Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 13-14 (29.3.1882)
- Date
- 1882-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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311 fürworten und vor der in Amerika den Vorzug geben. Wie man uns berichtet, genügen 200 Fr., um in gesunder und fruchtbarer Gegend Gelände anzukaufen, auf welchem eine Familie sich vollständig und reichlich ernähren kann: noch 1300 Fr. wären erforderlich zur Erbauung eines Häuschens, zur Anschaffung von Ackergeräthen, Vieh, Sckatkorn rc. Da hierbei auf eine Familie von fünf Personen gerechnet wird, so stellen sich die Kosten für eine Person auf 300 Fr. oder 240 Mark. Wohlfeiler wird die Ansiedelung in Amerika wohl auch nicht herzustellen sein. Dagegen sind die Uebersiedelungskosten von Rußland, namentlich von Südrußland nach Palästina ganz bedeutend geringer als die nach Amerika. Die Reise von Kiew nach Jaffa wird weniger kosten, als die von Kiew nach Hamburg. Es werden also die Ueberfahrtskosten über das Meer vollständig erspart und können dieselben für die Ansiedlung verwerthet werden. Wir bitten daher alle diejenigen edlen Glaubensgenossen, welche sich unserer hartbedrängten russischen Brüder annehmen, die Ansiedelung eines Theiles derselben in Palästina oder in den angrenzenden Ländern in's Auge zu fassen. Noch eins wollen wir hinznfügen. Wenn die bedauernswerthen Auswanderer nach Südosten dirigirt werden, so ist Aussicht vorhanden, daß sie Juden bleiben; wenn sie aber über das große Wasser geschickt werden, so liegt die Gefahr nahe, daß sie binnen weniger Jahre sich nicht anders entwickeln werden, als die große Mehrzahl unserer amerikanischen Stammesgenoffen. Unsere Glaubensgenossen in Uußland. Mainz, den 27. März. Der „Köln. Zeitung" wird aus Berlin gemeldet: Nach Mittheilungen aus Petersburg, welche als zuverlässig betrachtet werden, hätten die Regierungsmaßregeln gegen die Juden mit der Apothekensperre ihr Ende noch nicht erreicht. Jgnatiew soll sich eifrig bemüht haben, gleichzeitig mit der genannten Verordnung einen Ukas durchzusetzen, der den Juden den Aufenthalt in den Dörfern untersagt. Dagegen habe sich indessen von Seiten anderer Minister Widerspruch erhoben. Man habe geltend gemacht, daß dadurch der Industrie und der Wohlfahrt des Landes ein erheblicher Schaden zugefügt würde. Jgnatiew soll sich dabei aber nicht beruhigt haben, und die Angelegenheit im Ministerrathe, der Anfang nächster Woche abgehalten werden soll, zur Beschlußfassung bringen wollen. Man glaubt in Petersburg, daß zwar die Mehrheit der Minister gegen Jgnatiew's Antrag stimmen werde, schließt jedoch die Möglichkeit nicht aus, daß Jgnatiew's Einfluß stark genug sein werde, um die kaiserliche Genehmigung für die Stimmen der Minderheit gegen die Juden zu erwirken. Von Herrn Rabbiner Dr. Rü lf erhalten wir die Mittheilung, daß nach, von WM schau aus, ihm zugekommenen Nachrichten derKyW > von Rußland die bekannten fünf Beschlüsse Haupt-Commission bereits am 13. März bestätig habe. Dem gegenüber können wir unfern Lesern die beruhigende Versicherung geben, daß die von uns am 20. März publicirte Nachricht von der Nichtbestätigung jener blutigen Beschlüsse aus zuverlässiger Quelle stammt. Freilich ist damit die Gefahr für unsere so hartbedrohten Glaubensgenossen in Rußland noch nicht beseitigt. Die Geschichte lehrt uns, daß oftmals gütig gesinnte Monarchen trotz anfänglicher Weigerung schließlich dem verderblichen Einflüsse ihrer Räthe nachgegeben haben. Wir halten uns daher verpflichtet, wiederholt die dringende Bitte, an alle Diejenigen, in deren Macht es steht, zu richten, daß sie Alles anfbieten, in diestr hochwichtigen Angelegenheit für unsere hartbedrängten Brüder thätig zu sein. Als es sich im Jahre 1845 darum handelte, den Ukas des Kaisers Nikolaus, welcher die Juden auf 50 Werst von der Grenze vertreiben wollte, rückgängig zu machen, eilte der edle Sir Moses Montefiore nv' inx' 'n» sofort nach Petersburg, erbat und erhielt Audienz beim Kaiser, und Gott segnete sein Bemühen. Von vielen Tausenden jüdischer Familien wurde in Folge der Hingebung eines Einzelnen das drohende Verderben abgewendet. Auch heute noch haben wir Männer, deren Namen hochgeehrt und hochgeachtet sind im Rathe der Fürsten und Völker. Sollte sich, was Gott verhüten wolle, die obenerwähnte Nachricht der „Köln. Zeitung" bewähren, so müßten auch wir den alten Weheruf Mordechai's erheben: »vv£t,nd;d,-j „Einflußreicher als der Monarch ist der den Juden übelgesinnte Minister!" — Aber der allgütige Gott, der uns schon so oft befreit und errettet hat, wird uns nicht verlassen. Wir jedoch müssen' Alles thun, was in unsren Kräften steht, unsren bedrohten Brüdern zu helfen. a'S'-.yn td *po irw tö ’.ns' "r Berlin, 28. März. Der „Voss. Ztg." wird aus Petersburg telegraphirt: „Es cirkulirt heute das Gerücht, daß Jgnatiews Stellung stark erschüttert sei. Das Gerücht findet dem Anschein nach darin Bestätigung, daß Jgnatiew nicht zur Hoftafel nach Gatschina geladen wurde".