Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1882)
- Date
- 1882-03-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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292 Krieg erklärt, daß sie beraubt, geplündert, mimensch- > lich behandelt werden, bloß ihres Glaubens wegen? i Insofern sei dies nicht bloß jüdische Sache, sondern; eine Sache der Menschheit und der Menschlichkeit. j Darum sei es Pflicht eines Jeden, namentlich auch ' der Frauen, helfend eiuzugreifen, daß wir den weltgeschichtlichen Moment in seiner ganzen Bedeutung erfassen und der großen Aufgabe gerecht werden. Nach einigen kurzen, aber eindringlichen Schlußworten theilt der Vorsitzende mit, daß Beitragslisten bei dem Bankhause B. H. Goldschmidt und fämmtlichen ComitSmitgliedern auftegen. Feuilleton. Löö Wunih. Kulturhistorisches Zeitbild aus dem e r st e n D r i L t e l des 18. Jahrhunderts. Von S. Kohn. (Verfasser von „Gabriel".) (Fortsetzung.) Als aber Reb Kalmen Apotschna nach fast vierjährigem Wittwenstande eine zweite Ehe einging, da sandte der mittlerweile alt gewordene Großvater seinen Sohn nach Prag, um das Kind nach Preßburg zu bringen. Da Zodoks Onkel kinderlos war, blieb jener der einzige Enkel feines Großvaters, der ihn mit der größten Liebe und Nachsicht behandelte. Der alte Mann hatte noch das Glück, die Bar- Mizwah') seines Enkels zu erleben; — kurz darauf starb jener und Reb Kalmen Apotschna, der mittlerweile auch Vater eines Sohnes und einer Tochter zweiter Ehe geworden, hielt es für seine Pflicht Zodok zu sich nehmen. Der kinderlose Onkel Zodoks hatte den Knaben, der in Folge der Blatternkrankheit, die unverlöschliche Spuren zurückgelassen, und eines unglücklichen Falles ein häßlicher, — durch die übergroße Zärtlichkeit des Großvaters, der ihm keinen Wunsch versagen mochte, auch ein eigenwilliger, störrischer Bursche geworden war, trotz alledem, schon um feiner verstorbenen, einzigen Schwester willen, liebgewonnen, und hätte ihn gern an Kindesstatt angenommen; aber dazu wollte sich Reb Kalmen Apotschna, aus Vaterliebe, aus Stolz oder aus sonst einem Grunde nicht einverstehen, und da der Preßburger Rabbiner — in streitigen Fragen wurde stets die inappellable Entscheidung des geistlichen 1) der dreizehnte Geburtstag, an welchem dem jüdischen Knaben, die religiösen Pflichten auserlegt werden. Oberhauptes angerufen — paskente Z, es habe Niemand das Recht, ein Kind seinem Vater, der sich eines guten Rufes erfreue, vorzuenthalten, mußte Zodok feinem Vater übergeben werden. Zodoks Onkel benahm sich hierbei wie ein braver, redlicher Mann. Er legte Neb Kalmen ein Inventar der Hinterlassenschaft seines Vaters vor, und erklärte ihm, daß dieser schon bei seinen Lebzeiterr die Hälfte für Zodok bestimmt hatte. Er sprach es offen aus, daß wenn er nicht wüßte, daß Reb Kalmen Apotschna ein ehrlicher und reicher Mann sei, er das Vermögen seines Neffen bis zu dessen Großjährigkeit bei sich behalten oder in das Depötenamt der Prager Judengemeinde gelegt hätte; aber, daß er vollkommen überzeugt fei, daß Reb Kalmen das Vermögen seines Sohnes erster Ehe, wie ein echter, rechter Vater verwalten, und ihm dieses sobald er im Stande sein werde, es selbst zu verwalten, übergeben werde. Zodok hatte auch in seinem Vaterhause die besten Zeiten. Als er das Alter erreicht, und wie sein Vater — allerdings nicht mit vollem Rechte — behauptete, die nöthigen Vorkenntnisse erlangt hatte, ließ ihn Reb Kalmen die Jeschiwo eines hervorragenden Talmudlehrers besuchen. Nun gab es damals unter den Jeschiwobesuchern auch eine kleine Zahl, welche nur dein Namen nach Bachurim, in der That aber nicht viel anderes als privelegirte Müssiggänger waren und — ähnlich einzelne bemoosten Häuptern auf süddeutschen Universitäten, die sich wohl Studenten nennen, aber statt die Zeit mit nützlichen Studien auszufüllen, lieber trinken, fechten, spielen — die die nebensächlichen Atribute eines Bachurs zur Hauptsache machten, die Hauptsache, die talmudischen Studien aber fast gar nicht kultivirten. Auch Zodok Apotschna war ein solcher Mensch, der inmitten der Bachurimwelt lebte, ohne eigentlich in der That ein Talmudjünger zu sein. Auf allen Jeschiwos hatten sich nämlich Bachurim-Ehevros2 3) gebildet, welche den löblichen Zweck hatten, durch wöchentliche Beiträge, welche die Wohlhabenden leisteten, die Unbemittelten, besonders in Krankheitsfällen, zu unterstützen. Der Umstand, daß die Juden jener Zeit von der Außenwelt ganz abgeschlossen, lediglich auf ihr Ghetto angewiesen waren, mehr noch die Art und Weise, mit der damals die religiös-talmudischen Studien betrieben wurden, — nämlich die Methode, jeder Einzelnheit die genaueste Aufmerksamkeit zuzuwenden, alle nur denkbaren Fälle in's Auge zu fassen, nach allen Richtungen hin zu erörtern, zu beleuchten, die seltensten und seltsamsten Combinationen zu ersinnen; hatte jener Zeit die Signatur einer eigenthümlichen 2) nach talmudlsch-rabbinischem Rechte entschied.' V 3) Talmudjnnger-Berein.