest und nicht wiederum mit der Folter bedroht werdest, ist es am Besten, Du fliehest zusammen mit Deinem Gefangenen und mit Deinem Weibe und Deinen Kindern nach Sicilien. Dort wird Euch Niemand suchen. Du wirst ein wohlhabender Gutsbesitzer und brauchst nicht mehr das bittere Brod des Kerkermeisters zu verzehren." „„Chanina"", sagte Dromon, „„Dein Vorschlag ist gut; ich würde Dir sofort die Zusage geben; allein, ohne die Zustimmung meines Weibes wird es sich nicht durchführen lassen."" „Freilich", antwortete Chanina, „so berathe Dich mit Deinem Weibe und sage mir morgen Antwoü." Aspasia, die Gattin des Kerkermeisters, war eine sehr kluge Frau. Als ihr Dromon von dem Anträge Chanina's Mittheilung machte, sagte sie: „Zögere nicht, mein Dromon, und greife mit beiden Händen zu. Ich glaube kaum, daß man viel Aufhebens davon machen wird, wenn eines Tages der Jude seinem Käfig entflohen ist. Auch wird, meiner Meinung nach, die Herrschaft des Kaisers nicht lange währen in diesem Lande, und wenn die ''&iufciuiu wieder die DWljnnb gewinnen, so wird es Dir zum Guten gedacht werden, daß Du den Gefangenen hast entfliehen lassen. Wie schön wird es sein, wenn wir auf Sicilien als freie und begüterte Leute leben werden!" Am andern Tage berichtete Dromon dem Chanina, daß er bereit sei, auf seine Pläne einzugehen, und nun wurde verabredet, daß die Flucht in der Nacht von Sonntag auf Montag statthaben sollte. Aspasia und ihre Kinder verließen schon am Tage die Stadt und begaben sich an die Meeresküste, wo das Schiff ihrer wartete, das sie nach Sicilien bringen sollte. In der darauffolgenden Nacht traten Chanina und Dromon in Joseph's Kerker. „Chanina," rief Joseph, als er den Freund erkannte, „wie werde ich Dir danken können! Du bringst mir die Freiheit!" „„Du brauchst mir nicht zu danken,"" antwortete Chanina, „„was ich jetzt für Dich thue, Du hättest cs für mich gethan, wenn ich im Kerker und Du in Freiheit gewesen wärest."" „So ist es", antwortete Joseph, „und Gott, der Allwissende, weiß es, daß ich nicht geruht und gerastet hätte, um das Leben eines unschuldig eingekerkerten Bruders zu retten." „„Laß uns nicht mit Worten,"" sagte Chanina, „„die kostbare Zeit verbringen. Eile und verlasse mit Dromon die Stadt. Die Wachen am i Hafenthore sind gewonnen; sie werden Euch aus! der Stadt lassen, sobald Ihr das verabredete Loosungswort „Sicilien" aussprecht. An der Küste erwartet Euch das Schiff, das Euch hinüberbringen wird." " Eilig verließen sie das Castell und wanderten dem Hafenthore zu. Da blieb Joseph plötzlich stehen. „Wo ist Miriam?" fragte er. „„Miriam lebt und ist gesund,"" antwortete Chanina. „Aber, wo befindet sie sich?" „ „Auf einem Schlosse in der Nähe von Beneventum." " „Und wie heißt der Gastfreund, der sie dort ausgenommen?" „„Stille, Joseph. Wir dürfen hier nicht so laut sprechen. Ich werde Dich bis vor die Stadt geleiten und Dir dort Alles erzählen."" Sie kamen an das Thor. „Sicilien!" flüsterte Chanina, und der wachhabende Soldat öffnete schweigend das Ausfallspförtchen. Die drei Männer wanderten dem Ufer des Meeres zu. „Joseph," sagte Chanina, „Du mußt vor allen Dingen eine Zeit lang auf Sicilien Dich verborgen halten, ehe Du daran denken darfst, Miriam aufzusuchen." „„Gewiß,"" antwortete Joseph, „„aber sage mir jetzt, wie der Mann heißt, dem jenes Schloß bei Beneventum gehört."" „Joseph," sagte Chanina, „Miriam war von Belisar zum Tode verurtheilt, weil sie den Seegrafen Totila gewarnt und vor Gefangenschaft bewahrt hatte. Da erbat sie sich der Römer Lucius Licinius und ließ sie auf sein Schloß bei Beneventum bringen." „„Allmächtiger Gott!"" schrie Joseph. „Erschrick nicht, Freund; der Römer wurde sofort von Belisar nach Rom geschickt. Ehe der Krieg beendigt ist, wird er nicht zurückkehren." „„Und meinst Du; ich würde nach Sicilien gehen und an meine eigene Sicherheit denken, solange Miriam in der Gewalt unseres schlimmsten Feindes ist? Kehre Du in die Stadt zurück. Ich begebe mich sofort nach Beneventum."" (Siehe die Fortsetzung in der ersten Beilage.) Hierzu sechs Beilagen. Verantwortliche Redactron: vr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition deS .Israelit* große Bleiche 45. I. Got t Sieben'» Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).