Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1882)
- Date
- 1882-03-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447910--18581-2474630- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
291 ertheilen. Er gab demselben das Wort. Herr Cllinger dankte zuvörderst für das zahlreiche Erscheinen; er wundere sich nicht darüber, denn eine oer edelsten Perlen in Ruhmeskranze Frankfurts sei ja die Hilfebereitschaft seiner Bewohner, ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität der Hilfsbedürftigen. Er erinnerte dann daran, wie oft Deutschland Amerika schon beigestanden, und wie freudig dafür Amerika Deutsche ausgenommen. Das bezeichnte er als den eigentlichen Fortschritt in der modernen Kultur, daß die Schranken zwischen Nationen, zwischen Konfessionen mehr und mehr fallen, daß wir näher und näher der Zeit kommen, von der die Propheten sagen, daß dann die ganze Menschheit vereint sein werde in dem Glauben an Einen Gott, der der Vater aller Menschen ist und feinen Unterschied zuläßt zwischen Bruder und Bruder, zwischen Schwester und Schwester. — Als so viele russische.Flüchtlinge in Amerika angekommen, da hätten schließlich die dortigen Juden die Mittel für sie nicht mehr aufbringen 'können, denn es habe sich nicht um Almosen, um Steuerung der augenblicklichen Noth gehandelt, sondern darum, die Leute aufzurichten und in den Stand zu setzen, für sich selbst zu sorgen. Solange es fünfhundert, ja tausend waren, sei es den Amerikanern nicht eingefallen, von Europa Mithilfe zu beanspruchen. Sie hätten die Auswanderer in Empfang genommen, nach verschiedenen Theilen des Landes gesandt, ihnen Arbeit verschafft, sich der Frauen und Kinder angenommen und in einem kleinen Maßstab begonnen, was jetzt in größerem Maße ausgeführt werden müsse, nämlich die Anlegung von Kolonien. In Louisiana (Catahoula Parish) sei eine kleine Kolonie angelegt worden und in gutem Fortgang begriffen. Die Ankömmlinge hätten alsbald erklärt, sie wollten keine Almosen, sie wollten arbeiten, er selbst habe dreißig davon an der Eisenbahn in Pittsburgh arbeiten sehen, sie fühlten sich glücklich dabei und das um so mehr, als sie Niemand in der Hebung ihrer Religion stört und sie den Samstag ruhen könnten. Nun sei ja in Amerika Land genug, das nur der Erschließung harre; aber das erfordere dennoch ein bedeutendes Kapital. Den 3000 bereits Ausgewanderten folgten vielleicht noch 10,000 und 20,000. Diesen könne man doch sein Herz nicht verschließen. Deswegen hätten seine Freunde in Amerika zu ihm gesagt: Geh heim zu deinen Brüdern, das sind die Menschen, ohne Unterschied der Religion und der Nationalität; sage ihnen, was nothwendig ist, und die Herzen werden Dir entgegenschlagen! Ueberall habe er es auch so gefunden, die Herzen und die Taschen hätten sich geöffnet, in England, in Frankreich, in Hamburg, in Nürnberg, und erhebend sei die Begeisterung gestern in Mannheim gewesen. Frankfurt werde aber sicher mit hell leuchtendem Beispiel vorangehen. Der Plan der amerikanischen Hilfsgesellschaft sei folgender: Strecken Landes anzukaufen, dies einzutheilen und den Familien, die sich dem Ackerbau widmen wollen, zuzuertheileu, ihnen die zur Anschaffung von Utensilien, Viehstand u. s. w. nothwendigeu Vorschüsse zu machen und für's erste Jahr den ersorderlichen Unterhalt zu gewähren. Dies solle aber kein Geschenk sein, sondern die Summe sei innerhalb einer gewissen Reihe von Jahren zurückzuzahlen, denn die Leute sollten ganz ans sich selbst gestellt werden. Diese Zurückzahlungen fließen in einen Fond, der für alle Zeiten eine Unterstützung bilden soll für Inden, die sich dem Ackerbau widmen. Denn die Juden seien stets ein ackerbautreibendes Volk gewesen, und nur die Gesetze ihrer Aufenthaltsländer hätten sie zum Handel gezwungen. Redner führte die in diesen Tagen erschienene Broschüre von Dr. Rülff in Memel an, der die volkreichen, russischen Städten Wilna und Minek besucht und fast die ganze jüdische Bevölkerung aus Bauern, Handwerkern und Arbeitern bestehend, efunden hat. Wer dafür sorge, daß bisher unbeaute Landstrecken der Kultur erschlossen werden, sei ein Wohlthäter der Menschheit, ein noch größerer sei der, der zugleich Menschen dorthin verpflanze, die er aufrichte und befähige, später wieder Anderen zu helfen. — Dein warm empfundeiTen und daruni auch einen tiefen Eindruck hervorbringenden Vortrage folgte andauernder Beifall. Herr Juftizrath Dr. Fuld forderte unter einer kurzen Schilderung des Elends der Geflüchteten auf, recht tief ins eigene Vermögen zu greifen. Herr Direktor Dr. Bärwald wies auf die Wandlungen der Zeiten und Geschicke hin, auf die Verödung Spaniens seit der Vertreibung der Juden, auf die Blüthe der Kulturländer, welche die Verjagten aufnahmen. Die jetzt in Rußland Unterdrückten wanderten von den Rheingegenden bei den Verfolgungen zur Zeit der Kreuzzüge uud später nach den sarmatischen Ebenen aus, und die Nachkommen der im Lauf der Zeit Zurückgekehrten haben zur Förderung der deutschen Kultur manches beigetragen. Merkwürdig sei die Wandlung in England; die englische Geistlichkeit, dies. Z. sich am meisten der Wiederzulassung der Juden widersetzt hatte, stehe jetzt au der Spitze der Bewegung zu Gunsten der Juden, geleitet von den höchsten Würdenträgern aller christlichen Konfessionen. Gott habe das Unglück, das über die Juden hereinbrach, stets in Segen verwandelt. Möge es auch jetzt so werden! Wir unsererseits müßten den Verfolgten und Verachteten Gelegenheit geben, als freie Bürger eines freien Staates die Vorurtheile gegen ihren Stamm zu widerlegen. Die Frage sei die: Darf es geschehen, daß Millionen Menschen der