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Der Israelit · 1882-03-22 · Heft 12 (22.3.1882) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 12 (22.3.1882)
Date
1882-03-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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293 Minutiosität aufgedrückt, welche sich im Gemeindej und Vereinsleben in einer Weise ausdrückte, die uns Bürgern einer raschlebigen Zeit vollkommen unbegreiflich erscheint. Die Statuten der kleinsten Chewre mit dem winzigsten Zwecke, den sich die Neuzeit nur auszudenken vermag, erfreuten sich einer Paragraphenfülle, als wenn es sich um die Gründung eines die ganze Menschheit umfassenden Universalstaates gehandelt hätte. Reiche, junge Leute, welche sich auf der Jeschiwo weder durch Begabung noch durch anstrengenden Fleiß auszeichneten, wußten sich nur durch die Höhe ihres „Büchel-Geldes" — so nannte man die Beträge zur Bachurim-Ehewre — Geltung und allgemeine Beliebtheit zu verschaffen. Nun zählte auch Zodok Opotschna zu dieser Sorte Titular-Bachurim. Sein Büchelgeld-Beitrag war der größte, der je seit Menschengedenken auf einer Jeschiwo vorgekommen war, überdies unterstützte er Arme im Allgemeinen, ganz besonders aber arme Kollegen in wahrhaft großartiger Weise. Es wird daher Niemanden in Verwunderung setzen, daß Zodok Opotschna zum Gabbe - Rischon4 5) der vereinigten Bachnrim - Chewres gewählt wurde. Er waltete dieses Amtes mit so großer Unermüdlichkeit und solcher Ersprießlichkeit, daß man über sein geringes, talmudisches Wissen — es war auch dies noch eine sehr euphemistische Bezeichnung — mit rührender Menschenliebe beide Augen energisch zudrückte. Er führte über die Einnahmen und Ausgaben mehrere Bücher, er besuchte jeden Bachur, der krank darniederlag, die Armen, um ihnen Unterstützung zu bringen, die Anderen, um sie durch angenehme Unterhaltung zu zerstreuen, ja er ging in seinem Pflichteifer als Vorsteher so weit, daß er oft ganze Nachmittage bis tief in die Nacht hinein Karten mit ihnen spielte, wobei er die Mitspielenden in splendidester Weise bewirthete. Auch in einer andern Weise wußte er sich angenehm, nützlich und daher beliebt zu macheil. Es gab damals in Prag eine große Zahl von Talmudisten, welche Jeschiwos hielten und es lag daher in der Natur der Sache, daß oft ein sogenannter Sium^) abgehalten wurde und da wurde das Arrangement der Tafel, die Ordnung des Menu's stets mit vollstem Vertrauen in Zodok Opotschna's bewährte Meisterhand gelegt — und dieser wußte immer den höchst gespannten Erwartungen zu entsprechen, dem Feste durch reiche 4) erster Vorsteher. 5) wörtlich Schluß. Bei Beendigung eines Talmudtraktates wurde dies durch eine Mahlzeit, welche den Charakter eines religiösen Aktes trug, gefeiert. So z. B. war bei einer solchen, wenn diese in den drei Wochen zwischen den beiden sich auf die Zerstörung Jerusalems beziehenden Fasttagen fiel, der, sonst während dieser Zeit an Wochentagen untersagte Genuß von Fleischspeisen und Wein gestattet. Gaben aus seiner Tasche einen Glanz zu verleihen, den es ohne diese nie zu erlangen vermocht hätte. — Da Zodok nun zu einem Mäcen und großmüthigen Wohlthäter so schöne Begabung bewies, hielt inan es für unzweckmäßig, ein so gediegenes Talent einrosten zu lassen und Zodok wurde, trotzdem er noch ein „lediger Jung" war und früher in Israel Unverheirathete in der Regel jedem Anspruch auf Ehrenstellen entsagen mußten, doch zu einzelnen Vertrauensposten — wenn auch nur von untergeordneter Bedeutung berufen, und der hochgeschätzte Leser wird es begreiflich finden, daß Zodok Opotschna sich weder dem Talmudstudium ergeben, noch viel um das große, ausgebreitete Handlungsgeschäft seines Vaters kümmern konnte. „Ich habe immer von: frühen Morgen bis spät am Abend zu arbeiten", hatte der wichtigthuende Zodok, sich im strengstell Winter die Stirne trocknend, einmal gesagt, „ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht!" worauf ihm ein fremder, reicher Bachur mit malitiösem Lächeln im Hinblick auf sein feuerrothes Haar boshaft erwiderte: „Man sieht Dir's an. Dir brennt der Kopf!" Merkwürdiger Weise schien Reb K almen Opotschna diesen, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, ziellosen Lebensgang seines Erstgeboren zu begünstigen, ja trotzdem Zodok in jenem Alter stand, in welchem zu jener Zeit schon Jedermann verheirathet war, hatte er ihn noch immer nicht zum Choßon°) gemacht; wenn ihm die Schadchonim mit Partien für Zodok überliefen, war ihm keine reich und vornehm genug, — kwährend seine bedeutend jüngere Kinder zweiter Ehe, der schöne vierandzwanzigjährige Tije und die anmuthsvolle neunzehnjährige Vögile schon — und zwar nach auswärts verlobt waren. — Erst vor einigen Tagen hatte Zodok seinem Vater zu dessen Ueberraschung seine Absicht, Reb Gerschom Schadchen an Efter's Vater zu senden, heute, einen Augenblick, wo er ihn allein sprechen konnte, den günstigen Erfolg — Efter's Weigerung war ihm damals noch nicht bekannt — mitgetheilt. Zodok hatte von seinem Vater, welcher bei seinen Kindern zweiter Ehe auf reiche Partien gesehen hatte, lebhaften Widerstand erwartet und nun schien dieser seine Wahl stillschweigend zu billigen. Neben Zodok saß, wie wir schon erwähnten, dessen Halbbruder Tije, rechts vom Vater die Hausfrau Frurnit, eine noch immer schöne Frau, in welche sich Reb Kalmen als Wittwer verliebt und sie vor fünfundzwanzig Jahren als Hausfrau heimgeführt hatte. Sie war sabbatlich gekleidet, ihre reiche Haube war mit kostbaren Steinen und Spitzen besetzt, sie trug prachtvolle Brillantohrgehänge. Ihre 6) Bräutigam.

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