Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1882)
- Date
- 1882-03-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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268 decken, die nur an Sabbaten und Feiertagen gebraucht wurden, abgenommen und sich aus dem Salon — damals nannte man ihn „Parade-Eheder" entfernt und in das Gesindezimmer gegangen waren, allein mit seiner Familie. Nach Hawdala^) hatte er die feinen Sabbatkleider, in denen er vom Minchagebete aus der Synagoge heimgekommen, abgelegt, und den bequemen Hausrock, den ihm der Diener brachte, angezogen, dann setzte er sich wieder obenan in den Lehnstuhl an den langen Tisch und sang gemeinschaftlich mit seinen beiden Söhnen die Semiros lemoze schabbos'), während seine zweite Frau und seine Tochter zuhörten. Nachdem die Männer ihren Gesang beendet, trat eine Pause ein, die wir benützen wollen, dem geschätzten Leser die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft vorzustellen. Das Haupt der Familie kennen wir schon, rechts neben ihm saß sein Sohn erster Ehe, Zodok, den Elke in nicht sehr schmeichelhafter Weise beschrieben hatte. Diesmal war das boshafte Weib ausnahmsweise nicht stark von der Wahrheit abgewichen. Zodok war ein magerer, hoch aufgeschossener Mensch von etwa 28 bis 30 Jahren. Das brennend rothe Haar hatte er offenbar von seinem Vater, wohl auch dessen eben nicht unangenehme Gesichtsbildung, aber sein Antlitz war 'von Pockennarben zerrissen, wie dies zu einer Zeit, wo Dr. Jenners, ein halbes Jahrhundert später gemachte Erfindung der Impfung noch nicht bekannt gewesen, sehr häufig vorkam. Er hatte — wie Elke Ulschitz, zugleich auch auf die Entstehungsursache dieses Körpcrfehlers zurückgehend, schon berichtet — eine Schulter höher als die andere, so daß der Totaleindruck seiner äußeren Erscheinung, selbst von seinen besten Freunden nicht als ein günstiger bezeichnet werden konnte. Zodok war von frühester Jugend an verwöhnt und verzärtelt. Seine Mutter war die einzige vielgeliebte Tochter eines sehr reichen Preßbürger Großkaufmanns gewesen, der außer der strengen Erfüllung seiner religiösen Pflichten keinen weiteren Lebenszweck kannte, als mit allen seinen Kräften das Glück seiner Kinder zu befördern. Reb Kalmen hatte nach der Sitte der damaligen Zeit, wo die reichsten Leute ihre Söhne auf — zuweilen weit entfernte — Jeschiwos 10) sandten, in Preßburg lernen") sollen ^Kalmen Apotschna besaß gute geistige Anlagen, ja er war ein ungewöhnlich kluger Mann; — aber er 8) Eine Benediction, die beim L-abbatansgange über Wein, Gewürze und eine brennende, geflochtene Wachskerze gesprochen wird. 9) Gesänge am Sabbatausgange. 10) Talmndschulen. 11) talmndische und religiös-wissenschaftliche Studien betreiben. war auch ein Egoist und hatte schon frühzeitig an der Maxime festgehalten, zunächst das zu thun, was ihm Nutzen brachte, dann das, was ihm Vergnügen bereitete — etwas Drittes zu thun, wenn es nicht entweder unabweisliche Pflicht oder zwingende Notwendigkeit war, schien ihm vollkommen unzweckmäßig und er blieb nur auf der Jeschiwo, weil dies damals unter den Juden zum guten Ton gehörte. Er hätte wohl die scharfsinnigen Vorträge aufgefaßt, wenn er sich den, Mühe und Anstrengung erfordernden Vorbereitungen unterzogen hätte; aber, da er wußte, er sei als der einzige Sohn eines reichen Kaufmannes dazu bestimmt, einst das große väterliche Handlungsgeschäft zu übernehmen und daß er seine talmudischen Kenntnisse nie zum Broderwerbe verwenden würde, so blieb ihm in Preßburg immerhin noch Zeit genug, sich anderweitig zu beschäftigen, angenehme Bekanntschaften zu machen und zu kultiviren, ja sein praktischer Sinn ging so weit, eine Annäherung mit großen Preßbürger Geschäftshäusern zu suchen, die er dann, als er ins volle Geschäftsleben übertrat, in der That in zweckmäßigster Art verwertete. In solcher Weise war er auch in das Haus seines zukünftigen Schwiegervaters gekommen. Reb Kalmen war in seiner Jugend, wenn man von seinen brennend rothen Haaren absehen mochte, ein schöner, stattlicher Mann, der sich gut und klug zu benehmen wußte. Er konnte ein Mädchenherz gewinnen und Perl, die schöne Tochter des reichen Großkaufmanns, gefiel auch ihm, — daß sie eine große Mitgift erhielt und ihr einst eine große Erbschaft zufallen mußte, erschien dem jungen Mann eben auch nicht als Fehler, kurz — bevor Kalmen Opotschna die Preßbürger Jeschiwo verließ, um in das große Geschäft seines Vaters einzutreten, kam dieser mit seiner Frau, und seinem Hausrebbe^), dem bei allen Familienangelegenheiten eine gewichtige Stimme eingeräumt wurde, nach Preßburg, um die Familie und das Mädchen näher kennen zu lernen, sich über die Höhe der Nedan zu vereinbaren; und es wurde das Verlobungsfest gefeiert. Kalmens Schwiegervater trennte sich ungern von seiner einzigen Tochter, die er fast noch mehr als feinen einzigen Sohn liebte, und " als sie ein Jahr nach der Verlobung, nach einem außerordentlich prunkvoll gefeierten Hochzeitsfeste mit ihrem Gatten das Elternhaus verließ, in ihre neue Heimath zog, überkam ihrem Vater bei dem Gedanken, daß ihre Trennung eine ewige sein könnte, daß sic sich möglicherweise nie mehr Wiedersehen würden. 12) Reiche Leute pflegten einen gelehrten Talinndisten entweder als Hausgenossen aufzunehmen oder auch dafür zu honoriren, daß er das Haus täglich besuche, gewisserntassen das Hauswesen in religiöser Beziehung, den Unterricht der Kinder überwache, in religiösen Fragen Aufschluß ertheile u. dgl. in.