Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1882)
- Date
- 1882-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447898-2447909--18558-2474606- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
261 den Häusern, allermeist sind's nur hölzerne Gitter, welche die ohne symetrisches Bedürfniß aufgebauten Mauern durchbrechen. Kapernsträucher wachsen da und dort aus den Ritzen heraus und Gras deckt den Rücken halbzersallener Dächer. Viel gibt das Bild Seite 77 zu denken. Da sehen wir einen Bauer mit Pflügen beschäftigt. In der Linken hält er die Sterze des räderlosen Pfluges, den zwei unter das hölzerne Joch gebeugte Rinder ziehen. Er pflügt den Schutt Jerusalems, den an dieser Stelle der Sturm der Jahrtausende 80 Fuß hoch über einer Thalschlucht aufgehäuft hat. Zu seiner Linken erhebt sich eine riesige Steinmasse, Ueberreste einer aus gewaltige!: Quadern erbauten Brücke, die einst die Oberstadt mit dem Tempelplatz verband. Im , Hintergründe zeigt sich die Mauer eines Hauses. Ihr Dachgeländer ist mit Dreiecken verziert, die aus! Hohlziegeln bestehen. Ein solches Geländer wehrt I neugierige Blicke ab und gestattet dem Luststrom i freien Zutritt.! Bei dem fast gänzlichen Mangel von Inschriften! ist die Aufhellung vom Bild des biblischen Jeru-! salem sehr schwierig, doch werden die sachbezüglichen Fragen gerade durch die Nachgrabungen von H. Guthe zu einem gewissen Abschlüsse kominen. Das vorliegende Werk läßt sich auf gelehrte Streitfragen nicht ein, sondern schildert nur, was gründliche und muthige Forschung an Ort und Stelle gefunden. Wir dürfen dieses Werk aus voller Üeberzeugung jeder gebildeten Familie für ihren Büchertisch empfehlen. Durch seinen Text wie durch seine Bilder ist es in hohem Maße dazu angethan, uns im Lande der Bibel heimisch zu machen, uns einen getreuen Einblick in dessen eigenartige Natur zu geben, uns den Wandel der Kultur, an den Palästina seit ferneren Jahrtausenden bis zur Gegenwart sich betheiligt, zu zeigen. Verständlicher wird Jedem, der dieses Werk studirt hat, gar nianche Stelle der Bibel sein. Er wird etwas spüren von dein Hauche unsterblicher Herrlichkeit, den Geschichte und Poesie über jene Gegenden ausgossen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Oesterr. - Ungar. Monarchie. Pesth. Der bekannte ungarische Dichter Moriz Jokai veröffentlicht in dem ungarischen Blatte „Hon" folgenden Artikel über die Judenfrage, die, wie man weiß, durch Herrn Jstoczy auch im ungarischen Parlament aufgeworfen worden ist: „Sind wir Ungarn so dicht von guten Freunden umgeben, daß wir uns nur darüber den Kopf zerbrechen müßten, wie wir uns einen Feind suchen sollen? Haben wir eine solche Uebervölkerung, ein solches Uebermaß an Kräften und Fähigkeiten, daß wir es uns zur Aufgabe machen müßten, wie wir uns des Ueberflusses an Bürgern entledigen sollen? Jeden Tag kämmt irgend Jemand mit einem weisen Antrag, mit welchem eine kleine Nationalitäten-Hetze eingeleitet werden kann. Heute kommt irgend Einer, der wegen der Molestirungen einer sächsischen Fraktion die siebenbürger Sachsen aus dem Lande jagen möchte; morgen will ein Anderer die patriotischen Bacskaer oder Theresiopler Serben wegen der Demonstration einiger unreifer Omladinisten über die Grenze jagen; ein andermal wieder! hat Jemand einen Einfall, welcher der deutschen Handels- und industriellen Welt Budapests, ja des ganzen Landes den Vernichtungskrieg erklärt; — heute halten wir zur Abwechslung eine kleine Judenhetze. Es wäre traurig, wenn es nöthig wäre, aber es ist ein ganz überflüssiges, weil unnöthiges Beginnen, die ungarländischen Juden gegen diese Hetzerei in Schutz zu nehmen. Es gibt unter den Juden gute Menschen und schlechte Menschen wie bei allen Rassen und Konfessionen; es gibt unter ihnen reiche Leute und arme Teufel; es gibt Solche, die auf ehrbarem Wege sich ein schönes Vermögen erworben haben, und es gibt wieder Andere, die zu Grunde gegangen sind wie andere Sterbliche. Es leugnet Niemand, daß es jüdische Wucherer gibt,; allein, da muß nicht der Jude verfolgt werden, sondern! der Wucherer. Und das wird geschehen, l Das Wuchergesetz wird geschaffen werden, aber * nicht, um den Juden den Wucher zu verbieten und ' dem christlichen Wucherer ein Privilegium zu geben, son-; dern um die Einen wie die Anderen auf den Weg des; ehrlichen Erwerbes zu drängen. Die Juden haben auch ihre speziellen Fehler | allein, wegen dieser Fehler die 600,000 Seelen betra-; gende, getreueste Bevölkerungsklasse des Landes, eine : Klasse, die über so hervorragende geistige und materielle Fähigkeiten verfügt, an den Pranger zu stellen, ist eine so hochgradige Ungerechtigkeit, daß die Strafe dafür nichts Geringeres sein kann, als dasjenige, was heute der von Jstoczy befürworteten Petition der Eisenburger Dechantei zu Theil geworden, nämlich: von allen Seiten verlacht zu werden. Das ganze Haus hat über diese Petition gelacht, das ganze Haus — mit verschwindenden Ausnahmen — hat sich dagegen erhoben. Doch frage ich: Hat Ungarn eine kleine Judenhetze nothwendig? Ist es unserer so schwer wiederhergestellten Reputation, unserer so vielseitig angefochtenen Autonomie, unserem Kredit erwünscht, daß wir uns selbst das Kainszeichen der religiösen Verfolgung auf die Stirne drücken? Haben wir nicht das Beispiel Rußlands vor uns, wo eine große Nation durch die Judenverfolgung die